Blickwinkel

Social Media als Marktplätze für Wilderer

Influencer Marketing

Facebook, Instagram, WhatsApp oder auch WeChat machen es möglich, uns unabhängig von Zeit und Raum miteinander zu verbinden. Über Messenger-Dienste chatten wir sogar unbeobachtet, ungelesen und ungehört von nicht erwünschten Dritten miteinander – zumindest weitgehend. Diese Privatsphäre machen sich nun leider auch immer mehr Schmuggler von Wildtieren zunutze, um über WhatsApp und WeChat aber auch via Facebook, Facebook Messenger oder Instagram ihre illegale Ware potentiellen Käufern auf der ganzen Welt anzubieten.

Die Wildlife Justice Commission (WJC), eine NGO mit Sitz in Den Haag, die sich dem Kampf gegen den Schmuggel geschützter und gefährdeter wild lebender Tiere verschrieben hat und entsprechende international agierende kriminelle Netzwerke aufdeckt, prangerte bereits Ende 2018 in ihrem Bericht zur Operation Dragon an, dass bestimmte soziale Netzwerke und Messenger-Apps mehr und mehr zum Markplatz von Schmugglern werden, die über die Plattformen und Anwendungen zehntausende Wildtiere unverfroren zum Kauf anbieten – inklusive „Beweisfotos“.

Wildtierangebote über Social Media.PNG

(Quelle: WJC Dragon Report, 2018)

Soft Marketing: Wildtier-Schmuggel durch die Social-Media-Hintertür

Wie perfide Wilderer und Schmuggler über die sozialen Plattformen vorgehen, um ihre illegale und lebende Ware an potenzielle Käufer zu bringen, illustriert der WJC-Bericht sehr anschaulich. So biedern sich die Kriminellen zunächst via Facebook oder Instagram beispielsweise in Gruppen an, deren Interesse Wildtieren gilt. Sie posten unverfängliche Bilder von geschützten Tierarten in ihren Alben und Profilen, um dann Schritt für Schritt vorsichtig Kontakt zu möglicherweise interessierten Käufern aufzunehmen.

Kommunikation von Wilderern über Social Media.PNG

(Quelle: WJC Dragon Report, 2018)

Je konkreter mögliche Deals werden, desto tiefer verstecken sich die Schmuggler dann in verschlüsselten Chats und vernetzten sich via WhatsApp, WeChat oder Line mit potenziellen Interessenten oder eben auch mit Mitarbeitern der WJC bzw. mit verdeckten Ermittlern.

Auf diesem Weg kam die NGO während ihrer Operation Dragon in Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Strafverfolgungsbehörden insgesamt acht weltweit agierenden Schmugglernetzwerken auf die Spur, über die ihnen mehr 20.000 Schildkröten mit einem Schwarzmarktwert von 3,2 Millionen US-Dollar angeboten wurden. WJC konnte maßgeblich zu deren Zerschlagung beitragen. 30 Personen wurden im Zuge der verdeckten Ermittlungen via Social Media und Messenger festgenommen, fünf der Kriminellen zu Haftstrafen verurteilt und weitere von ihnen stehen aktuell vor Gericht. Zudem wurden über 6.000 lebende Reptilien, die zum Teil stark gefährdeten Spezies angehören, gerettet.

Je privater, desto gefährlicher

Nicht nur in Bezug auf den illegalen Handel mit wild lebenden Tieren „etablieren“ sich Facebook, Instagram, WhatsApp und WeChat mehr und mehr zu Plattformen, über die krumme Geschäfte in geschützten und privaten virtuellen Räumen abgewickelt werden. Je stärker der Fokus also vor allem seitens Facebook auf das Private und Geschützte gelegt wird, desto höher wird die Gefahr, dass sich die sozialen Medien und Messenger-Applikationen zu Marktplätzen entwickeln, auf denen von Wildtieren, über Artefakte bis hin zu Dino-Knochen alles angeboten wird – übrigens auch Drogen.

So forschte der US-Wissenschaftler Timothy Mackey beispielsweise an einer Möglichkeit, Drogendealer auf Instagram mittels maschinellen Lernens zu ermitteln. Fündig wurde der Forscher tatsächlich – und zwar in 1.228 Posts, die von 267 Unique Usern abgesetzt wurden.

In diesem Sinne wird auch die Forschung hinsichtlich des Aufbringens von Wildtierschmugglern in den sozialen Netzwerken befeuert. Gleichzeitig richtet sich der Fokus der Tierschützer und der Justiz auf den Verkauf illegaler Produkte wie Nashörnern. Auch hier, so Experten, entwickeln sich die Social Media und Messenger zu einem ernst zu nehmenden Marktplatz, der nur schwer zu kontrollieren ist.

Auch der International Fund for Animal Welfare (IFAW) untersuchte bereits Mitte letzten Jahres in einem ausführlichen Bericht die Rolle von Online-Marktplätzen wie aber auch von Facebook, Instagram und Twitter im Kontext des illegalen Handels mit Wildtieren. Während man auf Twitter auf nur sehr wenige relevante Posts stieß, entdeckten die Forscher auf Facebook und Instagram insgesamt 275 entsprechende Einträge (165 auf Facebook und 110 auf Instagram), die 6,2 Prozent der Aktivitäten auf den untersuchten Online-Plattformen ausmachten. Tatsächlich jedoch könnte die Dunkelziffer viel höher liegen, denn: „Nicht untersucht wurden geschlossene und private Facebook-Gruppen, passwortgeschützte Websites sowie das Darknet.“

Selbst jedoch ohne die nicht unter die Lupe genommenen geschlossenen Gesellschaften, ergibt sich allein für Deutschland ein erschreckendes Bild.

Wildtierangebote in Deutschland nach Kanälen.png

(Quelle: IFAW: Disrupt: Wildlife Cybercrime; bearb. von Marcello Buzzanca)

Auch wenn sich beide Netzwerke mittlerweile der Global Coalition to End Wildlife Trafficking Online des WWF angeschlossen haben und Instagram seine User explizit darauf hinweist, dass der Verkauf gefährdeter Tierarten verboten ist: Immer wenn jemand ein Selfie in Verbindung mit Wildtieren postet, finden Kritiker, dass beide Plattformen immer noch viel zu wenig unternehmen, um den Handel einzudämmen.

Das umso eher, als sich die Schmuggler von Wildtieren scheinbar über einen gemeinsam Pool mit gefährdeten Tierarten „versorgen“, da sie in vielen Fällen identische Bilder posten und verschicken und sich ihrerseits über eben genau die Social Media und Messenger, auf denen sie ihre Ware anbieten, untereinander vernetzen und abstimmen. Gerade in diesem Sinne sollten die Social Media also mehr daransetzen, Mechanismen zu entwickeln, die nicht nur Hassrede eindämmen, sondern Wilderern und Schmugglern den Verkauf wildlebender Tiere bald unmöglich machen.

Autor: MB

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