Blickwinkel

Die Christlich Digitale Social Union

Influencer Marketing

Debakel, desaströs, dünnhäutig und überhaupt nicht digital. So lassen sich die Ergebnisse der ehemals etablierten Ex-Volksparteien SPD und CDU bei den Europawahlen Ende Mai wohl am besten beschreiben. Zudem belegen die hohen Stimmverluste, dass der YouTuber Rezo nicht nur eine Welle losgetreten hat. Vielmehr wird man das Gefühl nicht los, dass er mit seiner furiosen Abrechnung und mittlerweile über 14 Millionen Mal angeklickten „Zerstörung der CDU“ den Christdemokraten fast schon eine Art selbsterfüllende Prophezeiung mit auf den Social-Media-Weg gab. Andere (Stichwort: AKK) empfanden Rezos Aufruf eher als Negative Campaigning, nur, dass es ihm bei seinem Video nicht darum ging, Gerüchte zu streuen, sondern wissenschaftliche Wahrheiten zu verbreiten, wenn auch extrem verkürzt und auf YouTube-Sprech getrimmt.

Die Christlich Digitale Union

Nach dem Wahldebakel-Wake-up-Call will zumindest nun die CDU stärker auf IMSM (Irgendwas Mit Social Media) setzen. Der dem Wertekanon der Christlichen Demokratischen Union eng verbundene Think Tank Cnetz legte ein entsprechendes Positionspapier vor. In Social Media, Influencer, Digitalpolitik und Wahlkämpfe beschäftigen sich die beiden CDU-Bundestagsabgeordneten und Cnetz-Sprecher Thomas Jarzombek und Jörg Müller-Lietzkow damit, wie sich die Partei künftig im Netz und den Social Plattformen aufstellen soll und welche Gestalt ein Influencer ex macchina – also eine äußere Social-Media-Macht, die von irgendwie außen eingreift und die CDU mit beiden Beinen auf den Boden der sozialen Netzwerke verankert – annehmen müsste:

„[…] die CDU [muss] und den Dialog mit den Influencern, aber auch mit all denen führen, die sich im Internet politisch einbringen (wollen). Das geht. Vielleicht nicht mit #Rezo, aber die Haltungen in der Szene sind durchaus breiter.“

Man könnte nun kleinlich sein und sich fragen, was ein Hashtag vor Rezo in einem PDF eigentlich bewirken soll. Aber das wollen wir an dieser Stelle nicht. Schließlich liefert das vierseitige Positionspapier ja noch weitere interessante Ideen, wie ein Influencer von CDUs Gnaden sein sollte (Spoiler Alarm: In jedem Fall nicht grün oder links oder gar beides!):

„Deutlich wird in diesen Tagen aber auch, dass es wie so oft in der Medienszene, eine zumindest wahrgenommene Vorliebe für grüne und linke Sichtweisen gibt. Daher muss die CDU offenkundig andere, eigene Influencer aufbauen, die weniger vorgeprägt denken. Das können und dürfen aber keine typischen Politiker sein! Stattdessen sollte man meinungsfreudige Menschen identifizieren, die der CDU inhaltlich Nahe stehen und bitten diese zu unterstützen. [...] Daher muss die CDU offenkundig andere, eigene Influencer aufbauen, die weniger vorgeprägt denken.“

Digitale Politik statt Print-Parolen

Die CDU-MdB Thomas Jarzombek und Jörg Müller-Lietzkow werden auch auf den folgenden Seiten nicht müde zu betonen, dass zumindest die Art und Weise, wie CDU-Politik künftig kommuniziert werden sollte, ein umfangreiches Update benötigt. Vor allem, wenn es um die Ansprache der Millennials bzw. der Generation Z geht:

„Redet man bei einem Infostand im Idealfall mit einer zweistelligen Zahl von Menschen am Tag, so warten gleichzeitig sehr viel mehr Wählerinnen und Wähler auf eine Ansprache über ihre Smartphones, Tablets, Smart Devices und Notebooks. Die richtigen Zielgruppen mit den richtigen Botschaften zu erreichen, das ist hier der Weg. Kein Mensch unter 30 will Papier und Plakate, wohl aber digitale Botschaften smart verpackt.“

Wie diese für Social Media kompatible smarte Verpackung politischer Programme aussehen soll, weiß Cnetz auch. Man müsse prägnanter, verständlicher und genauer formulieren und sich eine eigene Präsenz auf Plattformen wie YouTube, Instagram, Snapchat oder auch TikTok schaffen. Spätestens hier sollten alle Politikinteressierten hellhörig werden: Wie würde wohl ein Lyp-Synch-Video der CDU aussehen? Würden sie ihre Kernforderungen in 15 Sekunden tanzen? Das zumindest wird in dem Positionspapier nicht erwähnt.

Lieber wagen Jarzombek und Müller-Lietzkow einen verschämten Schulterblick zu jenen, die es wohl besser können:

„Ein 5-minütiges Video, wo einer die ganze Zeit am Stück redet, das ist von gestern. Bei #Rezo kann man die Machart lernen: Schnelle, prägnante Argumente, Schnitte, Quotes, Charts, Musik, Webkommunikation. Und auch Quellennachweise, Belege, Interviewausschnitte zu allen Argumenten. So müssen auch moderne Politikerinnen und Politiker zu den aktuellen Themen kommunizieren – frischer, offener, positiv kritisch und mit Humor.“

Internet ist kein Fernsehen

Im weiteren Verlauf des Mini-Programms werden die Cnetz-Sprecher noch deutlicher und sogar verständlicher in ihren Forderungen. Das beginnt mit einer trivialen Feststellung, die die Diskrepanz zwischen CDU-Neuland und den Digital Natives perfekt auf den Punkt bringt:

„Das Internet ist kein Fernsehen! Also nicht einer sendet und Millionen schauen zu. Das Internet ist ein vernetzter Dialogkanal. Fragen und Argumente müssen aufgenommen und beantwortet werden. Und zwar auf Augenhöhe, in verständlicher Sprache und ohne verquasten ‚Politiksprech‘! Dabei wissen wir: Peergroups wollen mit ihren Peers sprechen.“

Apropos sprechen und Peergroups, also Bezugsgruppen: Thomas Jarzombek und Jörg Müller-Lietzkow wollen vermeiden, dass man altbekannten und in bestimmten Settings bewährten Diskursformen und Diskussionsschemata nur ein Social-Media-Gewand überzieht, anstatt die Kommunikationskultur in den sozialen Netzwerken wirklich anzuwenden. Will heißen: So wie es im Plenarsaal des Bundestags Gang und Gebe ist, sich gegenseitig verbal zur Schnecke zu machen, um Ohs, Ahs, Lacher und Empörung zu ernten, sollte es seitens der CDU in den Social Media nicht zugehen:

„Sachliche Problemlösung ohne Polemik, Innovationsfreude und Mut und verständliche Sprache. Das gilt dann auch für den ‚Web-Videokrieg‘: Nein, gegenseitige Polemik ist das falsche Instrument. Ja, Antworten mit prägnanten Argumenten sind eine geeignete Replik. Dabei gilt der gerade beschriebene Weg. #Rezo und die Europawahl sind für uns kein Problem, sondern ein schriller, ein lauter Weckruf.“

Am Ende dann endlich das Online-Nachhilfe-Angebot seitens Cnetz an die CDU:

„Unser Rat an die CDU: Wenn die CDU die Chancen des Internets nutzt, dann wird sie auch in Zukunft stark sein: Offline wie Online. Das #cnetz bietet hierzu Kompetenz in den Sachfragen und Hilfestellung in der Kommunikation an.“

Christliche Social (Media) Union

Wo die CDU ist, lauert meistens ja auch schon die CSU hinterm Schrägstrich. Oder Hashtag. Jedenfalls scheint es, dass sich Bayerns Ministerpräsident nicht mit seinem ambitionierten Raumfahrtprogramm „Bavaria One“ oder der Idee einer auch mit bayrischen Geldern finanzierten europäischen digitalen Medienplattform begnügen will. Nein, Bayerns mächtigster Politiker will mehr. Er will raus aus der Rezo-gemachten digitalen Defensive und mitten hinein in die sozialen Netzwerke. Social Media, so konstatiert er in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“, sei die schnellste Form der Kommunikation und zudem die fünfte Gewalt. Und wir gehen davon aus, dass er damit eine terrestrische und keine kosmische meint.

Insofern arbeite die CSU sowohl an einem eigenen YouTube-Kanal wie auch an eigenen Plattformen. Denkbar, so Söder, seien beispielsweise auch Echtzeit-Streams von Vorstandssitzungen der Partei. Das stellen sich weniger Politik-Verliebte nun nicht unbedingt als Blockbuster vor, immerhin aber soll so die Möglichkeit des direkten Dialogs via Kommentaren geschaffen werden. Abgestellt hingegen wird der Druck der CSU-Mitgliederzeitung „Bayernkurier“. Trotz einer Auflage von immerhin noch 20.000 Exemplaren scheint bei der Parteispitze Konsens darüber zu herrschen, dass das Print-Parteiorgan wohl kaum jemanden mehr wirklich erreicht.

Every-Day-Democracy

Viel aussagekräftiger als die Ideen um CSU-proprietäre Social-Media-Formate oder gar die Auslobung eines YouTube- oder Influencer-Preises christlich-sozialen Couleurs, sind eher andere Aussagen Söders. So stellt der Ministerpräsident des Freistaats fest, dass die Menschen eher eine Every-Day-Democracy wollen, bei der sie praktisch jeden Tag Politik live und transparent erleben und mitbestimmen können, als nur an bestimmten Wahltagen politische Prozesse mitgestalten zu können.

Dazu passen letztlich auch Söders weitere Vorstöße in Sachen konsequenter Digitalisierung der Partei, ihrer Strukturen und ihres Programms. Warum also nicht einen digitalen Parteitag abhalten und Online-Abstimmungen nicht nur für Parteimitglieder ermöglichen? Warum also nicht die Menschen dazu aufrufen, online am Parteiprogramm mitzuschreiben?

Derweil die digitalen Grünen

Ob Bündnis 90/Die Grünen es digital ebenso besser können, wie in Sachen Wählerstimmen gewinnen? Tatsächlich hat sich die Partei auf ihre grüne Fahne geschrieben, bis 2020 die erste Partei zu sein, die Offline und Online auf allen Ebenen verbindet. Das klappt zuweilen sehr gut, schaut man beispielsweise auf die Möglichkeit, den Grundsatzkonvent im März dieses Jahres im Livestream zu verfolgen oder auch das Tool „Beteiligungsgrün“, über das sich Grüne-Mitglieder online einbringen können.

Mitunter aber scheitern auch die Grünen an den Stolperfallen der Social Media, siehe Robert Habecks Rückzug von Twitter und Facebook. Oder aber sie müssen sich den Tücken der Technik beugen, wie jüngst in ihrem Webinar zur Europawahl „Europe Calling“. Die von Grünen-Europapolitiker Sven Giegold (unten rechts im Bild) angekündigte NRW-Spitzenkandidatin Terry Reintke konnte letztlich nicht dauerhaft zugeschaltet und befragt werden bzw. zu Wort kommen.

Aber auch im digitalen Scheitern kann man Charme beweisen, Authentizität vorleben und social-souverän bleiben.

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Denn mitten in diesem Webinar an einem Sonntagabend und in der wirklich heißen Phase des Europawahlkampfs, spazierte der Sohn von Michael Kellner (links im Bild), politischer Bundesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen und Wahlkampfleiter, für einige Augenblicke mitten durchs Bild der Live-Übertragung. Für die Wahlergebnisse der Öko-Partei jedenfalls entpuppten sich solche kleinen digitalen und medialen Pannen jedenfalls nicht als Nachteil.

Autor: MB

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