Blickwinkel

Twitters Herzrhythmusstörung

Influencer Marketing

Wer heutzutage Twitter hört, wittert wahrscheinlich einen Hauch von Trump, eine noch stärkere Prise Kulturpessimismus und jede Menge 240 Zeichen große Bühnen für Hassreden, Diffamierungen und Manipulation. Dieses Image kann Twitter-Gründer und CEO Jack Dorsey weder gutheißen noch länger dulden. Gerade mit Hinblick auf die Ergebnisse des letzten Quartals, in dem Twitter insgesamt 9 Millionen monatlich aktiver Nutzer verlor (wir berichteten) scheint der Handlungsdruck groß, um dem Community-Schwund irgendwie und am besten schnell zu begegnen.

Twitter Users DAU und MAU.png

(Quelle: Twitter Q3 2018 Letter to Shareholders)

Eine mögliche Lösung: Twitter muss herzamputiert werden. Tatsächlich fragte sich Dorsey kürzlich auf dem WIRED25 Summit selbst und laut, welche Anreize Twitter eigentlich für sinnstiftende Diskussionen liefert. Der Herz-Button jedenfalls, mit dem man seine Zustimmung für andere Tweets ausdrücken kann, gehört für den Twitter-Chef wohl nicht (mehr) dazu. Denn dieses Herzchen, so Dorsey, schaffe genau jene Anreize, die eben nicht zu wirklich ausgewogenem Austausch beitragen:

„Right now we have a big Like button with a heart on it and we’re incentivizing people to want it to go up and to get more followers. Is that the right thing? Versus contributing to the public conversation or a healthy conversation?”

Kardiologie soll Twitter reanimieren

Twitters Herzchen schlägt also nicht an der richtigen Stelle bzw. animiert eher dazu, dass eben auch Accounts mit fraglicher Ausrichtung auf die Herzchen-Inflation setzen, Follower um der Steigerung der Follower-Anzahl willen sammeln und damit letztlich zur weiteren und einfachen Verbreitung von Hassrede, Desinformation, Hetzerei und einfach gestrickten Wahrheiten für komplexe Herausforderungen beitragen.

Jack Dorsey steht also offenbar der Sinn nach einer Operation am offenen Herzen. Und der stilisierte Herz-Button soll der Umstrukturierung des sozialen Netzwerks wohl zum Opfer fallen. Doch um Twitter neues und womöglich besseres Leben einzuhauchen, kann die Entnahme wahrscheinlich nur mit anschließender Transplantation und plastischer Chirurgie einhergehen. Und so stellte sich der Twitter-Chef auch noch weitere öffentliche Fragen darüber, welche Funktonen die Plattform in Zukunft haben sollte. Die Antworten, so Dorsey, könnten und sollten die User selbst liefern, waren doch bereits Twitters ureigene Organe – also das Hashtag, der Thread und der Retweet – dem Ideenreichtum der Nutzer entsprungen. Welche vielleicht gar nicht so lebenswichtigen Vitalfunktionen noch auf dem Seziertisch unter die Lupe genommen werden sollen, ließ der CEO von Twitter jedoch offen. Eventuell wird darüber nachgedacht, künftig nicht nur Accounts, sondern eventuell auch Themen folgen zu können. Auch Erweiterungen des Retweet sind denkbar, wie auch viele andere Optionen, um Twitter letztlich attraktiver für wirklich werthaltige Diskussionen zu gestalten.

10.000 Fake Accounts leichter

Etwas leichter ums Herz fühlt sich Twitter jedenfalls nicht erst seit Dorseys kardiologischen Attitüden. Bereits von Ende September bis Anfang Oktober nämlich wurden über 10.000 Fake Accounts von der Plattform entfernt – gerade rechtzeitig zu den jetzt stattfindenden US-Midterm-Wahlen.

Die gefälschten Benutzerkonten gaben vor, von den US-Demokraten betrieben zu werden und wollten Wähler der Democrats davon überzeugen, nicht zur Wahl zu gehen. Das taten sie, indem sie beispielsweise gezielt männliche Wähler ansprachen und diesen rieten, sich von den Wahlurnen fernzuhalten, weil damit die Stimmen der Wählerinnen übertönt würden. Twitter entfernte die Accounts letztlich, nachdem die Demokratische Partei entsprechende Tweets geflaggt hatte. Gefunden hatte sie die Fake Accounts über eine eigene Software, die zum Teil auf den von der University of Indiana entwickelten Programmen „Hoaxley“ and „Botometer“ basieren und das Identifizieren von automatisierten Accounts (also Bots) erleichtern.

Autor: MB

Verwandte Artikel
Diskutieren Sie über diesen Artikel
Required for comment verification
0 Kommentare