Blickwinkel

Chinas grimmige Troll-Armee

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Man sollte seine Worte weise wählen, wenn es um (Online)-Kritik an China geht. Oder um Satire, die man über die Social Media verbreitet. Eine Welle an Online-Häme traf nämlich jüngst eine chinesische Familie, die in Stockholm weilte und in einer Jugendherberge übernachten wollte. Tatsächlich kamen die drei etwas – also ganze 14 Stunden – verfrüht an und wollten einchecken. Doch das ging nicht. Ebenso durften sie die lange Wartezeit nicht schlafend in der Lobby verbringen. Das wiederum machte die chinesische Familie wütend. Sie weigerte sich zu gehen und erst die schwedische Polizei konnte sie letztlich dazu bewegen, die Lobby zu verlassen – indem sie sie auf die Straße trugen.

Diese Episode schwedisch-chinesischer Völkerfalschverständigung hatte zunächst ihren über 66.000 Aufrufe währenden Ruhm auf YouTube.

Heikel wurde die ganze Geschichte erst als Jesper Rönndahl, der Anchor der öffentlich-rechtlichen Satiresendung Svenska Nyheter, diese Episode zum Anlass nahm, die Satirekeule so richtig durch die sowieso schon dünne diplomatische Luft zwischen den Skandinaviern und der Volksrepublik zu wirbeln. Einen bissigen Einspieler später, in dem die Sendung chinesischen Touristen absurde und ätzende Dos and Dont's für deren Urlaub in Schweden mit auf den Weg gibt (beispielsweise nicht die Straße mit einer öffentlichen Toilette zu verwechseln), rüsteten chinesische Online-Trolle zum Gegenangriff.

Der Angriff der Di Ba Central Army

Die über Facebook operierende Di Ba Central Army rief ihre etwas mehr als 44.000 Mitglieder zu einem „Kreuzzug“ gegen die Feinde Chinas auf und zwischen 3.000 und 5.000 Menschen aus der Community folgten diesem Aufruf. Sie fluteten sowohl Jesper Rönndahls Facebook-Seite wie auch jene des Senders SVT und des schwedischen Außenministeriums mit wütenden Posts und Memes.

Trotz dieses Angriffs sind die Schweden verhältnismäßig glimpflich davongekommen, zumindest auf Facebook. Denn die Di Ba Central Army ist nur ein kleiner Ableger der über 20 Millionen Mitglieder zählenden Online-Community Di Ba – eine mächtige Troll-Armee, die jederzeit bereit ist auszuschwärmen und die Social-Media-Accounts von jedem anzugreifen, der China und die Chinesen in irgendeiner Form beleidigt. Ihren Zorn bekam sogar Taiwans – oder seien wir lieber vorsichtig: der Republik Chinas – Präsidentin Tsai Ing-wen zu spüren, als sich kurz nach ihrer Wahl 2016 und innerhalb von nur acht Stunden etwa 40.000 pro-chinesische und gegen die Unabhängigkeit Taiwans gerichtete Kommentare auf ihrer Facebook-Seite fanden.

Diplomatische Verwerfungen und die Army of Lovers

Schwedens Satire jedenfalls erhielt auch von anderer medialer Seite einen Daumen nach unten. Ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums veröffentlichte kurz nach dem Ausstrahlen der Sendung eine Meldung, in der klar betont wird, wie rassistisch, beleidigend und verletzend der mit vielen Vorurteilen und Provokationen gespickte Einspieler für China und die Chinesen sei. Selbst eine Reisewarnung für Schweden hatte China bereits vor der Sendung und kurz nach dem Vorfall in der Jugendherberge ausgesprochen.

Sveriges Television versuchte auch auf Druck schwedischer Handelsverbände die Wogen zu glätten und entschuldigte sich für seine China-Satire, zumindest irgendwie. Diese Message aber war der chinesischen Botschaft nicht aufrichtig genug, sondern sogar zu heuchlerisch. Entschuldigungen, die in Zusammenhang mit Verweisen darauf ausgesprochen würden, dass man die eigentliche Intention nicht rüberbringen konnte, oder auch, dass die eigentliche Message der Satire auch aufgrund großer kultureller Unterschiede verloren gegangen sei, akzeptierte Chinas Botschaft in Stockholm ebenso wenig wie sie es als mindestens gleichermaßen beleidigend empfand, dass während der Satiresendung Svenska Nyheter Chinas Staatsterritorium ohne Taiwan und Teile Tibets auf der Weltkarte abgebildet wurde.

Bleibt abzuwarten, wann Chinas Troll-Armee wieder zuschlägt, wen deren Kommentar- und Meme-Flut dann treffen wird und was man ihr entgegensetzen kann. Vielleicht die Army of Lovers, eine schwedische Pop-Band aus den 1990er-Jahren, die es in schrillen Kostümen gekleidet meisterhaft verstand, Liebe, Toleranz und Absurdität über ihre sympathischen Synthiepop-Hymnen in die Welt zu tragen.

Autor: MB

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