Blickwinkel

Behind the Scenes: So arbeiten heute Stuntleute

Kinowerbung

Mit dem Motorrad in voller Fahrt auf ein entgegenkommendes Auto auffahren, danach in hohem Bogen durch die Luft fliegen? Oder in letzter Sekunde aus dem Fenster springen, bevor der Superschurke die Sprengladung im Zimmer hochgehen lässt? Oder ganz klassisch: der Faustkampf auf Leben und Tod auf einem fahrenden Zug? Es gibt tatsächlich Leute, die so etwas freiwillig machen. Aber gut für uns Filmfans! Denn erst mit ihrem mutigen Ganzkörpereinsatz machen Stuntleute Filme zu echten Actionerlebnissen.

Die Skills, die der Stuntman, Schauspieler und Kampfchoreograph Michael Bornhütter auf seiner Website aufzählt, klingen definitiv anspruchsvoll: Sprünge, Stürze, Anfahrunfälle werden da genannt, auch Feuerstunts, Fassadenklettern, Tauchen, die Kampfkunstdisziplinen Shotokan Karate, Kobudo, Jiu-Jitsu, Aikido und Iaido (also der Umgang mit „Blankwaffen“) sowie Schießereien. „Wir sind keine Adrenalin-Junkies“, stellt Bornhütter, der für Film, Theater und Fernsehen arbeitet und als einer der erfahrensten Stuntleute in Deutschland gilt, in einem YouTube-Interview mit der UFA Talentbase klar. Sein Motto: Es ist Pech, wenn etwas passiert – es ist nicht Glück, wenn nichts passiert. Man sollte versuchen, die Risiken so weit wie möglich zu minimieren, rät Bornhütter, der bei Filmen wie „The First Avenger: Civil War“, „Das Bourne Ultimatum“, „Resident Evil“, „Hitman: Agent 47“, „Der Medicus“ sowie in der TV-Serie „Babylon Berlin“ mitgewirkt hat.

Vom Double zum eigenen Charakter

Früher war es normal, dass eine Stuntwoman oder ein Stuntman als Quereinsteiger zu diesem Beruf gekommen ist. Heute arbeiten Stunt-Anwärter meist gezielt auf diese Arbeit hin. Ausbildungsunternehmen wie etwa Buff Connection in Berlin bieten nicht nur Stuntdienstleistungen und Stuntequipment aller Art, sondern auch die nötige Qualifizierung und profundes laufendes Training für die Darsteller der Actionszenen. Das Berufsbild eines Stuntman beziehungsweise einer Stuntwoman ist jedenfalls sehr facettenreich – und oft geht es dabei auch um organisatorische und beratende Aufgaben.

Der Bundesverband deutscher Stuntleute e.V. (German Stunt Association) unterscheidet folgende Aufgabengebiete für die zumeist als freischaffende Künstler tätigen Stuntspezialisten: Der Stuntman oder die Stuntwoman spielt als Double die Rolle von Schauspielern in riskanten Szenen. Hingegen wird der Stunt Player von der Regie ausgesucht und spielt eine eigene Rolle, die für die Handlung wichtig ist. Weil der Stunt Player groß im Bild zu sehen ist, lässt er sich eben auch nicht einfach gegen einen anderen Darsteller austauschen.

Minutiös geplante Stuntszenen

Beratend und künstlerisch tätig ist der Stunt Coordinator: Sie/er setzt in Absprache mit der Regie eine Stuntaktion um und hat dabei – so der Stuntleuteverband – die Aufgabe, die Actionszenen kreativ aufzulösen, film- und kameratechnische Perspektiven und Möglichkeiten vorzuschlagen, die Gefahrenlage zu beurteilen, Risiken auszuschließen und die Aktion sicher umzusetzen. Der Stunt Rigger beziehungsweise Stunttechniker ist für die Planung und Errichtung von Vorrichtungen (etwa mit Seilen) zuständig, die bei den Stuntszenen der Absicherung oder Halterung von Material und Stuntdarstellern dienen. Zudem verändert er Fahrzeuge für den Stunteinsatz (oder baut sogar eigens technische Vorrichtungen). Außerdem überwacht er die Sicherheit bei den Stuntszenen.

Die Konzeption und Koordination beim Bau von seilunterstützten dynamischen oder statischen Vorrichtungen zum Absichern, Halten oder Bewegen von Mensch oder Material übernimmt der Head (Stunt) Rigger, der den Stunt Coordinator in Hinblick auf Umsetzbarkeit szenischer Ideen berät und ihn über mögliche Gefahren aufklärt.

Stuntexperten für Szenen mit Kutschen

Als Spezialist für Stunts mit Pferden beherrscht der Stunt Horse Rider die unterschiedlichsten Reitstile und Tricks – und zwar auch mit unbekannten ausgebildeten Pferden in den unterschiedlichsten Situationen. Eine Spezialform dieser Tätigkeit übt der Stunt Coachman aus – er ist Spezialist für Stunts mit Kutschen. Eine beratende Funktion übernimmt der Horse Master. Er schlägt beispielsweise dem Stunt Coordinator vor, wie ein Pferd am Set eine bestimmte Aufgabe lösen kann oder wie der Stunt Rider oder ein Schauspieler die Szene umsetzen sollte.

Die Koordination und Konzeption von Kampfszenen übernimmt der Fight Choreographer. Zudem berät er den Stunt Coordinator hinsichtlich Umsetzbarkeit von Szenen oder möglichen Gefahren. Die Spezialisten für Stunts mit Fahrzeugen – Autos, Lastwagen, Motorräder, Motorboote ... – nennt man Precision Driver oder Stunt Driver. Während der Precision Driver für Fahrten vor der Kameralinie eingesetzt werden, kommen Stunt Driver bei Unfällen zum Einsatz. Nicht zu verwechseln übrigens mit dem Stunt Diver: Er sichert als Rettungstaucher Schauspieler und Stuntleute bei der Ausführung von Stunts ab, die über, auf oder unter dem Wasser stattfinden.

Stunts: auch künftig „echte“ Action

Nicht nur mit Blick auf die vielfältigen Aufgaben bei der Filmproduktion und beim Dreh hat sich die Stuntarbeit stark verändert. Die Filme und die Filmarbeit selbst sind schneller geworden und damit auch die Arbeitsbedingungen der Stuntleute. Hinzu kommt: Die Filmfans haben heute andere Sehgewohnheiten und andere Erwartungen an Actionszenen.

Fest steht allerdings: Modernste visuelle Effekte machen Stuntszenen heute vielleicht noch dramatischer und spannender. Aber sie können keinesfalls den Einsatz professioneller Stunt-Frauen und Stunt-Männer ersetzen. „Echte“ Kampfszenen, Autorennen, Abstürze und spektakuläre Anfahrunfälle, inszeniert von „echten“ Menschen, werden also auch künftig für authentische Action in den Filmen sorgen.

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