Blickwinkel

Social Media und gewalttätige Wellen

Influencer Marketing

Immer wieder zeigen Studien, was viele von uns als gefühlte Wahrheit empfinden: Der offene Hass, die Desinformationen drohen mitunter ungefiltert und ungebremst von den Social Media mitten in die reale Welt zu schwappen – auch bedingt durch die von den sozialen Netzwerken eingesetzten Algorithmen, die vor allem kontroverse Beiträge und Diskussionen pushen.

Neueste Untersuchungen zeigen das am Beispiel der AfD und deren Facebook-Präsens und Posts: Über 400.000 Fans der populistischen „Alternative für Deutschland“ (AfD) machen sie in Sachen Social-Media-Reichweite zu den aktivsten und in ihrem speziellen Fall auch kontroversesten politischen Präsenzen in den sozialen Netzwerken. Forscher der Universität Warwick fanden in Sachen AfD und deren Facebook-Posts zudem heraus, dass in Regionen mit hoher Interaktion – also Likes und Kommentare – zwischen Usern und der Facebook-Seite der AfD, auch der Effekt dieser Beiträge auf die reale Welt entsprechend verheerender ist. Am konkreten Beispiel von Dresden konnte die Forscher diesen Effekt sogar messen: eine durchschnittliche Anzahl von gegen Flüchtlingen hetzender AfD-Posts löste dort 0,043 Angriffe pro 10.000 geflüchteter Menschen aus. In Frankfurt am Main hingegen lag die Quote bei 0,029. Diese und andere Erkenntnisse zogen die Wissenschaftler aus über 176.000 Posts, knapp 290.000 Kommentaren, etwas mehr als 510.000 Likes und aus über 93.000 User-IDs der Facebook-Seite der AfD.

Andererseits zweifeln wiederum andere Forscher an, ob anhand der Datenlage und Methodik wirklich eine direkte Korrelation zwischen Hassrede und Hasskriminalität nachgewiesen werden. Auch, ob tatsächlich auf individueller Basis bewiesen werden kann, dass Facebook spätere Gewalttäter beeinflusst hat bzw. ob Posts und Kommentare Follower und Fans wirklich zu Gewalttätern werden lassen können, steht in Frage. Will heißen: Ob Hassrede zu Hasstaten führt, ist für einige Forschern mit der Studie der Universität Warwick nicht zweifelsfrei belegt.

Des Wutbürgers Emoji

Auch eine Untersuchung von wired und den Social-Media-Analysten von quintly widmet sich dem Hasspotenzial der AfD-Posts auf Facebook und der zentralen Emotion, die die Beiträge der Partei mindestens in den Social Media auslösen: Wut. So wurde in diesem Sommer gemessen, dass über ein Fünftel der Reaktionen, die auf Posts zur Bundestagswahl im Herbst 2017 auf Facebook abgesetzt wurden, von einem traurigen oder wütenden Emoji begleitet waren.

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(Quelle: wired/quintly)

Das größte Stück vom Wut-Kuchen ging dabei auf das Konto der Reaktionen auf AfD-Posts. 16,1 Prozent davon waren von einem vor Zorn fast platzenden Emoji gekennzeichnet – nicht als Ausdruck der Wut über den Beitrag an sich, sondern als wütende Zustimmung dazu. Das ist insofern auch für die reale Welt von Bedeutung, wenn man sich vor Augen hält, dass die AfD mit ihren plakativen Facebook-Posts bis zu 4 Millionen Menschen erreichen kann. Allein, weil ihre Fans die Inhalte teilen. Geriert sich die Facebook-Page der AfD dann noch als zentrales Parteisprachrohr und berücksichtigt man zudem, dass die Partei und wahrscheinlich viele ihrer Anhänger und Wähler die klassischen Medien eher meiden und verunglimpfen, droht tatsächlich auch die Gefahr einer Parallel-Medienwelt, in der die AfD abseits der „Lügenpresse“ die wirkliche Wahrheit verbreitet – meist ungestört und ungesehen von anderen, mit großer Reichweite und im ungefilterten Kontakt zu ihren Unterstützern.

Alice Weidel wollte einfach nur geliked werden

Da tröstet es wenig, wenn man jetzt liest, dass AfD-Fraktionschefin Alice Weidel Teile der von einer Schweizer Pharmafirma an ihren Kreisverband gespendeten 130. 000 Euro unter anderem für den Kauf von Likes ausgegeben hat. Zwischen 3.000 und 10.000 Euro soll sie in ihre gekaufte Facebook-Popularität wie auch in entsprechende Inhalte monatlich investiert haben. Auch die Tatsache, dass immer wieder AfD-Politiker wegen rassistischer Facebook-Posts rechtlich verfolgt oder deren Seiten von der Plattform genommen werden, ist dabei für viele nur ein Teil der Lösung.

Algorithmus als Agitator

Keine Studie oder Untersuchung zur Rolle der Social Media im Kontext zunehmender Radikalisierung wird konstatieren, dass nur die sozialen Netzwerke oder nur deren User Schuld am Erstarken extremistischer Tendenzen sind. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass die Social Media zumindest das „Bilden von Blasen“ via Algorithmus befördern. Schließlich geht es Facebook wie auch YouTube und anderen Formaten darum, dass sich deren Nutzer so lange wie möglich dort aufhalten. Diese anhaltende Aufmerksamkeit erschafft man am besten durch Inhalte, die irgendwie zum Seh- und Suchverhalten jedes einzelnen Users passen.

Je genauer diese getroffen werden, desto länger bleiben die Nutzer. Je schneller sich zudem die Spirale radikaler Inhalte nach oben schraubt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die User von Video zu Video und von Beitrag zu Beitrag klicken, ohne dabei zu merken, dass sie damit bereits womöglich in einem regelrechten Netzwerk und in einer großen Filterblase stecken. In dieser bestätigen sich die jeweiligen Content-Ersteller gegenseitig die eigene und damit gemeinsame Meinung. Und wer als Konsument wenigstens im Ansatz ebensolche Tendenzen aufweist, wird sich innerhalb dieser abgeschotteten Parallelwelt irgendwann darin bestätigt sehen. Schließlich dringen ja auf entsprechenden Plattformen keine gegenteiligen Meinungen mehr durch. Diese nämlich werden vom Algorithmus in gewisser Weise abgewehrt und die eigene Filterblase dadurch vor konträren Ansichten beschützt.

AlgoTransparency will Klarheit durch Fakten

Der ehemalige YouTube-Software-Ingenieur Guillaume Chaslot wollte an dieser Stelle und mit der Gründung von AlgoTransparency vielleicht auch jenes wiedergutmachen, was er als einer der an YouTubes Algorithmus Mitarbeitenden „verbockt“ hatte. Mit seiner Seite will er Transparenz bezüglich des fesselnden Algorithmus schaffen, indem er beispielsweise nackte erschreckende Fakten dazu nennt. So ist YouTubes Algorithmus für über 70 Prozent aller Views auf der Plattform verantwortlich. Demzufolge verbringen die rund 1,5 Milliarden YouTube-User täglich 700.000 Stunden damit, der Allmacht Algorithmus zu folgen.

Das Fatale an dieser Verquickung ist für Chaslot die Tatsache, dass soziale Netzwerke vorwiegend mit noch mehr Aufregung für noch mehr Aufmerksamkeit und damit auch für längere Verweildauern und höhere Einnahmen aus Werbegeldern sorgen wollen. Doch diese Spirale dreht eben auch am Polarisierungsgrat in der Gesellschaft. Und je stärker die sich abstoßenden Kräfte in den Social Media werden und je radikaler ihre Ansichten, desto größer wird auch die Gefahr, dass diese Tendenzen, Verschwörungstheorien und Filterblasen sich irgendwann ihren Weg in die wahre Welt ebnen. Sind sie einmal dort in voller Breite angekommen, wird kein Algorithmus mehr ihre zerstörende Wirkung berechnen können.

Autor: MB

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