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Massenschlägerei wegen Influencern

Influencer Marketing

Wenn Influencer ihr YouTube-, Instagram- oder auch Twitch-Terrain verlassen und einen Schritt in die Welt der „anderen“ Medien machen, betreten sie dabei in der Regel die geheiligten Hallen von Events wie der Gamescon, der Berlin Fashion Week, der Münchener Sicherheitskonferenz, Rock am Ring oder auch der Buch- und Musikmesse und der IFA. Einige der großen Einflussmacher*innen sitzen mitunter auch hin und wieder in einem Gerichtsaal, weil sie Sponsored Posts nicht entsprechend als Werbung deklariert haben und ihre kommerziellen Posts nicht eindeutig von ihren privaten trennen.

Andere Influencer wiederum nutzen die ihnen per Social Media und jeder Menge Follower verliehene Macht dazu, ihre Fans zu mobilisieren. In eigener Sache, sozusagen. So geschehen in Berlin. An dem hochfrequentierten Alexanderplatz ließen die rappenden YouTuber ThatsBekir (mehr als 250.000 Abonnenten ) und Bahar Al Amood (etwa 14.000 Abonnenten) an einem Donnerstagabend ihre virtuellen Muskeln spielen und ihre Fans die Fäuste fliegen. Insgesamt knapp 400 ihrer jeweiligen Anhänger trafen sich in Berlin Mitte quasi stellvertretend für die beiden Rapper, um deren auf YouTube begonnenen und immer heftiger eskalierenden Beef mit physischer Präsenz und Gewalt auszutragen.

Am Ende dieses Tages gehen etwa 50 Fans beider YouTuber aufeinander – und auf die YouTuber selbst – los. Eine Hundertschaft der Polizei ist stundenlang im Einsatz. Am Ende werden mehrere Menschen verletzt, vorläufig festgenommen und angezeigt. Die Berliner Polizei prüft nun rechtliche Schritte gegen ThatsBekir und Bahar Al Amood.

Follower-Flashmob in Frankfurt endet im Chaos

Keine zwei Tage später muss die Polizei erneut eingreifen und Passanten auf Frankfurts meistbesuchter Einkaufsstraße „Zeil“ mitten im belebten Samstagabend-Geschäft vor dem rücksichtslosen Verhalten von rund 600 meist jugendlichen Followern und „Fans“ des YouTubers Kaan Yavi (über 300.000 Abonnenten) schützen. Der hatte wohl zu einem Treffen aufgerufen, anlässlich eines Disputs mit dem Frankfurter Influencer Momonews, der wiederum auf eine Fangemeinde von über 300.000 Menschen auf Instagram bzw. auf mehr als eine Million Fans auf Facebook zählen kann.

Wenn auch die Fans in Frankfurt nicht aufeinander losgingen, belästigten und verängstigten sie dafür aber die einkaufenden Kunden auf der Frankfurter Shoppingmeile und griffen zudem die dazu gerufenen Polizisten an. Gegen Kaan Yavi selbst, der auch anwesend war, wurde ein Platzverweis ausgesprochen. Zudem prüft die Frankfurter Polizei nun, inwieweit er für die Kosten des Polizeieinsatzes herangezogen werden kann.


Randale für Reichweite?

Die Tage nach der aus den Social Media heraus organisierten Massenschlägerei in Berlin und dem gewalttätigen Flashmob in Frankfurt am Main werden nun den medialen und polizeilichen Aufräumarbeiten und dem Aufarbeiten der Ereignisse gewidmet. Während die YouTuber die Aktionen und die dort entstandenen Videos zumindest teilweise für die weitere Steigerung der eigenen Bekanntheit nutzen, stellt sich die Polizei laut die Frage, wie man in Zukunft gegen solche in den und über die sozialen Netzwerke initiierten Fan(aufeinander)treffen reagieren soll – am besten präventiv.

Verbieten lassen sich solche Treffen im öffentlichen Raum nicht. Ebenso wenig kann die Polizei Follower oder Influencer selbst in den Social Media beobachten, um dann dort vor Ort zu sein, wo sich verfeindete Fans der YouTuber zum Schlagabtausch verabreden. Sehr wohl jedoch kann die Polizei und die Justiz prüfen, inwieweit sie die Influencer in finanzielle und auch rechtliche Haftung nehmen kann, wenn von ihnen organisierte Treffen dermaßen aus dem Ruder laufen.

Wenn die Social Media Wirklichkeit werden

Die beiden Massenaufläufe und Schlägereien in Berlin und Frankfurt stellen die Polizei, die Politik und viele gesellschaftliche Akteure vor große Herausforderungen: Wie soll man mit jenen umgehen bzw. sie strafrechtlich verfolgen, die ihre Social-Media-Dispute in der Welt außerhalb von YouTube, Instagram, Facebook und Co. austragen und dabei ihre willfährigen Fans mobilisieren und instrumentalisieren? Wie soll solchen gewalttätigen Flashmobs vorgebeugt werden? Und inwieweit müssen und sollten die sozialen Netzwerke selbst mit ins Boot geholt werden, um solche Verabredungen zu monitoren und zu verhindern?

Tatsächlich ist die Polizei weitestgehend auf Hinweise andere User angewiesen und kann aufgrund von zu wenig Cyber-Polizei-Kapazitäten oft nur reagieren und nicht präventiv agieren.

#RueCremieux

Andererseits muss es natürlich nicht immer gleich brutal zugehen, wenn die Social Media die Schwelle in die wahre Welt überschreiten. Rücksichtslos jenseits der sozialen Netzwerke wird es dafür aber umso häufiger. Ein Beispiel dafür und für Flashmobs der nervigen bzw. Anwohner störenden Art liefert die Rue Cremieux, eine kleine Straße im 12. Arrondissement von Paris.

Eigentlich wollten deren Anwohner Anfang der 1990er Jahre nur ihre Straße schön gestalten. Doch mit Aufkommen von Instagram und Influencern wandelte sich die beschauliche Rue Cremieux in einen begehbaren Selfie- und Shooting-Tempel. Einen, der – anders als der Eifelturm und trotz über 32.000 Instagram-Beiträgen – immer noch als Geheimtipp gehandelt wird.

Doch für die Anwohner hat der Social-Media-Wahn um ihre Straße mit den bunt bemalten Häusern mittlerweile nicht mehr hinzunehmende Formen angenommen. Und so setzen sie ihrerseits ein Zeichen bzw. einen Hashtag: #clubcremieux. Die noch überschaubaren Instagram-Beiträge sollen der Welt zeigen, welchem Wahnsinn die Anwohner der Rue Cremieux teilweise und praktisch jeden Tag und jederzeit ausgesetzt sind. Zudem wollen sie erreichen, die Straße zumindest an bestimmten Tagen zu sperren – und damit auch die Social Media und ihre Influencer ein Stück weit aus ihrer Wirklichkeit zu verbannen.

Autor: MB

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