Blickwinkel

YouTubes Dislike Dilemma

Influencer Marketing

Das weltweit wichtigste Videoportal kämpft immer noch und immer wieder mit vielen Widrigkeiten des Social-Media-Alltags. Hassrede, Desinformation, Verschwörungstheorien und andere widerliche Werke strömen quasi sekündlich aus dem YouTube-Universum in die weite Welt. Wie man genau diesen Strom eindämmen könnte, darüber machte sich YouTubes Project-Management-Director Tom Leung nun lautstark Gedanken. Sein Augenmerk richtete er bei seinem Creator-Insider-Video-Post auf den Dislike-Daumen und legte damit den Finger in die tiefe Dislike-Wunde.

Ob es die 15 Millionen Daumen waren, die sich seit Dezember 2018 über YouTubes Jahresrückblickvideo „Rewind 2018“ gesenkt haben (wir berichteten), die den Auslöser für Leungs laute Überlegungen waren, wissen wir nicht. Fest steht jedoch: Der Dislike-Daumen muss sich drehen. Irgendwie, in irgendeine Richtung, vielleicht sogar ganz von der Bildfläche verschwinden. Optionen (oder besser gesagt: Gedankenspiele) führte YouTubes Projektmanagement-Chef einige an:

  • keine öffentlich sichtbare Anzeige der Anzahl von Likes und Disikes oder nur von Dislikes mehr
  • eine Erklärung, warum man (und bevor man) den Daumen nach unten drückt, um willkürliche, impulsive Dislikes aber auch Dislike-Mobs einzudämmen
  • das Entfernen des Dislike-Buttons

Alle von Tom Leung angeführten Maßnahmen will der YouTube-Manager zunächst nur als Diskussionsgrundlage verstanden wissen.

Die Diktatur der Likes und die Beschneidung der Creator-Kunst

Tatsächlich befindet sich YouTube in einer medialen Fahrbahnverengung – gemeinsam auf der Strecke mit Creators, Hatern, Behörden und zahlenenden Anzeigenkunden. Die YouTube-Welt (und deren Stars) künftig in Watte zu packen und Dislikes zu verbannen, wäre Leung zufolge vor allem undemokratisch, also eine Art Diktatur der Zustimmenden. Und diese würde am Ende ja auch jene aussperren, die ein Video einfach nicht mögen, ohne dass sie dabei Mobbing betreiben wollen.

Die Auswertung der Gründe, warum und bevor man den Dislike-Button drückt, würde wiederum viel Zeit und Geld für die Auswertung der jeweiligen Motive in Anspruch nehmen.

Andererseits müsse man das Problem dennoch jetzt angehen. Denn viele Creators, die kontroverse aber nicht gegen die Richtlinien von YouTube verstoßende Videos auf die Plattform hochladen, wissen um die dekonstruktive Macht von Dislike-Mobs. Je mehr Daumen gesenkt werden, desto unwahrscheinlicher ist es, dass solche Videos weiterempfohlen werden und damit eine bestimmte Reichweite erzielen. Kurz gesagt, können Dislike-Mobs all jene Beiträge, die sich nicht mögen, irgendwann auf stumm schalten bzw. in die Bedeutungslosigkeit der Empfehlungsfeeds verbannen. Und das schließlich würde irgendwie auf eine Gleichschaltung auf YouTube hinauslaufen – ohne konträre Ansichten und mit nur wenigen geduldeten Meinungen, kontrolliert von mächtigen Dislike-Mobs.

Nächste Baustellen: EU-Kommission und NetzDG

Als hätten Tom Leung und das restliche YouTube-Management nicht schon genug Sorgen, schaltet sich nun auch wieder die EU-Kommission ein – mit einem Zwischenbericht zum EU-Verhaltenskodex, den ja auch die Videoplattform unterschrieben hatte und der der Bekämpfung illegaler Hetze im Internet dienen soll. Dabei fällt die Zwischenbilanz gar nicht so schlecht aus:

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(Quelle: Code of Conduct on countering illegal hatespeech online – Factsheet February 2019/EU-Commission)

Insgesamt prüfen Facebook, Twitter, Instagram und auch YouTube im Schnitt mittlerweile 89 Prozent der gemeldeten Inhalte innerhalb von 24 Stunden. Knapp 72 Prozent der Hass-Inhalte werden gelöscht, etwa 28 Prozent bleiben online. Im Jahr 2016, also zur Einführung des Kodex, waren es noch 40 Prozent überprüfter und 28 Prozent gelöschter Inhalte. Speziell für YouTube heißt das: 83,8 Prozent geprüfter Inhalte innerhalb von 24 Stunden nach Meldung bzw. 7,9 Prozent in weniger als 48 Stunden. Ein Fortschritt im Vergleich zum Vorjahr, so Věra Jourová, die zuständige EU-Kommissarin für Justiz, Verbraucher und Gleichstellung. Da nämlich lag YouTubes Löschrate noch bei 75 Prozent. Dennoch mahnte sie an, dass alle Social Plattformen „die Rückmeldung an die Nutzer, die Inhalte melden, verbessern und für mehr Transparenz hinsichtlich der Mitteilungen und der Entfernung von Inhalten sorgen [müssen].“

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(Quelle: Code of Conduct on countering illegal hatespeech online – Factsheet February 2019/EU-Commission)

Anders fällt die Bilanz hingegen nach einem Jahr Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) aus – und zwar für alle relevanten Social Media. Speziell YouTube erhielt rund 250.000 Meldungen zu entsprechend anstößigen Inhalten. Gelöscht oder blockiert wurden davon jedoch nur etwas weniger als 55.000. Vornehmliche Gründe für das Löschen oder Blockieren waren terroristische oder politisch extremistische Inhalte in den jeweils gemeldeten Videos.

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(Quelle: Google Transparenzbericht)

Kritiker bemängeln jedoch, dass YouTubes NetzDG-Löschquote im ersten Halbjahr 2018 noch bei 27,1 Prozent lag. Ob die für die zweite Jahreshälfte 2018 geringere Quote an gelöschten bzw. blockierten Inhalten von weniger als 22 Prozent nun damit zu tun hat, dass tatsächlich weniger anstößige Inhalte hochgeladen oder einfach weniger gelöscht werden, bleibt unklar. Überhaupt sind die politischen Lager bezüglich der Durchschlagskraft des NetzDG gespalten. Während die einen in den Zwischenberichten erkennen können, dass die Plattformen jetzt endlich aktiv werden im Kampf gegen die Verbreitung von Hass, Hetze, Desinformation und Beleidigungen, ist Tabea Rößner, Sprecherin für Netzpolitik und Verbraucherschutz der Bündnis 90/Grünen-Bundestagsfraktion skeptisch. Sie findet die Ergebnisse der Transparenzberichte von Google (und damit auch von YouTube), Twitter, Facebook und Co. „trügerisch unspektakulär“, ohne wirkliche Aussagekraft und kaum miteinander vergleichbar. Sie fordert notwendige Reparaturen am NetzDG. Wer weiß, ob YouTube mit seinen Ideen zur Bekämpfung von Dislike-Mobs ein dafür geeignetes Instrumente entwickeln kann, will und/oder wird.

Autor: MB

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