Blickwinkel

Rechtsextreme nutzen Whatsapp Sticker für Propaganda

Influencer Marketing

Eigentlich wollte WhatsApp mit der Einführung seiner Sticker Ende 2018 bloß eine weitere Funktion hinzufügen, „die die Kommunikation mit Freunden und Familienmitgliedern auf WhatsApp vereinfachen und Spaß machen“ sollte. Doch diese weitere Ausdrucksmöglichkeit erwies sich gerade in den letzten Monaten als Brutstätte für Nazi-Propaganda der getarnt infantilen und gefährlichen Art.

Recherchen von BuzzFeed News Deutschland zufolge nutzen scheinbar vornehmlich Jugendliche und junge Erwachsene die WhatsApp Sticker-Funktion, um darüber menschenverachtende Memes, verbotene Nazi-Symbole und Sticker mit volksverhetzenden, gewaltverherrlichenden oder antisemitischen Inhalten in ihren WhatsApp-Gruppen zu teilen und um – ebenso schlimm – darüber zu lachen und es gutzuheißen. In einigen Gruppen, so BuzzFeed, habe man über 200 verschiedene Sticker mit entsprechenden Inhalten gefunden. Zum Teil seien in diesen Gruppen täglich bis zu 1.500 solcher Nachrichten geteilt worden. Ebenso sei man auf Gruppen gestoßen, in denen Namen und Nummern anderer Nutzer geteilt wurden, gegen die man aufgrund ihrer Einstellung, ethnischen Herkunft, Nationalität oder Religion offen zur Gewalt aufgerufen habe.

Screenshot Nazi Whatsapp Sticker.png

(Quelle der Abbildungen: Jüdisches Form für Demokratie und Antisemitismus e.V. / Via WhatsApp)

Die Rolle von Dark Social, Emojis und Facebook

Bereits Anfang 2017 machte ein Fall Furore, der das wachsende Problem von WhatsApp mit Gruppen, in denen Nazi-Inhalte der schlimmsten Art scheinbar ohne Scheu und gerade von Jugendlichen geteilt wurden, zeigte. Damals wurde ein zu der Zeit 14-Järhiger von einem Jugendgericht zu 25 Stunden Lektüre historischer Literatur über die NS-Zeit verurteilt, zusätzlich zu einem für fünf Jahre gültigen Eintrag ins Erziehungsregister.

Der Junge war Mitglied einer Whatsapp-Gruppe, in der unter wechselnden Namen wie „Schwarzer Humor“, „Schwarzer Tumor“ und „Arische Bruderschaft“ von bis zu 179 Mitgliedern (davon fast 50 aus Deutschland) rassistische, antisemtische und rechtsradikale Parolen verschickt wurden – in teilweise bis zu 1.000 Sprüchen pro Tag und von Mitgliedern, die sich untereinander nicht alle kannten.

Wie WhatsApp es rechten Gruppen einfach macht

Das traurige Beispiel des damals 14-Jährigen zeigt einige der WhatsApp-Probleme mit rechten Gruppen auf:

  • Die „Sicherheit“ der Rechten in den Dark Socials, wie eben WhatsApp oder auch Telegram, dort wirklich unter sich und Gleichgesinnten zu sein, den Hass ungestört ausleben zu können, ohne größere Angst vor Entdeckung, Anzeigen und rechtlichen Konsequenzen haben zu müssen. Umso stärker ist daher die Verschiebung solcher Gruppen weg von vor allem Facebook und hin zu WhatsApp.
  • Die Einfachheit der direkten Kommunikation: Kein Scrollen in News-Feeds. Inhalte sind schnell und direkt in der Gruppe verfügbar.
  • „Humor“ und vermeintliche „Post-Ironie“: Viele – in erster Linie – jugendliche Mitglieder von Gruppen, in denen rechtes Gedankengut in Form von Nachrichten, Stickern, Memes und Links ausgetauscht wird, sind tatsächlich davon überzeugt, dass sie dies alles nur „zum Spaß“ machen. Solche Bilder seien irgendwie auch „lustig“. Sie können die Gruppen ja auch wieder verlassen, wenn es ihnen zu heikel, zu gefährlich, zu extrem oder zu konkret im Sinne von Straftaten wird. Dass sie sich womöglich bereits strafbar gemacht haben, wird ihnen oft zu spät bewusst. Und zum „Post-Ironischen“ und Treppenwitz sei zu bedenken gegeben, dass WhatsApp vieles mit Facebook teilt, unter anderem auch personalisierte Daten.
  • Der Weg vom „Einfach zum Spaß mitmachen“ bis hin zu einer wirklichen Radikalisierung ist kürzer, als viele denken.
  • Moderatoren solcher WhatsApp-Gruppen „moderieren“ oftmals diese Radikalisierung, indem sie selbst entsprechende Inhalte verbreiten oder Gleichgesinnte in die Gruppen einladen. Das ist umso bedenklicher, als dass sie eigentlich diejenigen sind, die an erster Stelle Verstöße gegen die Richtlinien des Messenger-Dienstes oder auch strafrechtlich Relevantes melden sollen.

Screenshot Nazi Gruppen Whatsapp Chat.png

(Quelle: BuzzFeed News / Via WhatsApp)

Es kommt hinzu, dass wohl einige rechte WhatsApp-Nutzer erst über via Facebook gepostete Links auf entsprechende Gruppen aufmerksam wurden, der Pfad ihrer Radikalisierung somit praktisch von der im Gegensatz zu WhatsApp doch recht offenen Plattform ins persönlichere und abgeschottete Dark Social führte. Und hierauf haben Behörden allein aufgrund der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung schwierigeren Zugriff. Es hängt am Ende also an Usern und vor allem an Moderatoren solcher Gruppen, menschenverachtende Inhalte in Chats als solche zu benennen und WhatsApp bzw. der Polizei zu melden.

Mitunter aber tarnen manche WhatsApp-Nutzer ihre rechte Einstellung, indem sie beispielsweise als Zeichen der Zustimmung zu widerlichen Inhalten, das Raising-Hand-Emoji benutzen – als getarnten Hitlergruß.

Wie WhatsApp den Rechten begegnen will

Der Messenger-Dienst tut sich scheinbar schwer damit, konkrete Maßnahmen gegen das Entstehen von mittlerweile ganzen Netzwerken rechter WhatsApp-Gruppen zu ergreifen. Gruppen, in denen nicht nur NS-Symbole und menschenverachtende Sticker und Memes geteilt werden, sondern wo konkret zur Gewalt gegen Linke, Ausländer und Andersdenkende aufgerufen wird. Allein die jüngste Beschränkung auf eine maximale Gruppengröße von 256 Mitgliedern reicht hier nicht aus.

Natürlich will WhatsApp diese Inhalte nicht in seiner App sehen und ebenso selbstverständlich werden diese widerlichen und meist selbstgebastelten Sticker nicht über WhatsApp erstellt. Doch mehr als darauf hinzuweisen, dass Nutzer, die solche Sticker erhalten, diese melden sollen, kann WhatsApp wohl nicht ausrichten. Denn auch diese Sticker werden durch chiffrierte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung gesendet. Und auch wenn Rechte nicht für ihre ausgewiesene Intelligenz bekannt sind, werden sie leider kaum so dumm sein, entsprechende Sticker zur Überprüfung an den Apple App Store oder an Google Play zu schicken.

Eine Facebook-Rosetta für WhatsApp?

in einem Kommentar zu einem Tweet des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus zu eben dieser unsäglichen Verbreitung von volksverhetzender NS-Symbolik über WhatsApp-Sticker, schlug jemand eine automatische Mustererkennung für entsprechende Inhalte vor.

WhatsApp Mutter Facebook setzt ja bereits seit Ende 2018 eine Künstliche Intelligenz ein, die auf den Namen „Rosetta“ getauft wurde und dabei helfen soll, Texte in Bildern zu verstehen. Doch Bilder isoliert als hetzerisch, extremistisch oder propagandistisch zu erkennen und dabei auch noch im Kontext von einerseits verbotenem und andererseits im Sinne von Parodie oder auch Berichterstattung erlaubten Gebrauch zu unterscheiden, erscheint aktuell schwierig bis unmöglich.

Was jedoch leider sehr einfach und ebenso automatisch passiert, sind mindestens grenzwertige und die rechten WhatsApp-Sticker verharmlosenden und bisweilen sogar gutheißenden Kommentare auf den Tweet des Jüdischen Forums. Irgendwie post-post-ironisch, weil sowohl solche Kommentare wie auch menschenverachtende WhatsApp-Sticker eine verantwortungslose Haltung zeigen, die Ironie nicht versteht, sondern missbraucht.

Autor: MB

Verwandte Artikel
Diskutieren Sie über diesen Artikel
Required for comment verification
0 Kommentare