Blickwinkel

Mit Social Media auf Stimmenfang in Indien

Influencer Marketing

Indien wählt ein neues Parlament. Und wenn rund 900 Millionen Stimmberechtigte des Subkontinents bis 19. Mai ihre Stimme für Kandidatinnen und Kandidaten von insgesamt etwa 1.700 Parteien in einem der 1 Million Wahllokalen der 29 Bundesstaaten abgeben, finden sich den Wahlurnen vorgeschaltet auch die Social Media. Denn über WhatsApp, Facebook und andere Social Plattformen- und Dienste gehen die Politiker bereits seit Wochen auf Tuchfühlung mit den Wählern.

Dabei können sie zumindest mit Hinblick auf die Anzahl der User tatsächlich aus dem Vollen schöpfen: Zwischen 200 oder sogar bis zu 300 Millionen Inder nutzen WhatsApp; eine Viertelmilliarde sind bei Facebook registriert und insgesamt sind 500 Millionen Inder regelmäßige Onliner. Tendenz überall stark steigend. Das gilt auch für aktuell gut 450 Millionen Smartphone-Nutzer in Indien.

Desinformationen als Wahlkampf-Vehikel

Umso schneller verbreiten und umso hartnäckiger halten sich Desinformationen, die über die sozialen Netzwerke verteilt, konsumiert und als wahr befunden werden. So kursiert seit Anfang Februar das Live-Video eines angeblichen Mitschnitts eines Telefonats, das ein hochrangiger Politiker mit einer nicht näher identifizierten Frau geführt haben soll. Tenor des Telefonanrufs: Es muss Krieg geben, um die Wahl zu gewinnen. Bis Facebook es von seiner Plattform löschte, wurde das Video 2,5 Millionen mal angesehen und 150.000 Mal geteilt. Selbst nach dem Löschen kursierte es in leicht abgeänderten Versionen weiter – auf Facebook, wo vier alternative Versionen des Videos insgesamt etwa 36.000 Views sammelten; auf YouTube (2.800 Views) und auf Twitter (22.000 Views).

Selbst die Tatsache, dass es sich bei dem vermeintlichen Mitschnitt um zusammengebastelte Schnipsel älterer Interviews handelte, konnte diesen Fake kaum entkräften, auch weil Experten von einem niedrigen digitalen Bildungsgrad in Indien sprechen und vieles, was über WhatsApp, Facebook und Co. verteilt wird, nicht kritisch überprüft, sondern als wahr hingenommen wird. Selten werden dabei nämlich die Originalquellen hinterfragt. Vielmehr gleichen Nutzer entsprechende vermeintliche Nachrichten mit anderen dazugehörigen Medien (Bildern, Videos) ab und vertrauen am Ende eher dem Absender und der Tatsache, dass sich die Meldung mit ihrer Meinung deckt.

Gerade bei Formaten wie eben den Social Media, wo Fakten und Meinungen oft zu einer homogenen Melange zu verschmelzen scheinen und man gerade in WhatsApp-Gruppen unter vermeintlichen Freunden ist, kann das fatale Folgen haben. Das gilt ebenso für die nicht nur in Indien verbreitete Annahme, dass man es in den traditionellen Medien immer auch mit politisch voreingenommenen Redaktionen zu tun hat, während in den Social Media Leute wie du und ich zu Wort kommen. Und nicht zuletzt sehen es viele als ihre Bürgerpflicht an, all jene „News“, die von den traditionellen Medien vermeintlich gezielt totgeschwiegen werden, an Freunde und Bekannte weiterzuleiten.

Fact-Checker sollen es richten

Betrachtet man die geografischen und demografischen Dimensionen Indiens, liegt es für viele Politiker auf der Hand (bzw. in Form ihres Smartphones eher in ihrer Hand), ihren Wahlkampf weniger durch kraftraubende Touren durch das Land als vielmehr über die Social Media zu führen. Die über die sozialen Netzwerke erhobenen Nutzer-Profile helfen sowohl ihnen wie auch dem Verbreiten von Desinformationen dabei, die richtigen Adressaten zu finden.

Da nun vor allem WhatsApp seit den so genannten „WhatsApp Lynchings“ in Indien keinen leichten Stand hat und auch Facebook sich spätestens seit der US-Präsidentenwahl dem Vorwurf stellen muss, nicht entschlossen genug gegen politische Propaganda vorzugehen, rüsten die Social Media jetzt auf. Google beispielsweise setzte im Rahmen seiner Google News Initiative ein Training für Fact-Checker in Indien auf. Facebook wiederum arbeitet unter anderem mit den indischen Fact-Checkern von BOOM zusammen, denn lokale und regionale Nachrichten sind die, die Inder am schnellsten erreichen und am meisten bewegen. Auch wenn das BOOM-Team Facebook-Posts in 10 der 23 offiziellen Landessprachen bewerten kann, ist das Team mit insgesamt 11 Mitarbeiter recht schmal besetzt.

Auf die Desinformationsbremse treten

Unterstützung bekommen sie dabei von Facebook India selbst. Für den Subkontinent nämlich wurde nun auch ein Tool eigeführt, das Transparenz bei politischen Anzeigen gewährleisten soll. Jeder, der auf Facebook für eine Partei oder politische Vereinigung wirbt, muss seine Identität preisgeben und angeben, wer für die Platzierung der Anzeige bezahlt hat wie auch in wessen Namen geworben wird. Alle Nutzer können diese Informationen und auch Infos darüber, welche Zielgruppe mit entsprechender Politwerbung angesprochen werden soll(te), dann bis zu sieben Jahre abrufen.

Zudem ist Facebook bemüht, seine Erfolge bei der Bekämpfung gezielter Desinformationskampagnen auf seiner Plattform akribisch zu dokumentieren. Anfang April verkündete der Social-Media-Gigant das Löschen von unter anderem fast 700 Facebook-Gruppen, die auch von Pakistan aus koordiniert Falschinformationen verbreiteten. Die Mehrheit der Personen hinter diesen Gruppen stand wohl in einem direkten Zusammenhang mit der Partei Indian National Congress (INC), die größte und für die regierende BJP des indischen Premierministers Narendra Modi wohl am ehesten zu fürchtende Oppositionspartei. Das Kuriose an Facebooks Aufräumarbeiten, die sich zudem auch über Instagram erstreckten: Viele der Accounts wurden nicht etwa aufgrund ihres verbreiteten Contents gelöscht, sondern weil sie Fake Accounts nutzten und ihre Aktivitäten untereinander absprachen.

In jedem Fall, so Facebook, mache man große Fortschritte, auch dank der Zusammenarbeit mit lokalen Fact-Checkern. Die Frucht dieser Kooperation: Um bis zu 80 Prozent konnte die Verbreitung von Desinformationen im Rahmen der indischen Parlamentswahlen gebremst werden.

TikTok: Pornografie statt Politik

Wahrscheinlich eher zufällig fiel die Verbannung der Lyp-Sync-App TikTok aus Indien in den Wahlkampf. Fast eine ganze Woche lang war die Anwendung für User auf dem Subkontinent nicht verfügbar. Der Grund dafür: Nach dem Selbstmord einer 24-Jährigen im letzten Jahr, die über TikTok gemobbt wurde, und mit wachsenden Vorwürfen seitens vieler Eltern, dass die App Kinder zur Schau stelle, sie zur leichten Beute für Sexualstraftäter mache und Pornografie aussetze, wurde die Anwendung schlicht und ergreifend vom indischen Netz genommen und zeitweise aus den Stores von Apple und Google entfernt.

Nun hob ein hohes indisches Gericht das Urteil auf – auch nachdem TikTok eigenen Angaben zufolge über 6 Millionen Videos gelöscht hatte, die gegen die Richtlinien der App verstoßen hatten und eine Art Altersbarriere eingeführt wurde, die durch eine Altersverifizierung dafür sorgen soll, dass die Nutzer wirklich mindestens 13 Jahre alt sind.

Für TikTok entpuppte sich der Indien-Bann als teure Sache, die sie 500.000 Dollar pro Tag kostete. Aufgrund der Tatsache, dass Indien auch für TikTok mit 300 Millionen Usern den weltweit größten Markt darstellt, war das Aufatmen nach dem Aufheben des Banns trotz finanzieller Einbußen sicher noch bis China zu hören.

Autor: MB

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