Blickwinkel

Facebook verdient weiter mit politischer Werbung

Influencer Marketing

Auch im US-Wahlkampfjahr 2020 weigert sich Facebook nach wie vor, politische Werbung zu unterbinden. Dabei hatte ein hochrangiger Mitarbeiter erst Anfang des Jahres eine Mitschuld seines Konzerns an Trumps Wahl zum Präsidenten im Jahr 2016 eingeräumt. Stattdessen fertigt Facebook-Nutzer wie Mitarbeiter mit kleinen Zugeständnissen ab. So will der Konzern Facebook- und Instagram-Usern mehr Kontrolle über politische Werbung geben und letztere „transparenter“ machen.

Lang anhaltende, scharfe Kritik

So berichtet die New York Times unter Berufung auf ein Facebook-Statement, dass der Konzern weiterhin jede Art politischer Werbung ohne Prüfung zulassen wird. Das soziale Netzwerk beruft sich bei seiner Entscheidung auf die Meinungsfreiheit und kritisiert eine mangelnde Gesetzgebung für politische Werbung. Es sei schwer, Grenzen zwischen verboten und erlaubt zu ziehen. Kritiker argumentieren, dass bezahlte Reichweite nichts mit Meinungsfreiheit zu tun habe. Auch viele Facebook-Mitarbeiter sehen das so. In einem offenen Brief kritisierten sie bereits Ende Oktober vergangenen Jahres die unkontrollierte und bezahlte Veröffentlichung politischer Falschinformationen, die auch zu einer Unglaubwürdigkeit der Plattform selbst führen würde. Neben einer klareren Kennzeichnung bezahlter Inhalte forderten sie in dem Schreiben auch deutlich eingeschränktere Targeting-Möglichkeiten.

Umfassende Targetingoptionen zur Meinungsbildung

Trotzdem will Facebook am sogenannten Mikrotargeting für politische Anzeigen festhalten. Dabei hatte erst Anfang des Jahres der Facebook-Topmanager und Newsfeed-Miterfinder Andrew Bosworth eine (Mit-)Schuld an Trumps Wahl zum Präsidenten zugegeben. Nicht wegen russischer Einflussnahme oder Wahlmanipulationen im Rahmen des Cambridge Analytica Skandals, sondern weil Trumps Kampagnenteam Facebooks Analysetool am besten und genausten für ihre Zielgruppe angewendet hätten. So konnten politische Werbungtreibende über die Auswahl bestimmter „Custom Audiences“ Anzeigen auf Basis von Nutzerverhalten generieren – und werden es auch weiterhin können. Eine Targetingoption, die Google für politische Werbung nicht mehr zulässt – dort dürfen Nutzergruppen politischer Kampagnen nur noch auf Basis von Alter, Geschlecht und Postleitzahl angesprochen werden.

Vermeintlich verbesserte Kontrollmöglichkeiten

Facebook- und Instagram-Nutzer müssen sich damit zufrieden geben, zukünftig lediglich bestimmen zu dürfen, Anzeigen bestimmter „Custom Audiences“ nicht mehr angezeigt zu bekommen. Diese für das erste Quartal angekündigte Neuerung – zusammen mit der Option, weniger politische Werbung präsentiert zu bekommen – feiert Facebook nun in besagtem Blog-Post als große Offensive für mehr Transparenz und Kontrolle seitens der Nutzer. Allerdings muss weniger politische Werbung ja nicht per se gleichbedeutend mit weniger Lügen sein. Und mal ehrlich: Welcher vielleicht noch zögernde Trump-Wähler wird es schaffen (oder überhaupt wollen), sich aus bestimmten „Custom Audiences“ zu tilgen?

Transparente Werbebibliothek

Zu bezweifeln ist auch, ob besagte Klientel jemals den Weg in Facebooks virtuelle Werbebibliothek finden wird, mit deren neuen Funktionen sich Facebook in besagtem Blog-Post ebenfalls brüstet. Neben Auftraggeber und Auftragsvolumen von Anzeigen soll dort künftig auch die erhoffte, potenzielle Reichweite nachvollziehbar sein. Das wird den Ottonormalverbraucher aber wahrscheinlich wenig interessieren, beziehungsweise in ihrer Meinungsbildung beeinflussen. Genauso wenig wie der Umstand, dass die Suchfunktion innerhalb der Werbebibliothek verbessert wurde. Wie viel Facebook mit politischer Werbung verdient, lässt sich darin übrigens nicht herausfinden.

Keine Deepfakes mehr (über Zuckerberg)

Und noch eine weitere Neuerung zur Eindämmung von Manipulation feiert Facebook zu Beginn des neuen Jahres: Sogenannte Deepfake-Videos werden künftig von der Plattform gelöscht. Zumindest die technisch gut gemachten. Lustigerweise ist das im Rahmen einer Kunstinstallation zweier britischer KI-Profis entstandene Deepfake über Mark Zuckerberg immer noch auf Instagram zu finden. Ob aus Nachlässigkeit oder als Mahnmal für die Ersteller darf der mündige Bürger dann offenbar selbst entscheiden.

Autor: KS

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