Blickwinkel

Keine Angst vor Trollen

Kinowerbung

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Ein Kommentar unseres Weischer.Cinema-Forschungsexperten Christian Tingler:

Verlässlichkeit ist wunderbar, gerade in merkwürdigen Zeiten wie diesen. Grund genug, Trollen nicht auf den Leim zu gehen. Zugegeben, das sind schon eigenartige Wesen. Bedenkt man ihre Herkunft aus der skandinavischen Mythologie, ist das nur konsequent: Das Wörterbuch kennt sie als schabernackaffine Kreaturen, die wie hässliche Menschen aussehen. Durchaus variabel in Größe und Boshaftigkeit, ist allen Trollen gemein, dass sie uns gerne Streiche spielen und so – bereits zu einem eigenen Verb komprimiert – in unangenehme Situationen bringen.[1]

Genau das tun sie gerade. Sie sind nämlich sehr mobil, auf Welttournee sogar, in der Originalfassung als „Trolls World Tour“ (hierzulande auch schlicht „Trolls 2“) betitelt. Leider sind aber so gut wie überall die Kinos geschlossen. Also kommen die kleinen Nervensägen nun exklusiv gegen Geld per Stream zu uns auf den heimischen Schirm.

Der große Streich

Und damit kommen wir zu deren beachtlichem Streich: Erstmalig umgeht der Verleih so die Exklusiv-Premiere eines publikumsstarken Fortsetzungstitels auf der großen Leinwand und verdient wahrhaft bombastisch am unmittelbaren Streaming-Auftritt der kleinen Dämonen, wie der Presse zu entnehmen ist. Die Kinos wiederum wollen sich und den Anfängen wehren und schlagen umgehend mit Boykott-Ankündigungen aller anderen Filme des gleichen Studios zurück.[2] Wie das so ist, wenn man einem gepflegten Streich anheimfällt. Schließlich ist das einst etablierte Verwertungsschema, wonach publikumsstarke Filme zuerst ihre Premiere auf der Leinwand feiern, um dann mit gebührendem zeitlichem Abstand als Leih- und Kaufversion zu erscheinen, schon länger verleihseitig unter Beschuss.

Premiere in Pantoffeln?

Ist damit nun unser gutes altes Kino elementar bedroht, weil es eh viel bequemer ist, Filmpremieren direkt am heimischen Bildschirm anzuschauen? Wird der Sitzplatz im Filmtheater dadurch überflüssig? Haben die Trolle gar maulwurfsartig das Fundament unserer Lichtspielhäuser untertunnelt, die Statik geschwächt und damit den baldigen Einsturz besiegelt? Nein. Es gibt Grund, die Sache etwas besonnener zu betrachten. Denn der Kinobesuch hat einen deutlichen Wert an sich, für den hierzulande in den letzten 10 Jahren im Schnitt jeweils ca. 125 Mio. mal per annum Menschen gerne Geld ausgeben.[3] Es ist die viel beschworene aber deswegen nicht minder relevante eigene Erlebnisqualität, die uns alle fasziniert und in die Theater zieht. Einen Teil derer macht natürlich der Film aus, aber eben nur einen Teil. Das sagen uns zum einen kundige Quellen wie etwa die Ergebnisse einer experimentellen Untersuchung des Psychologischen Instituts der Uni Regensburg.[4] Demnach liefern Filme, die wir im Kino anschauen, ein intensiveres emotionales Erlebnis, als das identische Werk zuhause es vermag. Auch schätzen wir dessen Inhalt und mithin die Qualität des Spielfilms durchweg höher ein. Wir langweilen uns im Zweifel sogar weniger. Woran das liegt? Im Wesentlichen an der Kombination aus immersiver, ablenkungsfreier Rezeption bei bestem Ton und Bild in Großformat mit dem gesellschaftlichen Gemeinschaftserlebnis und den Reaktionen der anderen wie Gelächter oder Erstaunen. Also ein bisschen wie der Besuch einer Kunstausstellung.

Eine gefragte Qualität an sich

Zum anderen zeigt sich die Attraktivität der großen Leinwand aber auch direkt sichtbar an den zahlreichen gegenwärtig aus dem Boden schießenden Autokinos mit ausgebuchten Vorstellungen.[5] Reinen Bewegtbildkonsum könnte man auch deutlich einfacher haben. Wahrscheinlich haben sogar nicht wenige der Autokinobesucherinnen und -besucher daheim mindestens ebenbürtige Projektionssysteme und ausgefeilte Tonanlagen. Aber das besondere, magische Moment, da man mit anderen in einer fast musealen Atmosphäre aus dem Alltag ausbricht und zusammenkommt, um gemeinsam drei Stunden die Realität gegen ein überhöhtes Filmerlebnis einzutauschen, hat eben etwas Eigenes und Erhabenes. Sogar, wenn wieder mal nur Vin Diesel mit seinem apollinischen Busen wackelt oder rechnergenerierte Pixelströme götterdämmernd zu Superheldenschlachtengemälden über die Leinwand zusammenmäandern. Einerlei, ob Kirmes oder Kunsthalle: Die vom Projektor beschienene Leinwand ist eben mehr als eine photo-optische Projektionsfläche. Sie ist ein Faszinosum an sich. Und nebenbei das älteste soziale Medium der Welt.

Gekommen, um zu bleiben

Deshalb hat das gute alte Lichtspielhaus mit all seinen Aufs und Abs letztlich auch stets Bestand gehabt und all den technischen und gesellschaftlichen Trends getrotzt, die oft schon zu seinem nun aber wirklich allerletzten Sargnagel ausgerufen wurden. Sei es die zunehmende Verbreitung von Fernsehgeräten in den Privathaushalten in den 1970ern, das Aufkommen von VHS-Systemen in den 80ern, Privatfernsehen in den 1990ern, schnelles Internet und mitunter illegale Online-Tauschbörsen in den 2000ern, gefolgt vom Auftauchen von Videoportalen, Bezahl-Fernsehen, Streaming-Diensten und schließlich VR-Brillen in der folgenden Dekade. Um nur einige zu nennen. Im Ergebnis: bewegte Bilder überall. Dazu die Verfügbarkeit immer günstigerer, größerer und leistungsfähigerer Fernsehgeräte.[6]

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(Quelle: FFA und SPIO, eigene Darstellung)

All diese Trends hätten spätestens in ihrer Summe das Ende des Kinos bedeuten müssen, wäre es nur ein austauschbares Konsumvehikel für Bewegtbild. Und siehe da: Demgegenüber bleibt die Anzahl der Kinobesuche pro Jahr erstaunlich stabil, natürlich mit kleineren Schwankungen und Saisonalitäten und ja, selbstverständlich auch abhängig vom Filmangebot, unerträglichen Hitzesommern oder ähnlichen globalen Sportwettbewerben. Aber es gibt eben auch dieses genuine Interesse am und damit die Nachfrage nach dem Kinoerlebnis an sich.

Daher keine Angst vor Trollen

Ein schöner Beleg für die nach wie vor ungebrochene Faszinationskraft der großen Leinwand. Lassen wir uns also von ein paar Trollen nicht über Gebühr Bange machen. Bei den artverwandten Kobolden schritt übrigens irgendwann auch immer ganz zuverlässig ein gemütlich-grantelnder alterserfahrener Münchner Schreinermeister ein und pfiff sie zur Ordnung. Und weiter ging‘s – zur Freude aller.

Quelle:

[1] https://www.oxfordlearnersdictionaries.com/definition/english/troll_1?q=troll

[2] https://www.theguardian.com/film/2020/may/02/studios-bypass-cinemas-with-lucrative-streaming-premieres-the-end https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/groesste-kinokette-droht-filmstudio-universal-mit-boykott-16746615.html

[3] https://www.ffa.de/kinoergebnisse-uebersicht.html

[4] Fröber, K., & Thomaschke, R. (2019, December 19). In the Dark Cube: Movie Theater Context

Enhances the Valuation and Aesthetic Experience of Watching Films. Psychology of Aesthetics,

Creativity, and the Arts. http://dx.doi.org/10.1037/aca0000295

[5] http://beta.blickpunktfilm.de/details/450271 https://www.vdfkino.de/openair/

[6] https://www.tv-plattform.de/de/service/thema/thema-ultra-hd

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