Blickwinkel

Coronavirus - Bekämpfung viraler Gerüchte

Influencer Marketing

Noch schneller als das Coronavirus selbst verbreiten sich Gerüchte über den Lungenkrankheits-Erreger in den sozialen Netzwerken. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht von einer „massiven Infodemie“ und zeigt sich besorgt über die Informationsflut, welche die Unterscheidung von wahren und falschen Informationen zunehmend erschwert. Und sie ruft die sozialen Netzwerke zur Bekämpfung von Falschinformationen auf.

Globaler Angststurm

So kursieren in den sozialen Netzwerken und Messengern jede Menge Falschmeldungen und Verschwörungstheorien zu Herkunft und Ausmaß der Pandemie sowie dubiose Heilmitteltipps. Darunter fallen Gerüchte über heimliche Experimente der chinesischen Regierung, eine von der Bill und Melinda Gates-Stiftung patentierte Biochemiewaffe oder dass die Krankheit Folge des 5G-Funknetzausbau sei. Manche Falschmeldungen propagieren Vitamin C als Präventivmaßnahme, andere Knoblauch und sogar Bleichmittel als wirksame Medizin. Die absurdesten Beiträge werden hunderttausende Male gesehen, geliked, weiterempfohlen und bescheren ihren Erfindern Aufmerksamkeit, Reichweite und Verbreitung persönlicher Feindbilder. Befeuert wurden diese Gerüchte auch durch den Umstand, dass die WHO Ende Januar den globalen Gesundheitsnotstand ausrief.

Digitaler Gegenschlag der WHO

Doch die WHO holt zum Gegenschlag aus. Neben einer eigenen Coronavirus-Sektion auf ihrer Webseite hat die Organisation eine große Informationskampagne in den sozialen Medien gestartet. So beantwortet sie beispielsweise auf Twitter unter dem Hashtag #KnowTheFacts Fragen verunsicherter Nutzer und stellt sich in Echtzeit Gerüchten und Falschmeldungen entgegen. Außerdem rief die WHO alle Digitalunternehmen auf, der Verbreitung von Fake-News entgegen zu wirken. In einem Tweet würdigte der WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus den Kampf der sozialen Netzwerke gegen die Gerüchte sowie das Hinweisen auf zuverlässige Informationen und Quellen.

Facebook-Konzern: Suchen, Prüfen, Löschen

So löscht der Facebook-Konzern auf seinen beiden Plattformen Facebook und Instagram als Fake-News identifizierte Meldungen mit Verweis auf die Facebook-Richtlinie, dass Nutzer keine Inhalte verbreiten dürfen, die anderen potenziell schaden können. Dies ist seit der Erklärung des Gesundheitsnotstandes möglich. So schrieb Facebooks Gesundheitschef Kang-Xing Jin nach der Notstandsverkündung in einem Blogbeitrag: „Wir werden damit anfangen, Inhalte mit falschen Behauptungen und Verschwörungstheorien zu löschen, wenn sie von führenden internationalen Gesundheitsorganisationen als gefährdend für Nutzer gekennzeichnet werden.“ Mit künstlicher Intelligenz sucht der Konzern virale Beiträge zum Coronavirus, um diese anschließend von Fakten-Checkern überprüfen und gegebenenfalls löschen zu lassen. Außerdem versenden diese Warnhinweise an Nutzer, die bereits Fake News geteilt haben oder verbreiten wollten, als diese noch nicht gelöscht wurden. Zudem plane der Konzern kostenlose Werbeschaltungen von Gesundheitsbehörden, um Bürger in betroffenen Gebieten über das Virus aufzuklären.

TikTok: Melden und Löschen

Auch die chinesische Video-App TikTok, laut Medienaktivisten von „Media Matters“ die am stärksten von der Coronavirus-Gerüchteküche infizierte Plattform, will Fake-News eindämmen beziehungsweise löschen. Bereits die aktive Coronavirus-Suche wurde mit einem Hinweis auf die Nutzungsbedingungen versehen, welche Falschmeldungen verbietet, wenn sie Nutzern schaden. Außerdem würden TikToker derzeit verstärkt dazu aufgerufen, derartige Inhalte zu melden. Außerdem verweist die App auch auf die Website der WHO, um Nutzer zur Faktenüberprüfung zu animieren, bevor diese Beiträge über das Virus liken oder teilen. Wie Fake-News von Seiten der Plattform konkret aufgespürt würden, ist allerdings nicht klar.

Twitter: Ausblenden & informieren

Eine Löschpolitik wie bei TikTok und im Facebook-Konzern gibt es bei Twitter derzeit nicht, obwohl das Virus aktuell bei Twitter (wie auch bei YouTube) in den globalen Trends landet. So beschränkt sich der Kurznachrichtendienst bisher darauf, kritische Inhalte zum Coronavirus per Algorithmus auszublenden. Dazu sei die Suchfunktion in vielen Ländern überarbeitet worden. Unseriöse Quellen würden herausgefiltert und im Gegenzug Inhalte aus sicheren Quellen angeboten. Wer hierzulande nach dem Stichwort Coronavirus sowie 30 weiteren relevanten Keywords sucht, der bekommt automatisch einen Link zur Seite infektionsschutz.de präsentiert, welche die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Kooperation mit Twitter erstellt hat.

YouTube und Google: Verbergen, Informieren, Alert-System

Auch YouTube beschränkt sich auf das Ausbremsen fragwürdiger viraler Videos durch eine Veränderung der Algorithmen. Fake-Videos würden in der Suchfunktion verborgen und glaubwürdige Nachrichtenquellen bevorzugt. Genauso praktiziert es YouTube-Mutter Google. Dort wird bei der englischsprachigen Suche und der auf mobilen Plattformen zudem vor den Suchergebnissen ein sogenannter SOS-Alarm angezeigt. Die kuratierte Aufklärungsseite enthält neben einer Linksammlung der WHO allgemeine Verhaltenstipps zur Vermeidung einer Ansteckung.

Ausreichender Schutz vor Fake-News?

Warnen, Filtern, Löschen und Informieren sind also die Gegenmaßnahmen der sozialen Medien zur Eindämmung der Gerüchte-Pandemie. Allerdings greifen diese Maßnahmen nur bedingt. Schwierig wird es, wenn Plattformen gemischt werden – beispielsweise durch das Teilen von TikTok- oder YouTube-Videos in privaten WhatsApp-Gruppen. Ausgetrickst werden Suchalgorithmen auch, wenn anonyme Nutzer dieselben Gerüchte immer wieder in neuer Form verbreiten. Das wahrscheinlich größte Problem ist allerdings der Faktor Zeit. Bis Fake-News aufgespürt und von Faktencheckern geprüft werden können, werden sie meist schon von Hunderttausenden Nutzern gesehen – und schlimmstenfalls multipliziert. Darin ähnelt die virtuelle Gerüchteküche der realen Virus-Pandemie: So ist die Todesfallrate nach dem ersten Februarwochenende sprunghaft angestiegen und die Prognosen für den Höhepunkt der Epidemie nach hinten korrigiert worden. Auch die Dunkelziffer der Infizierten wird mit 75.000 Fällen um ein Vielfaches höher als bisher geschätzt.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bleibt dennoch weiterhin gelassen.

Autor: KS

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