Blickwinkel

Kompromittiert YouTube seine Community?

Influencer Marketing

„Behave yourself when broadcasting“, so ungefähr könnte der neue Slogan von YouTube lauten – zumindest der erste Teilsatz. Der nächste müsste dann irgendetwas mit „sonst trennen wir dich vom Geldtopf“ enthalten. Das genau ist dem Gefühl vieler YouTuber nach nämlich gerade passiert. So hat die Plattform nun beschlossen, ihre Regeln und Richtlinien bezüglich möglicher Monetarisierung von YouTube-Kanälen strenger und enger zu fassen – hier noch die deutsche Quelle, die etwas weniger ausführlich ist: https://support.google.com/youtube/answer/72851?hl=de

Konkret bedeutet dies grundlegende Veränderungen beim YouTube Partner Programm (YPP). Musste man bisher 10.000 Aufrufe (lifetime views) vorweisen, um sich für die Teilnahme am Programm zu bewerben, sind es nun 4.000 Stunden Sehdauer (hours of watchtime) innerhalb der letzten 12 Monate und eine Mindestabonnentenzahl von 1.000. Die neuen Richtlinien gelten sowohl für neue Bewerbungen wie auch bereits die am YPP teilnehmenden Publisher. Ende Februar werden deren Erfüllung der neuen Standards überprüft. 

Bedeutet: Am Ende soll gleiches, neues Recht für alle gelten. Wer die von YouTube gesetzten Marken nicht knackt, fliegt raus oder wird erst gar nicht aufgenommen. Wer es dennoch irgendwann schafft, die hochgesteckten Klick- und Abo-Ziele zu erreichen, wird entweder automatisch neu bewertet (ehemalige Teilnehmer an YPP) oder muss sich eben neu bewerben. 

Um aber fairerweise auch die Bemühungen von YouTube um mehr Gerechtigkeit nicht unter den Tisch zu kehren, sei nochmals auf das jüngste Statement im YouTube-Blog hingewiesen, wo man sinngemäß lesen kann, dass diese neuen Richtlinien letztlich auch dazu dienen, das Werbegeld gerechter zu verteilen. Man nimmt es den Publishern mit fragwürdigen und abstoßenden Inhalten und legt es zurück in den Topf, aus dem sich vor allem künftig jene bedienen dürfen sollen, die ausschließlich Positives zum Werbeumfeld in der Community beitragen. 

Erhöhung der Eintrittsschwelle gegen Senkung der Schamgrenze

Die Erhöhung der Eintrittsschwelle zum Werbeeinnahmen-Topf von YouTube soll mehreren Zwecken dienen – und hat ebenso mehrere Gründe. Nicht erst, seit einer der erfolgreichsten YouTuber, Logan Paul, seine Geschmack- und Pietätlosigkeit bewies, in dem er das Video eines Selbstmordopfers auf seinen Kanal hochlud, oder PewDiePie, der jüngst antisemitische Witze in Videos auf seinem Kanal postete, fragen sich zahlende Werbekunden, wie YouTube künftig sicherstellen will, dass Werbung auch wirklich passend ausgeliefert wird. Auch bei den „Bad Actors" – wie YouTube-CEO Susan Wojcicki sie nennt – muss YouTube künftig aufpassen, dass sie keine kranken, extremistischen und widerlichen Inhalte auf der Plattform hochladen. Oder zynisch betrachtet: Wenigstens das Umfeld für zahlende Werbekunden muss sauber (sprich: relevant) gehalten werden.

Bereits im Dezember 2017 hatte Wojcicki in einem Statement angekündigt, wie sie das schaffen will und was sie bereits geschafft und dafür getan hat: Im zweiten Halbjahr 2017 wurden laut ihres Statements 150.000 Videos mit extremistischen Inhalten gelöscht. YouTubes selbstlernende Maschinen waren dabei eine wichtige Unterstützung für die menschlichen Auswerter und markieren mittlerweile 98 Prozent der aufgrund extremistischer Inhalte gelöschten Videos als eben solche. Auch trägt die Automatisierung dazu bei, dass mittlerweile fast 70 Prozent der extremistischen Inhalte innerhalb von acht Stunden nach Upload wieder abgesetzt werden. Man könnte nun wieder einmal von vorauseilendem Gehorsam bezüglich des Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) sprechen und läge damit vielleicht gar nicht so falsch. 

Die Moral beim Monetarisieren 

Am Ende kann es YouTube nicht nur darum gehen, ekelhafte Inhalte zu löschen, bevor sie jemand da draußen sieht. So wichtig, richtig und selbstverständlich das auch ist. Für YouTube sollte auch die eigene Monetarisierung im Fokus stehen, wenn sie drakonische Geldstrafen seitens der deutschen Justiz vermeiden wollen. Schließlich verdient die Plattform ihr Geld damit, dass Unternehmen und Vermarkter auf der einen und Influencer auf der anderen Seite der Mattscheibe auf YouTube zusammentreffen und ins Geschäft kommen – an einem, aufgeräumten, sauberen und gläsernen Tisch. 

Hier genau setzen YouTubes neue Regeln nun an: Nicht jeder soll künftig die Hand aufhalten können. Es soll vor allem eine Qualitätsoffensive sein, die gestartet wurde. Eine Konsolidierung der Channels, die aber gleichzeitig ein Kompromittieren derselben nach sich zieht. Denn mit den neuen höheren Zugangsschwellen zur Monetarisierung, so die Kritik vieler, werden eben auch liebevoll und seriös gestaltete Nischenkanäle vom Geldhahn abgeschnitten. Markus Hündgen, geschäftsführende Gesellschafter der European Web Video Academy, geht noch einen drastischeren Gedankenweg und sieht in den neuen Regeln gar eine Gefährdung der Demokratisierung der Bewegtbildproduktion.

Insofern kommen die neuen Standards auch einer Art Flurbereinigung des YouTube-Biotops gleich. Dazu gehört auch, dass künftig die bei Google Preferred angebotenen Pakete noch genauer unter die Lupe genommen und die an diesem „Elite-Programm" teilnehmenden Kanäle und deren Clips manuell geprüft werden. Handpicking für Fortgeschrittene, sozusagen. Dafür entwickelt sich YouTube sogar zur Jobmaschine und will weltweit 10.000 zusätzliche Moderatoren einstellen. Hinzu kommen immer neue Kooperationen mit „vertrauenswürdigen Anbietern", die YouTube dabei helfen sollen,  unabhängige Brand-Safety-Messungen durchzuführen, also das Werbung-Channel-Umfeld clean zu halten.

Neue Besen, altes Leid

Seien wir ehrlich: Viele von uns, die wir ab und an YouTube einschalten (und das mitunter fast schon häufiger und lieber als den Fernseher), wünschen uns doch schon lange, dass mal wieder gründlich durchgefegt wird. Wir fragen uns doch, was das x-te Schminktipp-Video wohl Neues zeigen könnte oder wünschen uns, dass viele der Unboxing-Videos-Macher doch mal die Schotten schließen sollten. Und natürlich wollen wir alle keine verstörenden, kranken und abstoßenden Videos sehen, auch wenn wir kein Geld bezahlen, weder für das Schalten von Werbung noch fürs Ansehen selbiger. Wir wollen unterhalten werden, lachen, staunen, mitfühlen. Wir wollen uns ebenso amüsieren, beispielsweise über die mitunter an Satire grenzende Schaltung von Werbung zu Inhalten, von denen wohl eine selbstlernende Maschine dachte, dass das schon passen sollte. 

Screenshot YouTube

YouTube Screenshot 1

Aber was verstehen Maschinen schon von Ironie. Vor allem aber wollen wir weiterhin die Vielfalt sehen und Kreativität, Mut und das Kleine und Besondere auch künftig nicht missen.

Ob wir sie weiterhin in dem Maße auf YouTube sehen, bleibt aber unklar. Denn all jene, die vormals wenigstens die Kosten für ihre teils aufwendig produzierten, tollen und hilfreichen Videos durch ihre Teilnahme am YouTube Partner Programm (YPP) finanzieren konnten, dies aber in Zukunft eher nicht mehr können, werden sich nach anderen Formen der Monetarisierung umsehen (müssen).

Autor: MB

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