News

Wie laut sind YouTubes linke Stimmen?

Influencer Marketing

Die Bandbreite politischer Meinungen reicht auf YouTube weit und tief in rechte, linke, konservative, liberale und grüne Spektren. Und doch, so hat es den Anschein, sind es vor allem der hetzerische und verschwörungstheoretische Content und die entsprechenden Kanäle sowie YouTuber, die die Diskussionen um die nicht immer glückliche Liaison von Politik, Populismus und Social Media prägen.

Um herauszufinden, wie stark die linke Stimme auf YouTube ist und welchen Part sie in der Kakophonie oder auch Harmonie politischer YouTuber singt, hat die der Partei DIE LINKE nahestehende Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Studie in Auftrag gegeben, die genau das herausfinden sollte.

In dem Monitoring-Bericht Von Influencer*innen lernen geht es in erster Linie um die Frage, warum vor allem US-amerikanische bzw. anglofone Linke Politische Influencer (LPI) auf YouTube so erfolgreich sind und welche Zutaten aus diesem Erfolgsrezept gerade für deutsche linke YouTuber besonders interessant sein könnten.

BreadTube/LeftTube made in Anglofonia

Dass die Begriffe BreadTube bzw. LeftTube – ein loser Zusammenschluss linker YouTuber – aus dem englischsprachigen Raum stammen, zeigt deutlich, dass es Handlungsbedarf für linke YouTuber aus Deutschland gibt. Denn nicht nur die Bezeichnungen, sondern auch die erfolgreichsten linken YouTuber kommen eigentlich ausschließlich aus dem anglofonen Sprachraum, sind also meistens US-Amerikaner oder eben auch Briten.

Youtube_linke_Stimme_1.png

youtube_linke_stimmen_2.png

Unter diesen Top-Accounts- und Channels sind es vor allem die „originären YouTuber“, die mit ihren Videos wiederum ausschließlich auf YouTube und dessen spezifische Ästhetik und Bild-Sprache setzen, welche am erfolgreichsten im Sinne der Reichweite sind. „Multiple-use“-Anbieter, die mit entsprechendem Content nicht nur auf YouTube, sondern auch auf anderen Plattformen unterwegs sind, produzieren wiederum zwar viel mehr Videos als „originäre YouTuber“, sind aber nicht so erfolgreich, wenn es um die Aufrufzahlen einzelner Videos geht. Würde es beiden Gruppen gelingen, sich besser und intensiver zu vernetzen und vor allem für die jeweiligen Fans und Follower sichtbarer zu interagieren, so der Bericht der Rosa-Luxemburg-Stiftung, könnte dadurch auch eine „offene, kreative linke digitale Bewegung“ entstehen. In englischsprachigen YouTube-Universum wie auch hierzulande.

Crossmediale Vernetzung rechter YouTuber

In Sachen Vernetzung von Creators, das suggeriert die Studie, könnte ein kritischer Blick nach rechts einiges an Erkenntnissen zu Tage fördern. Denn im rechten YouTube-Universum werden die Seilschaften nicht nur persönlich und cross-medial, sondern auch über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg gesponnen – mit dem Ziel, Verschwörungstheorien und Desinformationen immer dem lokalen Kontext anzupassen und damit weltweit verbreiten zu können. Eben über YouTube, aber auch über anderen Plattformen wie Twitch.

Der Monitoring-Bericht nennt in Sachen grenz- und sprachraumübergreifender Vernetzung die kanadische Alt-Right-YouTuberin Lauren Southern und die US-Bloggerin Brittany Pettibone. Beide begleiteten die rechtsextreme Identitäre Bewegung in Italien, als diese versuchte, NGO-Seenotrettungsschiffe an der Ausfahrt zu hindern. Zudem ist Brittany Pettibone seit 2019 mit dem Sprecher der österreichischen Identitären Bewegung, Martin Sellner, verheiratet. Und auch er ist ein recht erfolgreicher YouTuber.

Deutschprachige LPI

Ein Blick auf die deutsche linke YouTube-Landkarte zeigt es deutlich: Es besteht großer Nachhol- und Professionalisierungsbedarf. Und das gilt nicht nur für allein kämpfende linke Creators, sondern in erster Linie sogar und vor allem für große Linke Einrichtungen, Organisationen, Medien und Parteien.

youtube_linke_stimmen_3.png

Alles zusammen, so die Studie sinngemäß, würden YouTube lediglich als eine Art Archiv nutzen, um dort „Redebeiträge aus dem Parlament […], wackelige Videos von Demonstrationen und Podiumsdiskussionen mit schlechtem Ton aus nur einer Kameraperspektive“ abzulegen, statt YouTube-originäre Beiträge zu produzieren.

Youtube_linke_Stimme_4.png

Selbst der Channel der Fraktion DIE LINKE im Bundestag mit über 30.000 Abonnenten oder auch der YouTube-Account der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit rund 6.700 Abonnenten, sind weit von angloamerikanischen Verhältnissen entfernt.

Die Gefahr sieht der Report vor allem darin, dass „bei den entsprechenden Institutionen keine Sensibilität für den Medienkonsum nicht nur junger Menschen, sondern großer Teile der Bevölkerung vorhanden ist.“ Und das wiederum wiegt umso schwerer, als die demografische Struktur der YouTuber, die in erster Linie jung, männlich und Gaming-affin sind. Und genau auf diese, beim Thema Radikalisierung sehr empfängliche Zielgruppe, ist das Visier rechter und rechtsextremer Content Creators kanalspezifisch gerichtet.

Links fehlt es noch an Technik und Taktik

Um in der „direkten Konkurrenz zu rechten Erklärangeboten“ bestehen zu können, schreibt die Rosa-Luxemburg-Studie der linken YouTuber-Szene einiges ins Hausaufgabenheft. Und fast schon, so scheint es, ist das Abschreiben vom rechten wie auch vom linken Sitznachbarn jenseits des Atlantiks erlaubt.

Zunächst fehle es vielen linken Creators an Wissen, was Suchmaschinenoptimierung oder auch „die algorithmischen wie community-spezifischen Gegebenheiten auf YouTube“ angeht. So wirkten viele Videos altbacken, seien schlecht produziert und wenig auf die Zuschauenden bezogen.

Hier rät der Report sowohl zu mehr Professionalität wie auch zu mehr „kreativer, subversiver DIY-Ästhetik wie beim BreadTube“ und weniger zum optisch sauberen Langeweile-TV. Und nicht zuletzt liefern gerade die Interaktion mit den Usern auf YouTube ebenso wie die kritische Betrachtung der Social Media wertvolle Impulse für künftige Wahlkämpfe. Oder anders gesagt: Nur wer auf Augenhöhe mitmischt, ist auch mittendrin.

In Sachen Vernetzung und Bildung einer linken YouTube-Community muss letztlich ein Blick nach rechts gewagt werden, um zu verstehen, dass das rechte Erfolgsgeheimnis hinsichtlich einer globalen und crossmedialen Verbindung darin liegt, dass sie es schaffen, Radikalisierungsthemen und -strategien wie auch Formatideen […] umgehend und wechselseitig über Sprachbarrieren hinweg“ zu adaptieren und in eine YouTube- oder Twitch-Sprache zu übersetzen, die überall verstanden wird.

Bleibt also abzuwarten, ob der linke Sprachkurs auch bald YouTubisch (in Wort und Bild) im Angebot hat und welche Positionen deutschsprachige LPI auf YouTube & Co. als Spielfelder linker Politik und Bildungsarbeit einnehmen werden.

Autor: MB

(Quelle aller Abbildungen: Marius Liedtke, Daniel Marwecki: Von Influencer*innen lernen - Youtube & Co. als Spielfelder linker Politik und Bildungsarbeit)

Verwandte Artikel
Diskutieren Sie über diesen Artikel
Required for comment verification
0 Kommentare