Blickwinkel

ARD vs. YouTube: Konkurrenz durch Kopie?

Influencer Marketing

Einen mutigen Vorstoß wagte jüngst ARD-Chef Ulrich Wilhelm. In einem Interview mit dem Handelsblatt dachte er laut über die Gründung eines europäischen Ablegers von YouTube nach, das zudem auch Elemente von Facebook und Google enthalten sollte. Ein Social-Media-Hybrid also, nur eben nichts so amerikanisch und hoffentlich auch nicht so eingestaubt wie das Vorabendprogramm der ARD.

Die kostenlosen und kostenpflichtigen Inhalte für diese Plattform könnten Wilhelm zufolge von öffentlich-rechtlichen wie auch privaten Rundfunkanbietern ebenso wie von Publishern und von Institutionen aus Wissenschaft sowie Kultur beigesteuert werden. Letztlich ginge es darum, ein Format zu schaffen, das für den direkten Austausch der User ebenso gemacht sein sollte wie auch eine gute Suchfunktion beinhalten müsse. Eine europäische Alternative zu YouTube mit Facebook- und Google-Elementen eben.

Eine, die am Ende aber auch eine Konkurrenz zu den Tech-Riesen aus den USA darstellt, weil, so Wilhelm, jeder, der eine große Zielgruppe im Internet erreichen wolle, letztlich zwangsläufig bei Google, Facebook, Apple und Amazon lande. Und die spielten nach ihren Regeln, die nicht in der europäischen Kultur und Rechtsordnung wurzelten. Konkreter formuliert: „[...] dort wird beispielsweise Nacktheit als etwas Schlimmeres angesehen als die Leugnung des Holocausts und entsprechender Content gelöscht."

50 Millionen für den Prototyp und „gute“ eigene Algorithmen

Wie und mit wem ARD-Chef Ulrich Wilhelm das Projekt konkret angehen und praktisch umsetzen will, bleibt unklar. Er wünscht sich zu Beginn eine Art Runden Tisch, an dem dann eben neben Vertretern der ARD und des ZDF auch jene der privaten Rundfunkanbieter sitzen, ebenso wie Verlage und auch Kultur- sowie Wissenschaftsvertreter. Die Kosten für den „Bau“ des Prototyps beziffert Wilhelm auf 50 Millionen Euro. Die sollen nicht aus den Rundfunkgebühren der Nutzer stammen, sondern könnten aus Wagniskapital öffentlicher Banken oder auch von Stiftungen gewonnen werden.

Die Plattform soll möglichst auf Basis eigener, „guter“ Algorithmen basieren, denn aktuell sind es die großen US-Firmen, die mit ihrer Künstlichen Intelligenz kontrollieren, was Europäer auf ihren Plattformen zu sehen bekommen. Gerade mit Hinblick auf Desinformation, Wahlmanipulationen und Hassrede ist dies mindestens kritisch, wenn nicht gar gefährlich. Europäische Algorithmen andererseits würden sicherstellen, dass man in Europa wieder die digitale Hoheit über die den Kontinent und die Bevölkerung prägenden Werte zurückerhielte. Und damit auch über die Interpretation und Umsetzung des europäischen Verständnisses von Privatsphäre und Datenschutz.

Nicht zuletzt sollten diese eigenen europäischen Algorithmen es Demagogen erschweren, ihre Propaganda und Fehlinformationen auf dieser europäischen Plattform zu platzieren. Und damit, so Wilhelm, würden letztlich auch die Folgekosten reduziert, die entstehen, wenn die durch Polarisierung und Desinformation entstandenen Filterblasen und Echokammern die Demokratie in Europa nicht nur in den Social Media zu zerreiben drohen.

Privatsender sind bereit, ZDF ist skeptisch

Während die großen privaten Rundfunkanbieter wie ProSiebenSat.1 oder auch die RTL-Gruppe sich sehr interessiert an einem europäischen YouTube zeigen, bleibt das ZDF auf Distanz, auch aus Angst davor, dass es auf einer länder- und senderübergreifenden Plattform schwieriger werden könnte, das eigene Senderprofil zu schärfen bzw. überhaupt noch eindeutig erkennbar zu sein.

Medienexperten andererseits attestieren dem Projekt des ARD-Chefs einen gewissen Charme. Wenn es nämlich eine solche Plattform gäbe, auf der man unterschiedliche Produktionen aus ebenso unterschiedlichen Quellen und Ländern gebündelt sehen, gezielt suchen und leicht finden könnte, müsste man nicht mehr auf unterschiedlichen Seiten im Netz – und im besten Fall auch nicht mehr auf YouTube – danach suchen, was wiederum die Attraktivität und die Userzahl einer solchen Plattform erhöhen und YouTube womöglich den einen oder anderen Nutzer entreißen würde.

Kritiker wiederum bemängeln, dass Wilhelm das Erfolgsmodell von YouTube nicht verstanden habe. Denn die führende Videoplattform sei am Ende ja vor allem deswegen groß geworden, weil sich auf ihr neben mittlerweile vielen hochwertigen Produktionen ja in erster Linie schriller, sympathischer und witziger Amateur-Content findet. Und ob solche Inhalte ihren Weg auch auf ein europäisches YouTube der ARD-Art finden (sollen), ist fraglich.

Autor: MB

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