Blickwinkel

Die Doppelmoral von Influencern

Influencer Marketing

Deutschlands bekanntester Tech-YouTuber Alexander Böhm, alias „AlexiBexi“, prangert in einem 30-minütigen Video namens „Die Doppelmoral der YouTuber“ genau jene an. Darin rechnet er mit einer Branche ab, die seit kurzem die imageträchtige Nachhaltigkeitswelle reitet und gleichzeitig für „Bullshit-Content“ um die halbe Welt fliegt.

Echtes Anliegen Klimaschutz

Das Video startet wie eine Auto- oder Versicherungswerbung und mutiert dann zu einer Kombination aus recherchierten Fakten und Interviews des YouTubers mit anderen Tech-Journalisten. Es erinnert in seiner Machart stark an Rezos CDU-Zerstörungs-Video. Auch wenn Böhms Video nur halb so lang wie das virale CDU-Bashing ist, mutet AlexiBexi seinen Followern damit eine doppelt so lange Spielzeit verglichen mit seinen Tech-Videos zu. Für die auch er schon diverse Flugmeilen zurückgelegt hat, ebenso wie die von ihm interviewten Journalisten und Blogger, unter ihnen Spiegel-Online-Redakteur Matthias Kremp und Blogger Rob Vegas. Dennoch nimmt man Böhm ab, dass ihm das Thema Klimaschutz wirklich ein Anliegen ist. Und dass ihm die Absurdität von weltweiten Produktpräsentationen und „gepuderten“ Multiplikatoren schon seit einiger Zeit zu schaffen macht.

Einträgliches Dilemma

Mit diesem Zwiespalt konfrontiert er auch seine fünf Interviewpartner, die allesamt aus der Tech-Branche sind, sich aber nicht den Vorwurf gefallen lassen müssen, Bullshit-Content zu produzieren. Allesamt sind sich einig, in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis und einem hamsterradähnlichen Wettlauf um Erstveröffentlichung und Reichweite „gefangen“ zu sein. Insofern hätte wahrscheinlich auch die Hälfte an Interviewpartnern und Sprechzeit gereicht, um das Dilemma zwischen Marken und Content-Creatorn überzeugend aufzuzeigen. Dass sich nicht jeder seiner Follower diese Ausführungen 30 Minuten lang geben wird, ist Böhm klar. Sein politisches Anliegen ist Böhm aber so ernst, dass er sogar in Kauf nimmt, durch das Video den einen oder anderen Follower zu verlieren.

Unklare Zielgruppe

Wobei man sich fragt, für wen das Video eigentlich produziert wurde. Die YouTube-Fans werden wohl kaum ihre „Vorbilder“ entliken, weil diese für das vorgestellte, zweitklassige Smartphone nach Brasilien geflogen sind. Vielleicht werden sie sogar denken „Wow! Brasilien, da will ich auch mal hin“. Auch seine Influencer-Kollegen werden es sich nicht leisten können oder wollen, als erste beziehungsweise einzige aus diesem einträglichen Hamsterrad auszusteigen. Weil dann sofort die Kollegen aus der zweiten Liga übernehmen würden. Letzten Endes können nur die Hersteller diesen klimafeindlichen PR-Kreislauf durchbrechen. Das ist wohl auch AlexiBexi bewusst, denn in der vorletzten Minute des Videos stellt er die rhetorische Frage, was wohl die Hersteller zu all dem sagen würden. Warum er dies erst am Ende seines Videos tut, ist wohl vielen ein Rätsel.

Und die Marken?

So wird man sich wohl noch eine Weile gedulden müssen, in der Hoffnung auf ein Feedback der Herstellerfirmen. Falls es denn je eines geben wird. Denn dass sich Unternehmen AlexiBexis kritischen Fragen stellen werden, ist anzuzweifeln. Wo doch ein, zwei jährliche PR-Events für die Hersteller viel kostengünstiger sind als groß angelegte Werbemaßnahmen. So wird man seitens der Industrie wohl weiter die Taktik der Politik verfolgen, die Verantwortung für Klima- und Umweltschutz auf die Verbraucher abzuwälzen.

Absurde Influencer-Welt

Einer ähnlichen Strategie wollte sich übrigens jüngst auch ein findiges Influencer-Pärchen bedienen, welches seine geplante Afrika-Reise von den Followern via Crowdfunding finanzieren lassen wollte. Doch das ging selbst den geneigten Fans zu weit, wie die entrüsteten Reaktionen auf dem Instagram-Profil der Influencer und der Crowdfunding-Seite belegen. Die erboste Antwort, die beiden sollen sich ihre Reise doch selber erarbeiten, konterte das Paar dreist: „Wir könnten modeln und schnell Geld verdienen, aber wir wollen nicht für Konsum werben.“ Da hat AlexiBexi wohl Recht mit seiner Einschätzung, dass die Influencer-Branche teilweise schon ziemlich ausgeartet ist. Immerhin plant das Paar, seine Afrika-Reise klimaneutral per Tandem zu bestreiten und nicht mit dem Flieger.

Autor: KS

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