Blickwinkel

Impfstoff gegen Fake Science und Desinformation?

Influencer Marketing

Eigentlich verortet man das gezielte Lancieren von Falschmeldungen in den Social Media eher im politischen Bereich. Doch, dass es auch auf den ersten Blick scheinbar viel weniger polarisierende Themen sein können, die durch Desinformation letztlich doch zum Politikum werden, zeigt ein Fall aus Japan.

Die Protagonisten: Auf der einen Seite die renommierte japanische Medizinerin und Journalistin Riko Muranaka, auf der anderen die Impfgegner. Der „Stoff“ für das absurde Theater: Die Impfung gegen Humane Papillomviren (HPV), die Mädchen vor Gebärmutterhalskrebs schützt. Noch bis vor einigen Jahren war diese kostenlose Impfung Teil des japanischen Impfprogramms, das landesweit Impfraten von gut 70 Prozent erreichte. Das jedoch änderte sich fast abrupt, als über Social Media verwackelte Videos und schreckliche Bilder von Mädchen verbreitet wurden, die zeigten, wie die Mädchen und Teenager angeblich als Folge der Impfung nicht mehr richtig laufen konnten, am ganzen Körper zitterten und auch an anderen schlimmen körperlichen und mentalen Folgen der Impfung litten. Diese über die sozialen Netzwerke viral gewordenen, wissenschaftlich aber nicht verifizierten Bilder und Videos führten in kurzer Zeit dazu, dass die HPV-Impfungsrate in Japan quasi gen Null ging und dort auch immer noch liegt. Und das alles, obwohl keinerlei glaubhafte Studien vorlagen, die solche Folgen der Impfung untersucht oder gar bestätigt hätten.

Wenige User, fatale Wirkung

Riko Muranaka nahm die Meldungen in den Social Media auf und recherchierte. Tatsächlich jedoch kam sie zu dem Ergebnis, dass letztlich nicht der Impfstoff, sondern die perfide Taktik der Impfgegner – darunter auch andere Mediziner – das eigentlich Gift in den gesundheitspolitischen Diskurs geflößt hatte. Die mit der Impfung in Verbindung gebrachten Nebenwirkungen traten ebenso häufig bei geimpften wie nicht geimpften Mädchen im Teenager-Alter auf. Zudem ergaben Muranakas Nachforschungen, dass es, zumindest zu Beginn der Welle an Videos und Bildern, gerademal 15 Social-Media-Nutzer waren, die entsprechende Beiträge verbreiteten – davon aber dann bis zu 100 pro Tag.

Das japanische Gesundheitsministerium setzte als Reaktion auf die scheinbar massenhaft auftretenden Fälle von Unverträglichkeit der HPV-Impfung die Empfehlung durch Ärzte aus und berief ein Gutachterkomitee ein. Obwohl dieses Gremium jedoch letztlich keinerlei Zusammenhang zwischen den über die Social Media verbreiteten Bilder und Videos der Symptome der Mädchen und dem Impfstoff andererseits konstatieren konnten, behielt das japanische Gesundheitsministerium das Verbot der Impfempfehlung durch Ärzte bei. Und knickte damit seinerseits vor der über die sozialen Netzwerke verbreiteten Desinformation ein.

Desinformations-Tsunami erreicht auch Deutschland und Großbritannien

In einem Gastbeitrag für das Online-Magazin Medwatch zeigte sich Riko Muranaka erstaunt und schockiert darüber, dass in einem von Report Mainz ausgestrahlten Fernsehbeitrag die Unbedenklichkeitsempfehlung für die HPV-Impfung seitens der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Frage gestellt wird – mit dem Beispiel eines jungen Mädchens, das genau die Nebenwirkungen beschreibt, die auch in den in Japan verbreiteten Videos und Bildern gezeigt werden. Immerhin versucht der Report Mainz Bericht zumindest teilweise, verschiedene Aspekte über Pros und Contras der von Impfungen abzuwägen und die Diskussionen und Positionen darüber zum größten Teil objektiv darzustellen, auch in dem darauf hingewiesen wird, dass man HPV-Impfungen in anderen Ländern zumindest mit dem Hinweis versieht, dass es zwar selten zu Nebenwirkungen kommt, diese aber generell nicht auszuschließen sind.

Doch auch in Großbritannien stehen sich Impfgegner und -befürworter medial gegenüber. Das Vereinigte Königreich kämpft in Form des staatlichen Gesundheitssystems National Health Service gegen Falschmeldungen, die sich vor allem über Facebook, YouTube und Instagram verbreiten, die unter anderem dazu führen, dass obwohl neun von zehn Eltern sagen, Impfungen ihrer Kinder zu unterstützen, die Hälfte von ihnen bereits mit Falschmeldungen in den Social Media konfrontiert wurde. Gleichzeitig sank die Zahl der Masern-Impfungen in Europa und die Zahl der Masernerkrankungen stieg 2018 auf knapp 82.500 Fälle. Ein trauriges Allzeithoch der letzten acht Jahre, das nicht nur, sicher aber in Teilen den Desinformationskampagnen der Impfgegner in den Social Media zuzuschreiben ist.

Auch in den USA sind Desinformation und Masern ein Problem

New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio verhängte kürzlich den Gesundheitsnotstand für einige der Stadtviertel Brooklyns. Grund war ein Masernausbruch, der in seiner Größe seit Anfang der 1990er Jahren so nicht mehr dokumentiert wurde. Als weitere Folge erließ de Blasio sozusagen ein Impf-Dekret. Impfverweigerer müssen mit empfindlichen Geldstrafen von bis zu 1.000 US-Dollar rechnen.

Praktisch zeitgleich forderte Adam B. Schiff, Congressman der US-Demokraten, Tech-Giganten wie Google, Facebook und Amazon schriftlich dazu auf, zu überprüfen, wie ihre Plattformen Videos und Beiträge, die irreführende und falsche Informationen über Impfungen verbreiten und Eltern ob der Sinnhaftigkeit und Bedenkenlosigkeit von wichtigen Impfungen verunsichern, behandeln, ob diese gegen die Nutzungsrichtlinien verstoßen und warum diese Inhalte teilweise sehr prominent in den Suchergebnissen platziert werden. Beistand erhielt der Politiker dabei von Werbekunden der sozialen Netzwerke. Auch sie protestierten dagegen, dass ihre Werbung im Umfeld solchen Contents erscheint.

Pinterest bekämpft englischsprachige Impf-Falschmeldungen

Als eines der ersten Netzwerke reagierte Pinterest auf den politischen und wirtschaftlichen Druck sowie auf die grassierenden Falschmeldungen in Sachen Impfungen, zumindest für den englischsprachigen Raum. Wer dort Begriffe wie „Vaccination“ (Impfung) oder „Vaccine“ (Impfstoff) eingibt, erhält keinerlei Ergebnisse. Auch wenn Pinterest vergleichsweise klein ist, nutzen Umfragen zufolge 80 Prozent der Mütter und 38 Prozent der Väter in den USA die Foto-Sharing-App. Und genau diese Zielgruppe ist sowohl für die Befürworter wie auch die Gegner von Impfungen heiß begehrt.

Ob Pinterest künftig auch in Europa entsprechende Suchbegriffe ins Leere laufen lässt, bleibt abzuwarten. Fest steht, dass seit Kurzem Unternehmen aus Deutschland, Österreich, Spanien und Italien Pinterest-Anzeigen schalten können. Wenn diese sich dann im Umfeld kruder und absurder Impfungsverschwörungen finden, würde das natürlich kein gutes Licht auf die Plattform werfen. Aktuell werden bei der Suche nach Begriffen wie „Impfung“ oder „Impfstoff“ noch teilweise sehr beunruhigende Ergebnisse angezeigt.

YouTube und Facebook wollen ebenso mehr tun

YouTube (bzw. Google) will nun auch härter durchgreifen, allerdings nur im Rahmen seiner Community Richtlinien. Wenn User also Anti-Impfungsinhalte posten, will YouTube bei diesem Content zumindest keine Werbung mehr ausspielen. Außerdem verweist die Plattform wenigstens im englischsprachigen Raum unter entsprechenden Impf-Videos auf die Wikipedia-Seite „Impfzurückhaltung“. Diese „Vaccine Hesitancy“ listet die Weltgesundheitsorganisation WHO als eine der zehn größten Bedrohungen für die globale Gesundheit auf.

Facebook seinerseits versicherte Congressman Adam B. Schiff, dass es viel daran setze, falsche Informationen über Impfungen und Impfstoffe weniger oft und nicht so weit oben in den Newsfeeds erscheinen zu lassen und Gruppen wie auch Seiten entfernen wird, die Falschmeldungen zu diesem Thema lancieren oder propagieren.

Amazon schließlich versprach, sich bald zu diesem Thema zu äußern.

Autor: MB

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