Blickwinkel

YouTubes Panoptikum der Superlative

Influencer Marketing

Wer die weltweit beliebteste, bekannteste und bedeutendste – um gleich mit Superlativen zu beginnend – Videoplattform gerne mal in nackten Zahlen sehen möchte, dem sei die detaillierte Aufschlüsselung der Video- und Musikdaten-Analysten von Pex ans Herz gelegt. Die nämlich haben sich nun die Mühe gemacht, YouTube praktisch einer großen Inspektion zu unterziehen. Mithilfe zahlreicher öffentlich zugänglicher Daten hat Pex ein Panoptikum – also eine Wunderkammer der superlativen Art – entworfen, das Staunen, wie aber auch Entsetzen bei dem einen oder anderen auslösen mag.

In rudimentären und nichtsdestotrotz außergewöhnlichen Zahlen (Stand: 31. Dezember 2018) beschrieben, wurden auf YouTube, seitdem es 2005 auf Sendung ging, unglaubliche 5,2 Milliarden Videos hochgeladen. Das entspricht 1 Milliarde Stunden an Content der unterschiedlichsten Art. Zusammengenommen gab es 29 Billionen Views, 250 Milliarden Likes und Dislikes (in welcher Gewichtung, wird nicht beschrieben) und 33 Milliarden Kommentare. Allein im letzten Jahr wurden pro Minute Inhalte in der Gesamtlänge von 621 Stunden hochgeladen. Das wiederum sind umgerechnet 10 Stunden Content pro Sekunde. Ein Blick zurück in der Zeit zeigt, dass die in Minuten gemessene Content-Menge sich seit 2016 praktisch verdoppelt hat und dies bis spätestens 2021 nochmals tun wird.

Hours of Content Uploaded Every Minute.png

Überlange Laufzeiten

Weniger in die Höhe als vielmehr in die Länge zieht sich mittlerweile auch die durchschnittliche Dauer der Videos – vor allem aufgrund episch langer Gaming-Filmchen und Live-Übertragungen. Seitdem YouTube die Beschränkungen bezüglich der Dauer hochgeladener Videos im September 2011 für verifizierte Nutzer aufhob, nahmen die Balken im Diagramm sukzessive Fahrt auf. Mittlerweile sind es etwas über 15 Minuten, die Videos auf YouTube durchschnittlich lang sind. Und auch hier gilt: In den nächsten zwei Jahren wird sich die Überlänge der auf die Plattform hochgeladenen Videos weiter durchsetzen.

Average Video Length in Minutes.png

Einzigartige Uploads nehmen ab

Nun sind die bisherigen Zahlen zwar zweifelsohne beeindruckend, doch das Wachstum-durch-die-Decke-und-Höher kann YouTube nicht für alle Felder beanspruchen. Als erstes Beispiel mag hier die Anzahl der Unique User dienen, die seit 2005 mindestens ein Video hochgeladen haben.

Distinct Users Uploading per Year.png

Waren das 2018 noch 101 Millionen, werden es dieses Jahr eher nur 100 Millionen sein. Auch wenn die Anzahl der Uploads pro jeweils einen Nutzer in den Jahren 2020 und 2021 wohl wieder leicht zulegen wird, wird die Kurve in jedem Fall weniger steil nach oben zeigen.

Der Grund: YouTube gehen schlicht und ergreifend die User aus. Und das, weil die Plattform mittlerweile einen Großteil der Menschen, die mobilen oder stationären Zugang zum Internet haben, als Nutzer für seine Dienste und für das Netzwerk gewonnen hat. Daneben aber gibt es Hunderte Millionen bzw. sogar Milliarden von Menschen, die YouTube schlicht und ergreifend nicht aufrufen geschweige denn Content hochladen können. Weil der Dienst in ihrem Land blockiert wird (siehe China, Nordkorea oder auch Iran) oder aber, weil die digitale Infrastruktur den Zugang nicht zulässt.

Also muss YouTube mit dem und denen arbeiten, die die Videoplattform uneingeschränkt benutzen können. Sprich: YouTube muss vorhandene Nutzer noch stärker an sich binden.

Uploads per User.png

Das wiederum funktioniert zumindest beim Hochladen von Videos ganz gut, betrachtet man, dass es immer mehr Uploads pro einzelnen User und Jahr gibt.

Zwischen Content und Kategorien

Ein Blick auf die nächste Pex-Grafik lässt kaum Zweifel daran, dass Gaming-Videos auch künftig einen Löwenanteil bei den Uploads und Views innehaben werden. Als einzige Content-Kategorie weist die Zocker-Kurve seit 2015 und bis weit in die nächsten Jahre steil nach oben. Tatsächlich gibt es rein der Größenordnung zufolge mehr Gaming-Videos auf YouTube als auf Twitch.

Percent of Total YouTube Content by Category.png

Andererseits jedoch sagt das wenig über die zählbaren Views wie auch über die Monetarisierungsmöglichkeiten für Gamer auf YouTube aus. Vielmehr ist es sogar so, dass Gaming-Videos im Schnitt zwar eine längere Dauer aufweisen und – wie oben zu sehen – auch allein in Sachen Menge bis zum Jahr 2021 die Kategorie mit der Hälfte aller hochgeladenen Videos sein wird. Doch auf der anderen Seite ziehen Musikvideos rund 5,6 Mal mehr Views auf sich, obwohl (oder auch weil) sie im Schnitt fast viermal so kurz sind.

Break Down of Each Category.png

In absoluten Zahlen betrachtet sind es jedoch die Videos aus der Kategorie Unterhaltung, die mit 25 Prozent bzw. rund 2,4 Milliarden Ansichten ein Viertel aller Views auf sich vereinen können. Trotzdem machen sie nur 10 Prozent des gesamten Contents aus. Die Musik-Videos wiederum, die für nur fünf Prozent des gesamten Contents stehen, kommen auf knapp 2 Milliarden Views, was einem Fünftel aller Ansichten entspricht. Die Gamer schließlich verbuchten 2018 etwa 2,2 Milliarden Views. Das entspricht 22 Prozent aller Video-Blicke auf YouTube – das jedoch bei einem Anteil von immerhin 17 Prozent am gesamten Content.

Absolute Numbers per Category in 2018.png

Eine Frage der Ansicht(en)

Um auch am Ende bei den anfänglich angekündigten Superlativen zu bleiben und dabei trotzdem auch die Schattenseiten der Megalomanie zu beleuchten, hier noch einige Aspekte zu den „Verlierern“ auf YouTube. Aber auch diese scheitern im großen Stil.

Distribution of Videos Based on the views.png

Satte 91 Prozent aller hochgeladenen Videos verdampfen im Prinzip fast ungesehen bzw. mit weniger als 1.000 Views. Nur knapp sechs Prozent schaffen es mit bis zu 10.000 und nur 2,4 Prozent mit bis zu 100.000 Ansichten auf die nächsten Stufen. Der elitäre Rest, also jene Videos, die 100.000 bis eine Milliarde und mehr Views auf sich vereinen können, macht gerade einmal 0,64 Prozent allen Video-Contents auf YouTube aus.

Zäumt man das Pferd sozusagen von hinten auf und betrachtet die Videos, die zum allergrößten Teil gesehen werden, bewegen sich diese mit zu fast 60 Prozent im Bereich von zwischen 100.000 bis 10 Millionen Views. Nur 0,8 Prozent knacken die magische Marke von 1 Milliarde Ansichten.

Distribution of Views as Percent of Total Views on the Platform.png

Über alle View-Stufen hinweg sind es Musik-Videos, die die meisten Views verbuchen. Insofern bedarf das Gefühl, dass YouTube eigentlich immer noch eine audiovisuelle Jukebox ist, spätestens seit den Multi-Milliarden-Klicks für Gangnam Style, Sorry, Hello, See you again und Despacito eigentlich keiner Statistik mehr.

Distribution of Views by Category.png

Bleibt die Frage, warum YouTube sich eigentlich nicht ähnlich einer Plattenfirma, einer Filmproduktion oder auch eines Profi-Clubs von den „unteren 91 Prozent“ trennt. Schließlich entsprechen die meisten Kanäle, auf denen die kaum gesehenen Videos laufen, sowieso nicht YouTubes Monetarisierungskriterien (Wiedergabezeit von über 4.000 Stunden innerhalb der letzten 12 Monate und mehr als 1.000 Abonnenten). Will heißen: Der Großteil der Videos mit kleinen Klickzahlen kostet YouTube eigentlich nur Ressourcen. Geld verdient die Google-Tochter vor allem durch die wenigen Videos, die Views im oberen fünfstelligen Bereich und nach oben offen vorweisen können.

Nun, eine – und sicher nicht die schlechteste – Antwort darauf lautet: Es ist die schier unendliche Vielfalt und die meist liebevolle Anarchie in vielen der Underperformer-Videos, die den Charme von YouTube schon immer ausgemacht haben und die Creators jeglicher Couleur immer noch anzieht.

Autor: MB

(Quelle aller Abbildungen: Pex.com)

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