Blickwinkel

Wie gefährlich ist TikTok?

Influencer Marketing

Die Kritik an der beliebten Video-App TikTok wird immer lauter. Nachdem Datenschützer schon länger alarmiert waren, wird nun der Vorwurf der Zensur laut. Die chinesische Plattform weist diese Vorwürfe zurück – und löscht quasi im selben Atemzug das Video einer jungen Muslimin. Diese hatte, in einem als Schminktutorial getarnten Clip, den Umgang der chinesischen Regierung mit der muslimischen Minderheit in China angeprangert.

Kritik an China Regierung mal anders

Feroza Aziz umging die Zensur der Videosharing-Plattform, indem sie die gesamte Dauer ihres Kurzvortrags über Menschenrechtsverletzungen und chinesische Konzentrationslager versiert mit einer Wimpernzange hantiert. TikTok bemerkte die wahre Natur des Videos offenbar erst anhand der Reichweite und Kommentare und löschte es daraufhin. Doch das Video ging dort bereits viral und später auch andernorts im Social Web. Auf ihrem daraufhin erstellten Twitter-Account berichtet die 17-Jährige, dass man sie für einen Monat von der Plattform verbannt habe, sie sich aber nicht zum Schweigen bringen ließe. Als sie daraufhin Reporteranfragen aus der ganzen Welt erhält, wird plötzlich auch ihr TikTok-Account wieder freigeschaltet.

TikTok hält kritische Posts klein

Der Vorfall stellt ein Paradebeispiel für die nur ein paar Tage zuvor veröffentlichen Recherche-Ergebnisse von Netzpolitik.org dar. Nach umfangreichen eigenen Tests, Insiderinformationen und exklusiven Einblick in die Moderationsregeln des chinesischen Social-Media-Unternehmens, kommt die Nachrichten-Website zu dem Schluss, dass TikTok ein ausgeklügeltes System betreibt, „um Inhalte zu identifizieren, zu kontrollieren, zu unterdrücken und zu lenken“. Darüber hinaus könne TikTok auf vielfältige Weise bestimmen, welche Inhalte sichtbar und welche unsichtbar sind. Bereits Mitte September war der Washington Post aufgefallen, dass die Hongkong-Proteste bei TikTok kaum präsent waren. Der britische Guardian zog nach und entdeckte so gut wie keine Inhalte zum Tiananmen-Massaker oder zu Tibets Unabhängigkeit.

Dabei gestaltet sich Zensur auf TikTok viel dezenter als in anderen sozialen Netzwerken. Denn statt Posts zu löschen oder Nutzer zu sperren, schränkte die App oftmals nur unbemerkt die Reichweite kritischer Posts ein. In einem engmaschigen Kontrollsystem prüfen Moderationsteams den Content und taggen fast jedes Video mit verschiedenen Sichtbarkeitseinstufungen bis hin zum „Lösch-Befehl“. So werden deutschsprachige TikTok-Videos beispielsweise von drei Standorten aus moderiert. Eine erste Prüfung findet bereits bei 50 bis 150 Videoansichten in Barcelona statt. Nach circa 8.000 bis 15.000 Views wird von Berlin aus erneut geprüft, bei rund 20.000 Klicks ein drittes Mal. Nachts übernehmen deutschsprachige Chinesen den Job von Peking aus.

TikTok: eine beispiellose Erfolgsstory

Obwohl die TikTok erst seit rund 15 Monaten in Deutschland verfügbar ist, hat es hierzulande mehr als fünf Millionen Nutzer. Nachdem das chinesische Unternehmen Bytedance den Vorgänger Musical.ly Ende 2017 für eine Milliarde Dollar übernommen hatte, legte TikTok mit 1,3 Milliarden Downloads eine beispiellose Erfolgsgeschichte hin. So ist die bei Jugendlichen ungemein beliebte App mit weltweit über 500 Millionen Nutzern das am stärksten wachsende soziale Netzwerk überhaupt. Neben Lipsync- und Tanz-Videos finden sich unter den 15- bis 60-sekündigen Clips auch zahllose Challenges, Sketche und Streiche. Darüber hinaus bietet die Unterhaltungsplattform eine Reihe von Spielereien wie Gesichtsfilter. In China läuft TikTok unter dem Namen Douyin.

Bei dieser gigantischen, globalen Reichweite wundert es nicht, dass Marketer bei Nennung der populären App schweißnasse Finger bekommen. So tummeln sich neben großen Marken wie Google, Coca-Cola oder Nike auch jede Menge Promis und Politiker dort. Selbst die Tagesschau betreibt einen eigenen Account, in bester Gesellschaft mit der Washington Post.

TikTok und Datenschutz

Bei dieser gigantischen Menge an Nutzerdaten ist das Thema Datenschutz mittlerweile zum Politikum geworden. Auch wenn TikTok betont, dass keine Daten europäischer oder amerikanischer Nutzer auf chinesischen Servern gespeichert werden, befürchten Datenschützer ein Abgreifen sensibler Daten. So hat die US-Wettbewerbsbehörde FTC jüngst wegen illegaler Sammlung von Namen, E-Mail-Adressen, Standortdaten sowie Fotos von Minderjährigen gegen TikTok eine Rekordstrafe von 5,7 Millionen Dollar verhängt. Amerikanische Politiker befürchten zudem, dass die App zum Einfallstor chinesischer Wahlmanipulationen bei der kommenden US-Präsidentschaftswahl werden könnte. In den USA gibt es 26,5 Millionen TikTok-User. Auch die britische Datenschutzbehörde ermittelt.

Und auch der Hongkonger Studentenaktivist Joshua Wong findet den Umstand, dass eine chinesische Plattform über derartig viele globale Daten verfügt, mehr als bedenklich. Gegenüber der BILD zeigte er sich fassungslos, dass „dem chinesischen Regime gratis Daten geliefert würden, mit denen sie Europäer ausspionieren“ könnten. „Wahnsinn, dass sich kein Widerstand regt und alles hingenommen wird.“

Autor: KS

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