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Tumblr gibt sich künftig zugeknöpfter

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Tumblr gibt sich künftig zugeknöpfter

Kurz vor Weihnachten gingen auch die Verantwortlichen des Microblogging-Networks Tumblr in eine kontemplative Klausur und beschlossen, künftig die Tumblr-Türen der Plattform für sexuelle Darstellungen (fast jeder Art) zu schließen. Zum 17. Dezember soll das soziale Netzwerk mit Schwerpunkt Blogs vor allem frei von pornografischen Inhalten sein. Die sich bisher noch auf Tumblr befindlichen Medien dieser Art sollen dann rigoros entfernt werden bzw. nur noch für die Kontoinhaber selbst sichtbar sein. Ein Re-Blogging und weiteres Verbreiten entsprechender Inhalte in der Community soll dadurch verhindert werden.

Tumblr verschickt derweil bereits eifrig elektronische Post an alle Einsteller schlüpfrigen Contents, versehen mit dem Hinweis, dass deren Inhalte als unangemessen gekennzeichnet wurden. Die User haben dann noch die Möglichkeit, ihre Bilder, GIFs, Illustrationen und Videos zu sichern und/oder die Inhalte nur für sich selbst sichtbar zu machen. Wer aber das Gefühl hat, dass sein Content unberechtigterweise geflaggt und verbannt wurde, kann dagegen Einspruch erheben.

Verbannt aus Apples iOS App Store

Warum sich Tumblr plötzlich so hochgeschlossen gibt, lässt sich wohl auf einen Vorfall vor einigen Wochen zurückführen. Da nämlich schlug der bereits Mitte 2017 installierte allgemeine Porno-Filter, der es nur volljährigen Usern erlaubt, Content sexueller Art hochzuladen, nicht Alarm, als kinderpornografische Inhalte auf der Plattform veröffentlicht wurden. Als Konsequenz flog Tumblr bzw. dessen iPhone- und iPad-App postwendend aus dem iOS App Store von Apple. Um dort nun wieder Einlass zu erhalten, gibt sich die Microblogging-Plattform jetzt alle Mühe, den Dienst mindestens so sauber zu halten wie die Schuhe an Nikolaus geputzt sein sollten, wenn man artig war und dafür belohnt werden möchte.

Algorithmische Besen fegen besser

Um putzmunter in die Weihnachtszeit zu starten und vor allem, damit sich das Türchen von Apples iOS App Store wieder öffnet, setzt Tumblr nun auf das Doppelpack Algorithmen und menschliche Moderatoren. Die wiederum sollen den Maschinen-Inspektoren helfen, noch besser und effizienter zu werden und verbotene Inhalte noch schneller zu finden und zu flaggen. Solange aber die Künstliche Intelligenz noch nicht gelernt hat, zwischen den anstößigen Zeilen zu lesen und im Kontext zu entscheiden, landen alle von der Software markierten Inhalte vorerst noch auf dem Schreibtisch der menschlichen Moderatoren.

Zudem will Tumblr künftig auch die Blogs und Posts, deren „Adult Content“ bereits vor dem 17. Dezember als „explicit“ gekennzeichnet war, nicht mehr von Suchmaschinen finden und in den Suchergebnissen anzeigen bzw. indexieren lassen. Dass Tumblr wirklich an die Saubermach-Kraft dieser Besen glaubt, zeigt die Tatsache, dass der zuvor als Anti-Porno-Torwächter angedachte Safe Mode, den es für Volljährige als Opt-in gab, künftig nicht mehr gebraucht wird.

Nichts als die nackte Wahrheit?

Nun ist ja nicht jeder nackte Körperteil, der von einem Bild, einer Illustration oder einem Video heraus glänzt, gleich Pornografie. Nur, wo sollen die Grenzen gezogen werden? Für Tumblr ist das zunächst einmal ganz einfach: Wer die „Geburt der Venus“ von Botticelli oder das Prachtstück von Michelangelos Monumentalstatue „David“ postet oder Bilder der Oben-ohne-Aktionen von Femen auf Tumblr verbreitet oder wenn es um Nacktheit in einem medizinischen Kontext geht, dann soll der „Porno-Filter“ Tumblr zufolge nicht greifen. Ebenso wenig wie bei erotischer Literatur oder bei Bildern, die Mütter beim Stillen ihrer Kinder zeigen.

Verhüllte Körper, verhaltener Kommerz?

Doch ungeachtet dieser Ausnahmen steigt nicht nur innerhalb der Tumblr-Community die Besorgnis darüber, wie viel Freiraum der Meinungsäußerung auch in Form von Bildern, die Nacktheit eben nicht um der Pornografie Willen zeigen, künftig noch eingeräumt werden wird. Und natürlich stellen sich Fragen dazu, wie genau Algorithmen und menschliche Moderatoren arbeiten und wie schnell zu Unrecht geflaggte Inhalte wieder freigeschaltet werden bzw. wie stark entsprechende Beschwerden beachtet werden.

Eine zumindest für den Tumblr-Besitzer Verizon ebenso wichtige Frage ist die nach einem möglichen Einbruch des Traffics – und damit verbunden die Angst um (vorerst) rückläufige Werbeeinnahmen. Oder anders gesagt: Ob sich der Weihnachtsputz für Tumblr letztlich auch finanziell lohnt und falls ja, wie lange dies dauern kann. Das werden die auf den Weihnachtsmann folgenden Monate zeigen. Fest steht: Der Tumblr-Claim, der besagt, dass man in den auf der Plattform befindlichen 450 Millionen unterschiedlichen Blogs so ziemlich alles findet, stimmt so nicht mehr. Denn noch bis vor kurzem assoziierte man „so ziemlich alles“ schnell mit genau jenen Inhalten auf Tumblr, die die Plattform jetzt in private Schmuddelschubladen einschließen möchte.

Wellen schlagen bis zu Weibo-Usern

Selbst in China, wo Pornografie strikt und vor allem im Netz verboten ist, sorgte die Entscheidung Tumblrs, sexuell aufgeladenen Content von den öffentlich sichtbaren Seiten zu verbannen, für Unverständnis und teilweise gar zu nackter Panik. Einer der populärsten Weibo-Kommentare fragte laut in die Community des größten Microblogging-Dienstes der Volksrepublik, ob die Entscheidung denn bedeute, dass die 300 Porno-Accounts, für die der User Jahre aufgewendet hatte, um ihnen letztlich allen folgen zu können, nun einfach verschwinden würden.

Andere posteten Screenshots, die sie beim Löschen der Tumblr-App zeigen, begleitet von dem wohl wirklich ernstgemeinten „RIP Tumblr“. Denn Tumblr bzw. dessen chinesische Version wurde Mitte 2016 aus dem Reich der Mitte verbannt, also geblockt – wegen zu viel Pornographie.

Dennoch erfreute sich der Dienst dank VPN-Zugang bei vielen Chinesen, gerade aufgrund der Menge an erotischen und pornografischen Inhalten, größter Beliebtheit. Umso größer ist nun also auch die Enttäuschung unter den chinesischen Usern, die sich ungern Alternativen – beispielsweise jenen, die mit „Porn“ beginnen und mit „hub“ enden – zuwenden möchten. Schließlich stand Tumblr ihrer Meinung nach für realistischere, hoch qualitative und weniger kommerzielle Pornographie. Diese chinesischen Kommentare schließlich könnte man seitens Tumblr auch als Kompliment auffassen.

Autor: MB

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