Blickwinkel

Twitter als Stimmungsbild?

Influencer Marketing

Wer in Volkes Seele und vor allem in deren Abgründe schauen will, muss dafür nicht unbedingt aufwendige Befragungen oder Psychoanalyse betreiben, sondern einfach bei Twitter nach populären Hashtags, nach Accounts mit massig Followern, nach hyperaktiven Twitter-Nutzern und populären Diskussionen schauen.

Das Gemenge daraus ergibt ein klares Bild dessen, wie die Menschen da draußen so denken und fühlen. Und wie man sie denken und fühlen lassen kann. Das aber, so eine Studie des Mediennutzungsforschers Sascha Hölig im Auftrag des Hamburger Hans-Bredow-Instituts, stimmt nur sehr bedingt. Seine Untersuchung „Eine meinungsstarke Minderheit als Stimmungsbarometer?! Über die Persönlichkeitseigenschaften aktiver Twitterer“ kommt nämlich zu dem Ergebnis, dass sich „aktive Twitterer in demographischer, politischer und vor allem in Hinsicht der Persönlichkeitsmerkmale vom Durchschnitt der Internetnutzer unterscheiden.“ Vor allem Persönlichkeiten, die höhere Werte in der Tendenz zum Narzissmus aufwiesen und die persönlichkeitsstärker, extrovertierter und weniger ängstlich seien, würden den Kurznachrichtendienst aktiv nutzen.

Immer, wenn man sich beispielsweise als Politiker oder Journalist am Stimmungsbild auf Twitter orientiere und darin den oft zitierten Spiegel der Befindlichkeiten der Gesellschaft zu finden hoffe, liege man falsch, da die auf Twitter verbreiteten Meinungen am Ende wenig mit der Stimmung in der Gesamtbevölkerung zu tun haben. Vielmehr ist es so, dass überhaupt die wenigsten auf Twitter gestarteten Debatten es weiter ins Netz schaffen – und nur wenige in die wirkliche Welt. Aber klar: Wenn jemand wie der Präsident der Vereinigten Staaten den Kurznachrichtendienst so eifrig zur Verbreitung seiner Sicht der Dinge nutzt und dabei kein Blatt vor die twitternden Finger nimmt, macht auch nur eine Stimme den Unterschied.

Kurzum: Wenn man auf die schrillen, lauten und nur schwer zu ignorierenden, wenigen Stimmen auf Twitter hört und glaubt, dass sie das Befinden der breiten Masse widerspiegeln und dass diese Diskussionen unbedingt auch von anderen über andere Medien gehört werden sollten, hat man es sich zu einfach gemacht. Vielleicht auch, weil Twitter eine dankbare und bequeme Zitatenquelle ist, der man irgendwie automatisch auch eine repräsentative Authentizität attestiert. Das stimmt aber nur insofern, als dass aktive Twitterer und ihre oftmals radikalen Standpunkte zeigen können, wie es in den extremistischen Rändern der Gesellschaft brodelt. Repräsentativ aber, so die Studie, sind diese Stimmen nicht.

Wie verlässlich ist das Gezwitscher?

Ein Problem, das in der Studie auftaucht, zeigt deutlich, wie schwer es ist, das Gewicht und die Glaubwürdigkeit von Twitterern einzuordnen. So gibt es der Untersuchung zufolge „kaum gesicherte Daten zur Größe der Twitter-Community“ und „auch über ihre demographische Struktur [ist] nur wenig bekannt.“ Das Bild von Twitter-Usern jedenfalls suggeriert, dass es sich bei dem Kurznachrichtendienst vor allem um ein „Elite-Medium [handelt], welches außer bei Journalisten und Politikern besonders bei Prominenten, politischen Aktivisten und unter Umständen bei Wissenschaftlern beliebt ist." Wenn sich also Politiker und Journalisten oft und gerne auf Twitter beziehen bzw. dort recherchieren und daraus zitieren, ist die Gefahr doch groß, dass sie sich in ihren Elite-Blasen bewegen bzw. eigentlich nur für eine Minderheit relevante Diskussionen in die breite Öffentlichkeit tragen und dort im schlimmsten Fall erheblichen Schaden anrichten. Anders gesagt: Würde man besser verstehen und akzeptieren, dass von sehr den überschaubaren, aktiven Twitter-Nutzern angestoßene Diskussionen nicht immer und für alle relevant sind, müsste man noch kritischer hinterfragen, wie aussagekräftig es ist, Twitter als Quelle zu zitieren und als „repräsentative“ Plattform zu nutzen.

Sascha Hölig jedenfalls nennt in seiner Studie Daten und Fakten, die dem repräsentativen Charakter von Twitter und dem Anspruch einiger, dass man bei der Plattform auf Volkes Stimme stoße, eindeutig widersprechen. So sei in Deutschland zwar die absolute Anzahl an Twitter-Nutzern durchaus beachtlich, ihr relativer Anteil an der Gesamtbevölkerung aber vergleichsweise klein. Die Datenlage zu den Twitter-Nutzern, so Hölig weiter, gleiche einer hermetisch verschlossenen Blackbox: „Das Einzige, wovon vermutlich ausgegangen werden kann, ist, dass der aktiv partizipierende Anteil unter den Twitter-Nutzern vergleichsweise gering ist.“ Wie gering, ist schwer zu sagen. Der Autor führt dazu einige Quellen an, die zwischen 1,8 Prozent und 45 Prozent aktiver Twitter-Nutzer unter den Internetnutzern in Deutschland ab 14 Jahren schwanken. Andere Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass es 10 Prozent aktive Nutzer gibt, die für über 90 Prozent der Hashtags und für 90 Prozent der Tweets verantwortlich sind. Die große Mehrheit auf Twitter ist folglich eine schweigende und lediglich mitlesende. Wäre Twitter also wirklich ein verlässliches Stimmungsbarometer und ein Abbild des Gesellschaftsgemüts, fiele die doch sehr einseitig und holzschnittartig aus. Und Twitter-Accounts sind in keiner Weise gleichzusetzen mit aktiver Nutzung des Kurznachrichtendiensts.

Facebooker vs. Twitterer

Ebenfalls interessant – und das vor allem mit Bezug auf die Persönlichkeitseigenschaften – ist der Vergleich zwischen Nutzern von Facebook und Twitter. Über Studien zur Selfitis, also dem mehr oder minder stark ausgeprägten und teils schon pathologischen Drang, mehrmals täglich Selfies zu machen und diese ebenso oft zu posten, hatten wir ja kürzlich in einem unserer Artikel berichtet. Doch wie genau ticken aktive Twitterer?

Dass sie eher zum Narzissmus tendieren, extrovertierter sind und gerne im Mittelpunkt der medialen Öffentlichkeit stehen, wissen wir ja bereits. Dass sie aber so arrogant sind und glauben, genau dann besonders wertvoll und wichtig zu sein, wenn sie auf Twitter und nicht auf Facebook aktiv sind, ist in jedem Fall neu. Hinzu kommen Ergebnisse anderer in der Studie von Sascha Hölig erwähnten Untersuchungen. So wurde herausgefunden, dass Twitter-User das Nutzen des Kurznachrichtendiensts auch als Ausdruck ihrer Überlegenheit empfinden. Außerdem entdeckten Forscher in den USA „höhere Werte für Extrovertiertheit und geringere Werte für Gewissenhaftigkeit bei Nutzern, die Facebook und Twitter verwenden, im Vergleich zu Nutzern, die ausschließlich auf Facebook aktiv sind.“

Hinzu kommt, dass Twitter-User, bzw. die wenigen, die wirklich aktiv sind, eigentlich nur ihre eigene Meinung und eventuell auch Informationen prominent gepostet sehen wollen. Wer eher auf Facebook schwört, setzt mehr auf Interaktion.

Zudem findet man unter den aktiven Twitterern überproportional viele Vertreter und Poster extremer politischer Einstellungen. Da ihre Anzahl im Vergleich zur Bevölkerung gering ist, sie aber verhältnismäßig oft ihre radikalen Ansichten twittern, ergibt sich letztlich ein verzerrtes Bild der Gesellschaft. Es entsteht leicht der Eindruck, dass diese radikalen Ansichten die Meinung der gesamten Bevölkerung darstellen und nicht bloß weniger twitternder Bürger. Dieses Zerrbild dann als repräsentativ zu sehen und/oder für die Untermauerung eigener radikaler Thesen zu instrumentalisieren, kann fahrlässig sein. Und wird leider viel zu oft trotzdem oder gerade deshalb gemacht.

Autor: MB

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