Blickwinkel

Influencer im Namen des Herren

Influencer Marketing

Die katholische Kirche hat momentan – um es plakativ zu sagen – einige schwere Kreuze zu tragen. Missbrauchsfälle weltweit erschüttern das Vertrauen der Gläubigen in die Strukturen und in die Moralvorstellungen der Glaubensgemeinschaft. Unter dem digitalisierten Protestnamen Maria 2.0 wehren sich Frauen gegen die männliche Vorherrschaft hinterm Altar. Der Papst erlässt eine Meldepflicht für Missbrauchsfälle. Kurz gesagt, versucht die katholische Kirche auch auf Druck aus der Öffentlichkeit hin, sich zu öffnen und nicht zuletzt ihre Kommunikation dem 21. Jahrhundert anzupassen. Denn was nutzt die Kanzel von der Predigt, wenn sie nicht auf Facebook gestreamt, auf Twitter mit einem Hashtag oder Retweet versehen wird bzw. in einem YouTube-Channel zu finden ist?

Insofern ist der Schritt in Richtung Influencer und Social Media nur folgerichtig. Als erstes in Deutschland erkannt und umgesetzt hat dies das Erzbistum Köln als immerhin größtes deutsches Bistum und solche Initiativen insofern auch mit einer gewissen Signalwirkungskraft versehen. Um an einer „zeitgemäßen kirchlichen Kommunikation“ zu arbeiten, wurden nun rund 50 angehende Priester eingeladen, um im Rahmen eines zweitägigen Workshops die Dos and Don‘ts, die Chancen und Risiken, die Potentiale und die Macht der Hater auf YouTube, Instagram, Facebook und in Blogs kennenzulernen, um dieses Werkzeug später sicher und eigenständig anwenden zu können. Und natürlich auch, um ihrer Gemeinde beistehen zu können, wenn deren Seelen von Social Hacking, Cybermobbing oder Muting in den sozialen Netzwerken belastet werden.

Jesus' Jünger: Erste Follower und Vorbilder

So augenzwinkernd, wie es in einem Online-Artikel der Augsburger Allgemeinen formuliert wird, kann man die Tatsache, dass Jesus zumindest in der katholischen Kirche Influencer-Pionier mit überschaubaren 12 Followern war, natürlich auch betrachten. Und was kann für Priester schon dagegensprechen, dem Beispiel ihres Heilands zu folgen? Tatsächlich aber geht es den modernen Seelsorgern im Persönlichen und dem Erzbistum Köln im Allgemeinen in erster Linie nicht darum, die Frohe Botschaft über die Social Media zu verbreiten. Die Gründe für den Influencer-Workshop für angehende Priester und die Integration in die sonst eher analoge Priesterausbildung liegen tiefer. Es geht weniger um das Aussenden als zunächst um das Verstehen von Botschaften, die über die sozialen Netzwerke ihren Weg eben auch in die Kirchen und Gemeinden finden.

Daher ist es nur konsequent, so der Referent der Bonner Bildungsinitiative BG3000, die das SMART CAMP am Erzbischöflichen Priesterseminar Köln ausgerichtet hat, dass Priester sich aktiv, bewusst und mit zumindest grundlegendem Wissen in die Social Media einbringen – in einer Sprache und mit Botschaften, die die User verstehen. Denn gerade in diesen digitalen Räumen, wo klassische (christliche) Werte wie Respekt, Demut und Nächstenliebe eher auf unfruchtbaren Boden fallen oder von Shitstorms weggefegt werden, müssten Priester wissen, wie sie genau dort ein christliches, soziales und wertschätzendes gesellschaftliches Gegengewicht schaffen.

Schnell noch ein YouTube-Video vor der Sonntagspredigt posten?

Natürlich zielt die Social-Media-Schulung der Geistlichen nicht explizit darauf ab, Priester zu veritablen Influencern zu machen, auch wenn der praktische Teil Elemente wie das Drehen kurzer Clips enthält. Viel wichtiger erscheint, dass sich die Kirche, und mit ihnen eben auch die Priester als ihre Vertreter vor Ort, mit der Frage beschäftigt, wie die Frohe Botschaft in Social-Media-Sprech klingen muss, damit sie gehört wird und ankommt. Gerade in Zeiten leerer Gotteshäuser und einem Personalmangel in Sachen Priestern, muss die Kirche aus ihren oft mittelalterlichen Gemäuern heraus und sich mit oder ohne Soutane in die sozialen Netzwerke wagen. Und das womöglich noch aktiver als nur mit einem Twitter-Account, wie ihn der Papst betreiben lässt.

Doch Kritiker sehen genau in dieser verstärkten und fokussierten Aktivität in den Social Media ein Problem. Schließlich werden es immer weniger Priester, die ihrerseits ja auch andere Aufgaben haben, als vor der Sonntagspredigt noch schnell ein YouTube-Video zu drehen oder einen Post auf Facebook bzw. Instagram abzusetzen. Oder möglicherweise die Anzahl der heutigen Kirchgänger via Twitter zu teilen. Gut möglich also, dass sich die Geistlichen bald nach Social-Media-Ghostwritern umsehen müssen, um das Sakrale über die Social Media verkünden zu können. Und Vorsicht sei zudem geboten: Denn sobald das Vaterunser via Facebook, YouTube und Twitter seinen Suchtfaktor voll entfaltet hat, ist FOMO (Fear of missing out) nicht mehr weit.

Autor: MB

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