Blickwinkel

PwC-Umfrage: Zwischen Fakes und Fakten

Influencer Marketing

Nach der Europawahl ist vor der nächsten Volksvertreterabstimmung. Das gilt in besonderem Maße auch für die Stimmungsmache und Meinungsbildung in und über die Social Media. Spätestens seit Rezos inszenierter „Zerstörung der CDU“ und den irrtierenden Reaktionen Kramp-Karrenbauer'schen Couleurs, wissen wir, dass Sozial- und Christdemokraten einerseits und die Social Media andererseits noch einen weiten Weg der Annäherung vor sich haben. Dabei spielen die sozialen Netzwerke nicht erst seit den Wahlen zum Europaparlament eine entscheidende Rolle vor und während des Urnengangs.

Wie aber genau beeinflussen Facebook, Twitter, YouTube und Co. die Meinungsbildung der parteipolitischen Art, vor allem mit Hinblick auf gezielte Desinformationskampagnen in Wahlzeiten? Dieser Frage ist die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) in diesem europäischen Wahljahr nachgegangen. Im Rahmen der Befragung „Fake News 2019: Einfluss auf die Europawahl?“ wollten die Consultants wissen, wie der Kenntnisstand in Sachen Desinformation ist, in welchem Maße sich User überhaupt über die Rolle von Falschmeldungen im Europawahlkampf bewusst sind, ob und wie oft sie selbst auf Desinformationen gestoßen sind, was sie selbst dagegen tun und welche Verantwortung sie und die sozialen Netzwerke in diesem Kontext tragen (sollten) – auch unabhängig von anstehenden politischen Entscheidungen.

Das Wissen um Fake, Fakten und Wahlmanipulationen

Auf die Frage, wie die Nutzer ihren eigenen Kenntnisstand in Sachen Desinformation beurteilen, gaben mit insgesamt 56 Prozent mehr als die Hälfte „sehr gut“ oder „eher gut“ an. Andererseits sind es im Umkehrschluss eben auch 44 Prozent der Nutzer, die Falschmeldungen in den Social Media kaum oder gar nicht erkennen würden bzw. in der Vergangenheit erkannt haben. Je jünger, und damit wahrscheinlich auch Social-Media-geübter, die User sind, desto sicherer scheinen sie im Detektieren von Desinformation zu sein. Je älter die Nutzer, desto weniger ausgeprägt ist wohl die Spürnase für Fakes.

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In einem ähnlichen Zusammenhang erscheinen damit auch die Antworten der unterschiedlichen Altersgruppen auf die Frage, ob sie schon mal auf Falschmeldungen gestoßen sind. Während nämlich über die Hälfte der Jüngeren sicher davon ausgeht, bereits auf Desinformationen der einen oder anderen Art gestoßen zu sein, kann das nur ein Fünftel der Senioren (+50 Jahre) bejahen. Insgesamt und über alle Altersstufen hinweg betrachtet, geben 41 Prozent an, noch nie auf Fake News in den Medien gestoßen zu sein. Dabei stellt sich leider die Frage, ob dem wirklich so ist oder ob Falschmeldungen nicht als solche erkannt wurden.

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Und falls solche gezielten Desinformationskampagnen unter dem Radar der Nutzer, der Künstlichen-Intelligenz-Saugroboter und der menschlichen Content-Moderatoren der Social Media sich bewegend ihren Weg ins Netz gefunden haben: Wie sehr könnten oder haben sie die Wahlen zum Europaparlament beeinflusst? 44 Prozent der Befragten schätzen die Gefahr der medialen Manipulation von freien Wahlen als sehr oder eher wahrscheinlich an. Andererseits schließen 56 Prozent dieses Szenario eher oder komplett aus.

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Social Media in der politischen Pflicht

Schon im März und April hatten Facebook und Twitter mit Hinblick auf die dann anstehenden Europawahlen ihre Richtlinien nochmals überarbeitet und verschärft, um Desinformationskampagnen, Fake Accounts und entsprechende Inhalte noch schneller zu erkennen und zu löschen. Ob dies am Ende gereicht hat, werden spätere Analysen ergeben. Fest steht: Martin Sonneborn, Vorsitzender von DIE PARTEI und nicht nur in Strasbourg wegen seiner beißenden Satire gleichsam gefürchtet und geachtet, ist (respektive war) der Social-Media-König der deutschen Kandidaten der Europawahl 2019. Gut ein Fünftel aller Follower, die die Social-Media-Berater von Vico Research & Consulting zwischen dem 15. April und 19. Mai im Rahmen ihrer Analyse erfassten, gingen auf das Konto bzw. auf die Accounts des ehemaligen Titanic-Chefredakteurs. Ob seine Dominanz in den sozialen Netzwerken (insgesamt weit über 500.000 Follower auf Facebook, Twitter und Instagram; durchschnittlich 12 kanalübergreifende Posts pro Tag im Untersuchungszeitraum) zu den von DIE PARTEI selbst als historische „Wahlpleite“ klassifizierten 2,4 Prozent Stimmen führte, wissen wir nicht.

Klar ist aber, dass sich Nutzer und damit auch potentielle Wähler fernab der Satire und des Subversiven mehr Ernsthaftigkeit von den Social Media wünschen, wenn es um die Bekämpfung von und auch die Verantwortung für Desinformationskampagnen geht. Mit knapp 70 Prozent spricht sich eine Mehrheit für eine Löschungspflicht für Fake News durch Facebook, Twitter, YouTube und Co. aus. Fast genauso viele wünschen sich mehr (eigene) Aufklärung seitens der Plattformbetreiber.

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Gut zwei Drittel betonen die Verpflichtung der Medien zur Identifikation, Richtigstellung und auch zum Löschen von Falschinformationen, Bots und entsprechenden Accounts. Besonders interessant ist zudem die Forderung von 37 Prozent der Befragten danach, dass Social-Media-Nutzer künftig nur noch unter ihrem Klarnamen posten dürfen sollten. Einerseits eine verständliche Forderung, um Verbreiter von Hasskampagnen und Falschinformationen eindeutig identifizieren zu können. Andererseits würde das Verbot von anonymen Accounts auch jene in Gefahr bringen, die für Demokratie und gegen Pressefreiheit kämpfen, dies aber aufgrund der Sorge um das eigene Leben zumindest in ihrem Land nicht unter ihrem Klarnamen machen können.

Wer sollten die Aufklärer sein?

Dass Aufklärung über Falschinformationen und deren mediale Verbreitung nicht nur im Wahlkampf-Modus notwendig ist, darüber besteht kaum Zweifel. Doch, wer soll diese Aufklärung betreiben und bekommen das die Nutzer überhaupt mit?

Rund zwei Drittel der von PwC befragten Menschen sehen in Sachen Transparenz und Aufklärung klar die seriösen Medien in der Pflicht, während weit über die Hälfte den Ball vor allem ins Feld der sozialen Netzwerke spielt. 53 Prozent wünschen sich, dass die verantwortlichen Politiker auf Bundes- und Landesebene für Aufklärung sorgen und für 37 Prozent sollte sogar die EU dafür verantwortlich sein. Immerhin 6 Prozent würden sich und damit jeden einzelnen in die Aufklärungspflicht nehmen.

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Zwischen Aufklärungswunsch und -wirklichkeit klafft indes eine mehr oder minder weite Lücke. Wünschen sich beispielsweise 63 Prozent, von Tageszeitungen und Online-Nachrichten über Desinformationen im Netz aufgeklärt zu werden, haben 32 Prozent davon in genau diesen Medien noch nichts mitbekommen. Was die Differenz zwischen Wunsch nach Aufklärung über die Plattformbetreiber, die Politik oder auch Bildungseinrichtungen und der tatsächlich wahrgenommenen Erleuchtung in Sachen systematisch verbreiteter Falschmeldungen angeht, zeigen sich noch tiefere Gräben.

Nachrichtenkonsum, Social Media und Sichtbarkeit

Ein abschließender Blick darauf, mit welchen Prämissen die Deutschen Nachrichten konsumieren, weiterleiten und teilen und unter welcher Identität sich sie in den Social Media bewegen, zeigt: Glaubwürdige Quellen sind entscheidend, wenn es um das Lesen, Schauen und Sharing von News geht. Zudem setzen die meisten im Netz auf Transparenz, wenn es um ihre Erscheinung – also ihren Namen und ihr Profilbild – geht.

Nachrichtenquellen:

Danach befragt, wie die Deutschen Nachrichten im Netz lesen, achtet eine Mehrheit immer oder wenigstens meistens darauf, dass die Infos aus seriösen Quellen stammen. Das bedeutet auch, dass sie mit kritischem Auge lesen und Wert darauf legen, den Absender klar identifizieren zu können. Misstrauisch werden die Deutschen in Sachen Nachrichten vor allem, wenn ihnen diese suspekt erscheinen. Dann nämlich begeben sich fast 80 Prozent auf Spurensuche im Impressum des Publishers und gar 86 Prozent ziehen weitere Quellen zur Verifizierung der Beiträge zu rate.

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Bitte weiterleiten?

Mit 49 Prozent teilt fast die Hälfte der Deutschen Beiträge im Netz. Die einzigen, und dafür aber auch wichtigsten, Voraussetzungen: Es muss Sicherheit darüber bestehen, dass es sich nicht um Falschinformationen handelt. Mehr als ein Fünftel der Befragten verlässt sich hierbei nicht nur auf das eigene Bauchgefühl, sondern prüft den Echt- und Wahrheitsgehalt vor dem Teilen von Beiträgen auch nach. 49 Prozent schließlich gehen der Gefahr, selbst zu Verbreitern von Desinformationen zu werden, so konsequent aus dem Weg, dass sie generell keine Beiträge sharen oder Likes dafür verteilen.

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Pseudonyme vs. Klarnamen

Wie man ins Netz ruft, so schallt es auch zurück. Und wenn man Transparenz von anderen fordert, muss man sie wahrscheinlich auch selbst vorleben. Von den 71 Prozent der Befragten, die überhaupt Social-Media-Accounts haben, gehen über 80 Porzent immer oder zumindest teilweise mit offenem Visier ins Web, d.h. dass sie entweder mit ihrem Klarnamen angemeldet oder sogar darunter sichtbar sind.

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Über 70 Prozent zeigen sogar ich wahres Gesicht (im Profilbild). Andererseits bewegt sich über die Hälfte der User immer oder zumindest zum Teil pseudonymisch in den Social Media. Und dafür gibt es offensichtlich gute Gründe.

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Knapp zwei Drittel wollen nicht über die sozialen Netzwerke identifizierbar sein bzw. will über ein Drittel nicht, dass Facebook, Twitter und Co. wissen, wer da ihre Plattform eigentlich benutzt. Fast ebenso viele nutzen ein Pseudonym, um wenigsten in den Social Media sicher vor den Kollegen zu sein. Betrachtet man nur diese drei Erklärungen für das Nutzen anonymer Accounts, stellt sich zumindest vorsichtig die Frage danach, ob es womöglich auch darum geht, dass es eher die geteilten oder gelikten Inhalte sind, über die kein Rückschluss auf die Identitäten der Verfasser gezogen werden können sollen – weder seitens anderer User noch durch die Plattformen an sich.

Bleiben noch diejenigen, die weniger Angst vor Entdeckung als vielmehr Bammel um ihre Daten haben (34 Prozent) oder davor, dass der Staat dank ohne ein Social-Media-Pseudonym tief ins Private der Nutzer eindringen oder eingreifen könnte.

Autor: MB

(Quelle aller Abbildungen: PricewaterhouseCoopers: „Fake News 2019: Einfluss auf die Europawahl?“, April 2019).

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