Blickwinkel

Kinobesuch bald auf Rezept?

Kinowerbung

Weil die „Brexitanier“ (wider Willen) aktuell wenig zu lachen und viel zu fürchten haben, haben sich einige Forscher auf die Suche nach dem Glück gemacht. Und anders als Herr Rossi haben sie es auch gefunden – unter anderem im Kino. Klar, dem einen oder anderen mag das Hin und Her um einen harten oder weichen Brexit oder gar einem Exit vom Brexit wie ein Film der Cohen-Brüder vorkommen – absurd, witzig, mit spleenigen Charakteren und mitunter auch fast wie aus dem Leben gegriffen – und doch würde wohl auch ein solcher Blockbuster ein probates Mittel zur Senkung des Risikos, an Depressionen zu erkranken, darstellen. Das jedenfalls ist das Resultat der Studie „Cultural engagement and incident depression in older adults“, die Wissenschaftler des Royal College of Psychiatrists durchgeführt haben.

Sie werteten dabei Gesundheitsdaten aus unterschiedlichen Langzeituntersuchungen von rund 2.150 britischen Senioren von im Durchschnitt knapp 63 Jahren, die zu Beginn der jeweiligen Langzeitstudien nicht unter Depressionen litten, aus.

Kino beugt Depressionen vor.png

(Quelle: Daisy Fancourt and Urszula Tymoszuk (Royal College of Psychiatrists): Cultural engagement and incident depression in older adults: evidence from the English. Longitudinal Study of Ageing in The British Journal of Psychiatry (2018)]

Die Forscher des Royal College korrelierten diese Daten mit Antworten der Probanden auf die Frage, wie regelmäßig die Seniorinnen und Senioren ins Theater, zu Konzerten, zu Opern oder eben ins Kino sowie zu Ausstellungen gingen.

Mehr Kultur = geringeres Depressionsrisiko

Die Ergebnisse geben jedem Filmverleih, Kinopalast und anderen Kulturtempeln eine lang ersehnte Bestätigung darüber, wie wertvoll die Künste für die Konstitution der Seele sind: Besuchten nämlich Senioren wenigstens einmal alle paar Monate einen Kinosaal oder eine andere Kultureinrichtung, sank deren Risiko an einer Depression zu erkranken, um 32 Prozent. Bei regelmäßigeren Besuchen, also mindestens einmal pro Monat, verringerte sich die Gefahr in Depressionen zu verfallen, mit 48 Prozent sogar fast um die Hälfte.

Kino- und Kulturmuffel hingegen erkrankten überdurchschnittlich – also über dem Schnitt von 3,31 Erkrankungen pro 100 Personen und Jahr – oft an einer Depression.

Kino weckt Glücksgefühle

Woher aber kommen die Depressionserkrankungen vorbeugenden Effekte, die Kulturveranstaltungen erwiesenermaßen innehaben? Die Forscher zählen hier mehrere Faktoren auf:

  • Kino, Theater, Oper und Vernissagen sind Orte der Interaktion, sei es mit Freunden, mit denen man diese Events besucht, oder auch der Dialog mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Kinos, Galerien, Konzerthäusern, etc. Und wer öfter unter Leute kommt, ist seltener alleine oder gar einsam.
  • Musik, Filme und andere kulturelle Events stimulieren Hirnregionen, die auch für die Produktion von Glücksgefühlen und Belohnungen verantwortlich sind.
  • Kultur fordert von Konsumenten ein wahrnehmungsgeprägtes und kognitives Engagement, was seinerseits die Gefahr, an Depressionen zu erkranken, verringern kann.
  • Kino und Co. sind Stresspuffer, weil sie dabei helfen, negative Gefühle mit Glücksmomenten zu kompensieren.

Die Erkenntnis, dass Kino, Theater, Museen, Tanz und Galeriebesuche – unabhängig von anderen Therapien und Medikamenten – die Gefahr an Depressionen zu erkranken beachtlich reduzieren kann, erfreut nicht nur die Einrichtungen und Organisationen der Kultur- und Kreativwirtschaft. Auch die Forscher sind natürlich zufrieden mit den aus der Studie gewonnenen Erkenntnissen.

Und doch muss erwähnt werden, dass Kinobesuche und andere kulturelle Aktivitäten nicht per se vor Depressionen oder depressiven Syndromen schützen. Sehr wohl aber können sich die Wissenschaftler vorstellen, dass Kino und Co. sozusagen in das Präventionsprogramm für altersbedingte seelische und mentale Erkrankungen aufgenommen werden könnten, in Kombination mit Gesprächstherapien, Medikamenten und körperlicher Betätigung. Gerade in Großbritannien, wo durchschnittlich ein Viertel der über 65-Jährigen unter Depressionen leidet, wären neue Ansätze sicher willkommen. Vor allem dann, wenn sie mithilfe von bewegten Bildern Glücksgefühle auf die Reise schicken.

Autor: MB

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