Blickwinkel

Die auch noch: Warum Lisa & Lena Musikvideos machen

Influencer Marketing

Hände hoch, wer kennt Lisa & Lena? Die größten deutschen Influencer sind die neuen Mary-Kate & Ashley Olson und wissen scheinbar genau, wie sie sich und ihr Lebensgefühl zu vermarkten haben.

Sie sind vielleicht Deutschlands größte Influencer, bloß dass kaum einer ihre Namen kennt. Warum? Lisa und Lena Mantler sind gerade 15 geworden und ein Großteil ihrer Fans ist international. Bekannt geworden sind die beiden durch die App musical.ly. Dort können kurze Song-Schnipsel in ein kurzes Lippen-Synchro-Video umgearbeitet und geteilt werden. Auf dieser App sind sie mit über 20 Millionen Followern der größte Account weltweit. Auf Instagram kommen sie mittlerweile auf 11,5 Mio. – damit sind sie hinter Mesut Özil und Toni Kroos (den Fußball-Weltstars von Arsenal London und Real Madrid mit über 10 Mio. Grundgehalt) auf Platz drei aller Deutschen. Da guckt selbst eine Bibi mit nicht mal halb so viel blöd aus der Wäsche. 


Sympathisch, kreativ, nahbar und trendsicher – so sehen moderne Stars wahrscheinlich aus

In jedem ihrer Videos, ebenso wie bei Veranstaltungen, sind sie modisch top gekleidet. Sämtliche Trends wie Sporthersteller-Logos, all-over-Prints oder Batik lassen sich bei ihnen finden. Ist das der Grund, warum sie so viele Fans haben, abseits von ihrem auf die Spitze getriebenen Twinning (die beiden sind unglaublich schwer auseinander zu halten)? Die Choreographien, die die beiden einstudieren und zeigen, sind komplex genug, um als kreativ zu gelten. Verfolgt man die Karriere der beiden, wird ein richtiger Entepreneur-Gedanke deutlich. Trotzdem wirken die Zwillinge in ihren Interviews und Aussagen angenehm auf dem Boden geblieben. So sagten sie beispielsweise in der W&V: „Wir wollen keine Werbetafeln sein“, denn sie suchen sich ihre Kooperationspartner nach Gefühl aus. So gab es dann beispielsweise eine Anfrage von BOSS, für die sie die Reverse-Kollektion modelten.

Die Zwillinge stellen eine Art Prototyp einer modernen Influencer-Karriere dar

Jetzt singen sie ebenfalls. Das Lied ist offensichtlich mindestens eine Hommage an Flo Ridas "My House" und erinnert allgemein schon irgendwie an Lieder, die man kennt. Es klingt girly und sieht gleichzeitig schön aus mit dem gezeigten American Dream aus palmenumsäumten Baseball- und Football-Feldern, schwarz-weißen Polizei-Autos und gelben Schulbussen. Diesen American Dream kannst du heutzutage eben auch mit Social Media erreichen und die beiden freuen sich wirklich authentisch darüber. Man kauft ihnen das irgendwie alles ab. Ganz anders als bei Bibi’s Top-Flop „How it is (wap bap...)“ hält sich der Dislike-Button trotz des fehlenden Gesangstalents im Rahmen und auch im Vergleich zu ihren YouTube-Kollegen (wie viele es da gibt, z.B.: LIONT, Kayef, ApeCrime, Krappi, ApoRed, DieLochis, Shirin David, Leon Machère oder KsFreak) hat das Lied das eine bisschen mehr Professionalität und Authentizität, was bisher fehlte.

Lisa & Lena vermarkten und verkaufen ihr Lebensgefühl einfach unglaublich gut

Den Song „Not Your Fault“ kann man sich gratis herunterladen, weil er gar nicht direkt als Single gedacht ist. Vielmehr soll mit dem Video ihre neue Fashion-Marke „J1MO71“ promotet werden, die im Rahmen eines umfassenden Deals mit Warner Music seit letzter Woche online steht. Und direkt wären wir wieder bei dem American-Lisa&Lena-Dream, dessen Vibe in ihrer Song- und Outfit-Wahl bei musical.ly, den dazu kombinierten ur-amerikanischen MTV-Musikvideo-Choreographien anfängt und sich kombiniert mit der High-School-Traum-Atmosphäre aus dem Video schließlich in der aktuellen Kollektion kaufen lässt.

Das Feeling gibt es zu kaufen, willkommen im Marketing!

Der Unterschied zwischen dem klassischen Merch und „J1MO71“ mag auf dem Papier gar nicht so groß sein, aber schon die Tatsache, dass der Bezug zu den beiden nur sehr kryptisch herzustellen ist, ist wichtig. Der Träger eines solchen Kleidungsstücks zeigt sich nicht offensichtlich als Fan, was in Zeiten der dauerhaften Bewertungen innerhalb von Generation Y und Z schon durchaus als angenehm empfunden werden kann. Die Prints und Schriftzüge sind relativ Sinn frei, wirken aber cool – ähnlich wie beispielsweise der auch bei H&M vertriebene Merch der Purpose-Tour von Justin Bieber. Mit einem „Purpose“-Pulli rumlaufen? Geht, weiß eh keiner der das nicht positiv findet. Mit „Justin Bieber“-Pulli rumlaufen? Okay, vielleicht dann doch nicht.

Ziehe ich einen „J1MO71“-Sweater an, fühle ich mich nicht wie ein Fan mit Merch. Ich möchte mich fühlen wie Lisa und Lena selbst, so glücklich und froh und stets top gekleidet. Dieser wohl einfachste Kauf-Mechanismus, der weit über die popkulturell passende Ästhetik der Kleidungsstücke von „J1MO71“ hinausgeht, wird mit diesem Move von Warner noch stärker geprägt. Das Musikvideo erfüllt seinen Zweck perfekt und hat sogar fast Radiotauglichkeit, das Marketingpotenzial für die beiden Teenager ist enorm, denn so sehen unsere Stars und It-Girls von morgen aus. Die nächsten Mary-Kate und Ashley Olsen sind Deutsche und Influencer.


Bildquelle: Promiflash // Marina Buzunashvilli und Cornelia Filipov GbR

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