Blickwinkel

Facebook-Leak zeigt fragwürdige Geschäftspraktiken

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Wie kommt ein britischer Parlamentsausschuss an interne Facebook-Dokumente und veröffentlicht sie, wie jüngst medienwirksam geschehen? Die brisanten Unterlagen über fragwürdige Facebook-Machenschaften stammen vom App-Entwickler Six4Three, der momentan gegen Facebook prozessiert.

Eigentlich sind die Papiere in dem laufenden US-Verfahren unter Verschluss, doch ein Whistleblower spielte einen Teil davon in die Hände des britischen Ausschussvorsitzenden Damian Collins. Der Social-Media-Experte versucht offenbar schon seit Monaten vergeblich, Zuckerberg für eine Anhörung nach London zu bekommen. Da er keine zufriedenstellenden Antworten von Facebook erhalten habe, veröffentliche Collins nun die Dokumente. Mit einem Knall. Denn die 223 Seiten umfassenden Unterlagen des nicht mehr am Markt agierenden App-Entwicklers, offenbaren nicht nur fragwürdige Geschäftspraktiken und brisante Details, sondern stellen gleichzeitig die Beweise dafür dar.

Nutzerdaten für „gute Freunde“

So soll Facebook einzelnen Firmen bevorzugt Zugang zu Nutzerdaten wie etwa Kontakten zu Freunden gegeben haben. Dabei hatte der Konzern diese Schnittstelle via Apps, die auch die Voraussetzung für den Datenskandal um Cambridge Analytica war, bereits 2015 dichtgemacht. Mit Ausnahmen, wie sich jetzt in den Unterlagen zeigt. So hätten Unternehmen wie AirBnB und Netflix als auch die Dating-App Badoo sowie der Fahrdienst Lyft weiterhin munter Zugriff auf diese Daten gehabt, die anderen Playern verwehrt wurden. So wie beispielweise dem App-Entwickler Six4Three, der seinerzeit eine App namens „Pikinis“ anbot, welche automatisiert nach öffentlich zugänglichen Fotos von Facebook-Nutzerinnen in Bademode suchte. Zudem belegen die geleakten Papiere, dass Mark Zuckerberg schon 2013 persönlich die Entscheidung absegnet habe, den Zugang der Video-App „Vine“ zur Freunde-Suche bei Facebook zu kappen. 2016 wurde die zu Twitter gehörende App dann beerdigt – worüber Zuckerberg nicht überaus traurig gewesen sein dürfte.

Android-Schwachstelle zur Sammlung von Nutzerdaten genutzt

Zudem belegen die geleakten Dokumente, dass Facebook 2015 Anrufprotokolle und SMS-Verläufe von Android-Smartphone-Nutzern sammelte, ohne zuvor entsprechende Genehmigungen einzuholen. Für diesen Zugriff auf sensible Nutzerdaten nutzte Facebook gezielt Android-Defizite. Die Unterlagen offenbaren auch, dass Facebook sich dieser heiklen Situation durchaus bewusst war, aber das „Daumen hoch“-Zeichen gab, als man dort einen Weg fand, die Berechtigungsanfragen legal zu umgehen. Schon im März dieses Jahres war der Neuseeländer Dylan McKay dem Social Network auf die Schliche gekommen, als er via Archivfunktion seine bei Facebook gespeicherten Daten herunter lud und feststellte, das dort seine komplette Anruf- und SMS-Historie über einen Zeitraum von zwei Jahren gespeichert war – ohne sein Wissen und natürlich ohne seine ausdrückliche Genehmigung. Die geleakten Unterlagen offenbaren nun, dass Facebook mittels solcher Daten seine Kontaktsuche sowie die Algorithmen des Facebook-Feeds optimieren wollte.

Kreative Gedankenspiele zur Gewinnmaximierung

Doch der Konzern gab nicht nur Nutzerdaten an App-Entwickler weiter, sondern erfasste auch die Nutzungszeit anderer Smartphone-Apps. Auf diese Weise wollte der Konzern gefährliche Konkurrenten ausfindig machen, um ihnen Übernahmeangebote zu machen. Weiter offenbaren die Unterlagen zudem Gedankenspiele aus dem Jahr 2012, wie Software-Entwickler für Datenzugang mit Geld oder ihren Nutzerdaten bezahlen könnten.

Immer Ärger mit den Userdaten – und ein nichts sagendes Dementi

Natürlich ließ Facebook all diese Vorwürfe nicht unkommentiert auf sich ruhen. Die Unterlagen seien „selektiv geleakt und aus dem Kontext gerissen“, erklärte der Konzern auf seinem Blog und bekräftigte, dass Facebook keine Nutzerdaten verkaufe. Was ja auch niemand behauptet hat, gibt es doch viele kreative Win-Win-Möglichkeiten rund um Nutzerdaten. Dumm nur, wenn die derartig erlangten Wettbewerbsvorteile oder gar Gewinne von anderer Seite wieder abgezweigt werden. So hat die italienische Wettbewerbsbehörde AGCM das Social Network gerade zu gleich zwei Datenschutz-Strafen in saftiger Höhe von insgesamt 10 Millionen Euro verurteilt. Zum einen, weil Facebook Internetnutzer bei der Kontoeröffnung mit dem Hinweis auf die kostenlose Nutzung in die Irre führe. Dass Nutzerdaten für kommerzielle Zwecke gesammelt werden, sei so nicht klar ersichtlich. Zum anderen sei die Weitergabe von Nutzerdaten bei der Anmeldung mittels Facebook-Account bei anderen Websites und Apps fragwürdig und eine aggressive Geschäftspraxis. Scheint ganz soll, als wären Facebooks kreative Maßnahmen im Umgang mit Userdaten nicht ganz aufgegangen.

Autor: KS

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