Blickwinkel

YouTube: Erst die Verwarnung, dann die Strikes

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Wäre die größte Videoplattform der Welt ein Schiedsrichter oder das Kraftfahrt-Bundesamt, dann würden sich Verkehrssünder und Sportplatz-Rowdies sicher ins Fäustchen lachen. Denn das jetzt in Kraft tretende Update von YouTubes Strike-System käme ungefähr dem Szenario gleich, dass ein Raser in einer verkehrsberuhigten Zone mit einer Verwarnung und dem geduldigen Erklären der Straßenverkehrsordnung seitens der Ordnungshüter davon käme. Oder auch, dass einer, der die Blutgrätsche auspackt, vom Schiedsrichter an die Seite genommen und freundlich über die Regeln beim Fußball aufgeklärt würde.

YouTube hat nämlich dem bewährten 3-Stufen-Strike-System sozusagen eine sanfte Zeigefinger-Runde vorgeschaltet. Ab sofort nämlich (also seit dem 25. Februar 2019) setzt die Plattform bei User-Vergehen gegen die Community-Richtlinien zunächst auf Aufklärung. Und auf eine – sagen wir – hellgelbe Karte. Auf dieser steht künftig, weshalb diese Verwarnung ausgesprochen wurde, was als nächstes zu tun ist, welche Folgen ein weiterer Verstoß haben wird und wie und wo man sich beschweren kann, wenn man sich zu Unrecht ermahnt fühlt. Für den Kanal und dessen Creator hat dieses „One-Time Warning“ zunächst keine Konsequenzen, außer eben, dass der Inhalt natürlich gelöscht wird und die Verwarnung, anders als die ersten beiden Strikes, nicht nach 90 Tagen aus dem Sündenregister verschwindet.

Die Idee zu dieser Vorstufen-Verwarnung entstand laut YouTube im Austausch mit Creators der Plattform. Ziel des Austauschs war es, besser verstehen zu können, wie die Community in Sachen Regelverstöße gegen die Guidelines so tickt, wie man die klaren Richtlinien ebenso klar kommuniziert und durchsetzt und wie man eine Aufklärung betreibt, die wirklich wirkt. Immerhin geht es YouTube zufolge ja um eine eher kleine Zahl an Creators, die gegen die Richtlinien verstoßen. Oder anders formuliert: 98 Prozent von ihnen halten sich immer an die Regeln und 94 Prozent all jener, die einen ersten Strike kassiert haben, haben es spätestens dann verstanden und erhalten keinen Strike Nummer 2 mehr.

Alle Verstöße in einen Topf

Der Outcome dieses „Kolloquiums“ beschränkt sich aber nicht alleine auf die Einführung der „One-Time Warning“-Strategie. Neu ist nämlich nun auch, dass alle Verstöße gegen die Nutzungsrichtlinien – egal also, ob mit pornografischen oder sexuell expliziten, hasserfüllten, schädlichen, schändlichen oder gewalttätigen und grausamen Inhalten – auf dieselbe Art und Weise geahndet werden. Das übrigens auch ungeachtet der Form des Contents (Videos, Stories, Links zu anderen Webseiten in der Videobeschreibung oder im Infoteil, Thumbnails, etc.). Bei den Strike-Stufen wiederum bleibt alles beim Alten:

  • Hat man die Glocken nach der ersten folgenlosen Verwarnung nicht läuten hören und verstößt wiederholt gegen die Community Guidelines, folgt Strike Nummer 1. Man wird angezählt, der anstößige Inhalt wird gelöscht und der Channel liegt eine Woche lang auf Eis (keine Uploads oder andere Kanal spezifische Aktivitäten). Nach 90 Tagen erlischt dieser Strike und man hat wieder eine weiße Strike-Weste
  • Strike 2 folgt dann auf 1, wenn man innerhalb von 90 Tagen nach dem ersten Strike wieder gegen die Nutzungsrichtlinien verstoßen hat. Diesmal werden der eigene Kanal und alle damit zusammenhängenden Aktivitäten für zwei Wochen gesperrt. Aber auch hier besteht weiterhin Hoffnung auf Ablass, wenn man sich die folgenden 90 Tage nett verhält.
  • Strike Nummer 3 kommt einem technischen K.O. gleich. Dann nämlich geht der betroffene Channel endgültig auf Sendeschluss.

Copyright „striket“ anders als Community Guidelines

Tatsächlich beziehen sich die Neuerungen von YouTubes Strike-System ausschließlich auf Verstöße gegen die Nutzungsrichtlinien. Der Maßnahmenkatalog für alle jene Creators, die es mit dem geistigen Eigentum anderer nicht so ganz genau nehmen und urheberrechtlich geschützte Inhalte hochladen, müssen mit weniger Milde rechnen und fallen immer noch ganz ohne „One-Time Warning“ sofort in das dreistufige Strike-System, das identische Strafen vorsieht wie jene, die bei Verstößen gegen die Community Guidelines greifen.

Der einzige „Vorteil“ dieser Trennung der jeweiligen Verstoß- und Maßnahmenkataloge ist, dass beide sozusagen von verschiedenen Bußgeldstellen verwaltet und erlassen werden. Insofern werden die Strikes aus den beiden Systemen nicht aufaddiert. Zumindest nicht für die User.

Für YouTube aber irgendwie schon, denn die nun vorläufig vollzogene Einigung der EU-Staaten und des Europaparlaments hinsichtlich einer Reform des Urheberrechts trifft eben auch die Videoplattform mit einer ziemlichen Breitseite. Auch wenn am Ende womöglich das Reizwort Uploadfilter dazu führen könnte, dass die heiß diskutierte Anpassung des Urheberrechts an das YouTube-, Google- und Facebook-Zeitalter an besagtem Artikel 13 (der letztlich die Aufsichtspflicht über das Hochladen urheberrechtlich geschützter von den Nutzern auf YouTube respektive Google leiten würde) scheitert oder ohne ihn verabschiedet wird, muss YouTube mehr denn je und sicher nicht weniger als vorher darauf achten, dass die Rechte von Urhebern nicht beim Upload von Content verletzt werden. Würde man daher auch im Copyright-Strike-System auf eine erste folgenlose Verwarnung bei Verstößen setzen, würde man wahrscheinlich die falschen Signale in Sachen Urheberrecht in Richtung EU senden.

Autor: MB

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