Blickwinkel

Social Media als Inkubator für alternative Wirklichkeiten?

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Wo haben alternative Wirklichkeiten ihren Ursprung? Wer verbreitet sie über welche Social Media und mit welcher medialen Strategie? Und warum sind Verschwörungstheorien auch der absurdesten Art so hartnäckig und resistent gegen Fakten(-checks)? Diese und weitere Fragen untersucht das Monitoring rechts-alternativer Medienstrategien der Amadeu Antonio Stiftung.

Beleuchtet wurde dabei in erster Linie die Rolle, die den großen sozialen Netzwerken wie auch den Dark Social (also allen voran den Messengerdiensten) beim Verbreiten und Verhärten alternativer Wirklichkeiten, antisemitischer oder antimuslimischer Verschwörungsideologien, Rassismus, Antifeminismus und anderer verstörender und extremistischer Inhalte zukommt.

Wie Verschwörungstheorien bei YouTube auf Sendung gehen

Die Ergebnisse des Screenings von über 390 einschlägigen YouTube-Kanälen, die zwar nicht alle als rechtsextrem gelten, dennoch aber zumindest teilweise „rechtspopulistische bis rechtsextreme Narrative“ verbreiten, zeigen: Alternative Realitäten finden auf der weltweit größten Video-Plattform, die allein in Deutschland 6 Millionen User zählt, eine weite Verbreitung.

Größenaufteilung der ausgewerteten YouTube-Kanäle über 1.000 Abonnenten.png

Dabei dominieren zwar die kleinen Kanäle mit 1.000 Abonnenten, während die mit über 100.000 Abonnenten einen Bruchteil aller im Monitoring vorkommenden Verschwörungs-Channels ausmachen. Andererseits, so die Studie, würden allein die elf Abonnenten-stärksten Kanäle über 177 Millionen Views auf sich vereinen. Spitzenplätze unter diesen Propaganda-Channels auf YouTube belegen dabei die rechtsextreme „Identitäre Bewegung (IB)“ und in Persona ihr österreichischer Sprecher Martin Sellner.

Größenaufteilung der Themen der ausgewerteten YouTube-Kanäle.png

Lieblingsthema alternativer Realitäten ist dabei die Verschwörung in all ihren skurrilen und an Realsatire grenzenden Ausprägungen. Mit 126 Channels der insgesamt 390 beobachteten YouTube-Kanäle beschäftigen sich somit über 30 Prozent mit für die rechte Szene populären Verschwörungsszenarien. Immerhin 64 Kanäle gehen regelmäßig mit AfD-Themen oder für die AfD auf Sendung. 47 respektive 43 Channels senden stramm nationalsozialistischen Content bzw. befeuern ihre medialen Geschütze mit sexistischen und antifeministischen Inhalten.

Was man unter rechter Esoterik verstehen darf, erklären 26 der untersuchten Kanäle. Ebenso viele lassen rechte Musik für ihre Einstellung sprechen.

Top 11 der ausgewerteten rechts-alternativen YouTube-Kanäle.png

Ein Blick auf die rechten YouTube-Kanäle mit den meisten Klicks und Abonnenten zeigt, dass die Verbreitung rechtspopulistischer und rechtsextremer Narrative als Ein-Mann-Show wohl am besten funktioniert. Denn neben dem bereits erwähnten Martin Sellner von der „Identitären Bewegung“, ist es vor allem der aus dem Polizeidienst entlassene und vorbestrafte Vollzeit-Hater Tim Kellner, der diese traurige Bestenliste anführt.

Dass sowohl Kellner wie auch andere rechte Kanäle so viele Views und Abos zählen, liegt der Studie zufolge auch an YouTubes Auto-Play-Algorithmus. Denn um Nutzer bei Stange bzw. auf der Plattform zu halten, würden die Inhalte vorgeschlagener Videos und Kanäle immer extremer – und daher auch die Tendenz zu Verschwörungstheorien-Videos.

Facebook als Lautsprecher für Hassrede?

Ein Schritt weg von den bewegten Bildern und hin zur weltweit größten Social Plattform legt dar, dass auch hier die Verbreiter von Hassrede und Verschwörungstheorien in leider nicht kleiner Zahl vertreten sind. Dabei generiert ein Bruchteil der Hater einen Großteil der Likes für Hasskommentare. Das wiederum, so die Untersuchung der Amadeu Antonio Stiftung, gehe auch darauf zurück, dass „[…] viele Interaktionen und Likes im Algorithmus von Facebook zu einer vermehrten Ausspielung führen und damit zu einer größeren Sichtbarkeit und Breitenwirkung der Inhalte.“

Zwar hat Facebook – und damit anders als YouTube – Hassgruppen wie die „Identitäre Bewegung“ ebenso verboten wie Inhalte von „White Supremacy“, „White Nationalism“ und „White Separatism“. Andererseits aber gingen der Plattform immer noch zu viele Verletzungen der eigenen Nutzungsbedingungen durch, sodass auch Mordaufrufe in Gruppen oft stehen blieben.

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Für das Facebook-Screening nahm sich die Stiftung insgesamt 157 rechte Gruppen vor. Mit 56 machen die Gruppen mit zwischen 5.000 bis 9.999 Mitgliedern den größten Teil aus, nämlich knapp 35 Prozent und somit über ein Drittel.

Die großen Gruppen mit 10.000 bis 25.000 Mitgliedern sind mit insgesamt 21 an der Zahl genauso stark im rechten Hass-Kosmos auf Facebook vertreten wie die kleineren Gruppen mit bis zu 500 Mitgliedern.

Was in diesen Gruppen „diskutiert“ wird, erinnert stark an die thematischen Bezüge der untersuchten YouTube-Channels, also vor allem AfD (43 Gruppen) und Verschwörung (28 Gruppen). Mit 26 Gruppen rückt mit den Alternativen Medien/Nachrichten eine Gattung in die Wahrnehmung, die gerade in geschlossenen Gruppen die Facebook-Blase im Sinne von „Wir erzählen auch die richtige Wahrheit“ mit heißer Luft befeuert.

Die häufigsten Themen der ausgewerteten Facebook-Gruppen.png

Discord: Von der Gaming-Plattform zur Hassrede-Bühne

Abseits von YouTube und Facebook suchen sich Verfechter rechter Verschwörungstheorien auch alternative digitale Podeste. Dazu gehört unter anderem auch die US-Plattform Discord, die weltweit immerhin 200 Millionen User zählt; davon rund 5,5 Prozent aus Deutschland. Einst als ausschließlicher Gamer-Treff gedacht und genutzt, tummeln sich laut Monitoring der Amadeu Antonio Stiftung mittlerweile auch hier Rechtsextreme. Darunter auch deutsche Gruppierungen wie die „Reconquista Germanica“.

Den größten Zulauf verzeichnen dabei insgesamt die kleineren rechten Discord-Kanäle, also die mit bis zu 100 bzw. bis zu 700 Mitgliedern. Diese machen mit jeweils 27 respektive 31 Channels gut 95 Prozent aller untersuchten Kanäle auf Discord aus.

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Dennoch tragen rechte Gruppierungen auf Discord immer wieder zur Mobilisierung in der realen Welt bei, beispielsweise zur „Unite the Right“-Demonstration 2017 in Charlottesville/Virginia, wo „White Supremacy“-Anhänger und US-Neo-Nazis massiv auftraten und einer von ihnen im Anschluss sein Auto in die Gruppe der Gegendemonstranten steuerte und dabei eine 32-jährige Frau tötete.

Discord reagierte darauf zwar mit Stilllegung rechtsextreme Server, doch konnte die Plattform bis heute nicht verhindern, dass Rechte über Discord immer wieder unter anderem zu Hetzjagden aufrufen. Denn solche Inhalte müssen dem Netzwerk durch dessen User gemeldet werden.

Instagram und Twitter

Weder für die Foto-Sharing-Plattform noch den Kurznachrichtendienst listet die Untersuchung der Amadeu Antonio Stiftung konkrete Zahlen zu den Verbreitern rechter Narrative auf. Twitter, so die Studie, stelle für die breite Bevölkerung keine repräsentative Plattform dar.

Instagram wiederum sei in erster Linie in der rechtsextremen Kampfsport-Szene beliebt, auch weil die Plattform aufgrund dort fehlender Funktionen „wie das Retweeten auf Twitter oder das Teilen auf Facebook“ aus „zunächst verhältnismäßig isolierten Communitys“ bestehe. Und diese feiern sich dann eben selbst und vernetzen sich untereinander. Neue Leute werden dadurch aber insgesamt weniger angesprochen. Dennoch würden Rechte vor allem Hashtags kapern, also auf Instagram beliebte Hashtags nutzten, um „ihre Posts in die Timeline von Profilen, die ihnen noch nicht folgen, einzuspeisen.“

„Rechtes“ Dark Social am Beispiel von Telegram

Gerade Messengerdienste wie die rund 200 Millionen User umfassende Anwendung Telegram sind leider auch ein beliebter Inkubator für rechte Verschwörungsblasen. Und das noch vor WhatsApp. Denn Telegram erlaubt bis zu 200.000 Mitglieder pro Gruppe, was wiederum mehr Reichweite für die Rechten bedeutet – und auch für islamistische Terrorgruppen.

Ein weiterer „Vorteil“, den Telegram bietet, ist die Funktion, sich andere Nutzer, die sich in der Umgebung befinden, anzeigen zu lassen. So können schnell größere Gruppen mobilisiert werden.

Und natürlich eignet sich Telegram ebenso gut dazu, auf anderen Social-Media-Content hinzuweisen bzw. sich eine alternative oder parallele Plattform zu YouTube, Facebook und Co. zu schaffen.

Und im Schutz der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung lassen sich menschenverachtende Memes und Musik ebenso ungeniert und meistens leider auch ungestraft verbreiten, wie sich auch zu Straftaten oder zu Demos verabredet wird.

Vernetzung der Verschwörungstheorien-Verbreiter

Neben den oben genannten Plattformen finden die verbreiter rechter und rassistischer Narrative immer auch wieder andere Formate, um darüber ihre Verschwörungstheorien zu propagieren. Seien es V-Kontakte (VK) mit 70 Millionen Usern weltweit, das YouTube-Ausweichvideoportal BitChute oder auch Gab.ai: Auf diesen wie auch auf den großen Social Networks tauschen sich Rechte und Rechtsextreme teilweise ungehemmt zu ihren Umsturz- und Gewaltfantasien aus. Und teilweise finanzieren sie sich auch gegenseitig, beispielsweise durch YouTube-Werbung, Spendenaufrufe oder Crowdfunding, so die Amadeu Antonio Stiftung.

Leider setzen manche ihre digital potenzierten Fantasien in die Realität um, auch radikalisiert durch den Austausch in ihren rechten Meinungsblasen und angefeuert und gefeiert durch „ihre“ Community in diesen Netzwerken.

Der Austausch mit Menschen, die genauso vom Wahn einer globalen Verschwörung erfasst sind, führt oft in eine sich selbst befeuernde Spirale, bei der am Ende eine extreme Gewaltlösung als letzter Ausweg gesehen wird. Und dieser – das zeigen die grausamen Taten von Christchurch, Halle und Hanau – würde dann sogar live über die entsprechenden Social Media übertragen. Das schließlich und die Tatsache, dass beispielsweise der Mörder von Halle während der Übertragung seiner Bluttaten Englisch sprach, zeigt: Die rechte Szene ist über die gängigen wie auch über andere kleinere Plattformen international vernetzt.

Fakten-Check für realitätsresistente Rechte?

Wie man gegen diese Online-Radikalisierung und -Mobilisierung angehen kann? Natürlich, indem man die Social Media noch stärker in ihre Pflicht nimmt, entsprechende Inhalte, Nutzer und Gruppen zu entfernen und zu verbannen. Natürlich auch, indem man das Social-Media-Hopping rechter Akteure verhindert. Werden diese nämlich auf der einen oder anderen Plattform gesperrt, inszenieren sie sich im nächsten sozialen Netzwerk als Opfer der staatlich gelenkten Einheitsmeinungsmacher und verbreiten dort ihre rechte Propaganda weiter.

Gegenstrategien, so das Monitoring zu alternativen Wirklichkeiten der Amadeu Antonio Stiftung, sollten aber auch darauf zielen, verstärkte digitale Präventionsarbeit für Jugendliche und Erwachsene sowie offensives Fact Checking gegen „toxische Narrative“ zu betreiben.

Nur, würden akribisch recherchierte und sachlich aufbereitete Fakten wirklich jene Menschen erreichen, die sich alternativen Wirklichkeiten vollends verschrieben haben und „auch großem Realitätsdruck widerstehen?“

Autor: MB

(Quelle aller Abbildungen: Alternative Wirklichkeiten - Monitoring rechts-alternativer Medienstrategien / Amadeu Antonio Stiftung)

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