Blickwinkel

#OscarsSoMale: Kritik an Oscars

Kinowerbung

„Congratulations to those men!“ Mit eisiger Miene und harter Stimme „gratuliert“ die Schauspielerin Issa Rae dem Reigen weißer Männer, den sie gerade als Oscar-Nominierte in der Kategorie „Beste Regie“ aufgezählt hat.

Nachdem sie „all diesen Männern“ ihre Glückwünsche aussprach, lässt sie eine effektvolle kurze Pause folgen – und wird mit dieser Aktion zur Ikone der Kritik an den Nominierungen für die 92. Academy Awards.

Unzureichende Vielfalt

Auch in den anderen Kategorien der Oscars 2020 geht es ziemlich männerlastig zu. So gingen die meisten Nominierungen an „vier sehr männliche, sehr weiße Filme“, wie die New York Times (NYT) formulierte. Satte elf Nominierungen konnte Todd Phillips „Joker“ einheimsen, jeweils zehn Nominierungen erlangten Martin Scorseses Mafia-Hommage „The Irishman“, Sam Mendes’ Kriegsdrama „1917" und Quentin Tarantinos Epos „Once Upon a Time… in Hollywood“. Auch schwarze Schauspieler und Schauspielerinnen wurden bei den Nominierungen weitgehend „übersehen“. Als einzige Schwarze wurde die britisch-nigerianische Schauspielerin Cynthia Erivo als „Beste Hauptdarstellerin" für „Harriet" nominiert. „Die geschlechts- und rassenspezifische Vielfalt der Nominierungen ist weiterhin eindeutig unzureichend, was immer noch enttäuschend ist", kritisierte dann auch der Vorsitzende der Sony Motion Picture Group, Thomas E. Rothman, in der NYT.

Buhrufe im Social Web

Die mangelnde Diversität war auch im Social Web noch in der Nominierungsnacht das Aufregerthema. „Was ist los, Academy, lasst uns weitermachen und nicht zwei Schritte zurückgehen“ forderte der schwarze Regisseur Roger Ross Williams via Twitter und kreierte dazu die beiden Hashtags #OscarsSoMale und #OscarsSoWhite.

Viele unzufriedene Filmschaffende und Filmfreunde griffen diese auf, um ihren Unmut kundzutun. „#OscarsSoWhite ist immer noch ein Ding. Das zeigt sich an den Nominierungen, das zeigt sich an der Ablehnung des nigerianischen Films „Lionheart“. Aber naja, ist ja auch immer noch die Institution, die 2019 den White Savior-Film (Anm.: weiße Retter) Green Book zum Best Picture gewählt hat“, empört sich eine Twitter-Nutzerin. Eine andere rechnet aus: „Wenn Joaquin den Oscar gewinnt, hat die Filmfigur des Joker mehr Darsteller-Oscars (2) als Frauen Regie-Oscars (1) haben. Und die Filmemacherin Jen McGowan twitterte gleich mehrmals entrüstete Kommentare zur Geschlechterdiskriminierung der Oscar-Organisation: „Die Jungs sollten sich beschweren, denn es ist eine verdammte Peinlichkeit, dass sie nicht wirklich mit allen konkurrieren.“

Genügend „politisch korrekte“ Alternativen

Dass die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) dieses Jahr veritable Alternativen gehabt hätte, die sich nicht dem Vorwurf „Quotenfrau“ oder „Quotenschwarze“ hätten aussetzen lassen müssen, steht außer Frage. So wurden sowohl die Verfilmung des Literaturklassikers „Little Women“ von Greta Gerwig als auch das Drama „The Farewell“ der chinesisch-amerikanischen Regisseurin Lulu Wang im Vorfeld bereits als oscarverdächtige Kandidaten in der Kategorie „Beste Regie“ gefeiert. Auch der Roadmovie „Queen&Slim“ über ein schwarzes Pärchen auf der Flucht wurde von den Kritikern bejubelt – und von einer Frau gedreht.

Ehrwürdiger Teufelskreis

Doch die Zusammensetzung der mittlerweile mehr als 9.000 Mitglieder umfassenden Academy ist trotz gegenteiliger Bemühungen nach wie vor überwiegend männlich (68 Prozent) und weiß (84 Prozent). Offenbar hat eine 2013 gestartete Initiative für mehr Frauen und Minderheiten als Mitglieder durch die Einladung von Filmprofis aus dem Ausland noch nicht ausreichend Früchte getragen. Schon bei der Oscar Verleihung 2018 kündigte die Schauspielerin Natalie Portman ihre zu präsentierende „Beste Regie“-Kategorie mit den Worten an: „Und hier sind die rein männlichen Nominierten.“ Die Korrespondentin des ARD-Studio Los Angeles Katharina Wilhelm begründet diese Tradition mit den Worten: „Weiße Männer nominieren eben, was ihnen gefällt … Männerfilme über Männerthemen.“ Und weist auf einen Teufelskreis hin: Filme, die nominiert werden oder sogar Oscars gewinnen, setzten Impulse für neue Filme.

In jedem Fall ist bei den Oscars einiges im Argen. Da hilft es auch nicht, dass die Academy das Präsentatoren-Paar für die „Beste Regie“-Nominierung „politisch korrekt“ auswähle. Neben der 35-jährigen schwarzen Schauspielerin, Filmproduzentin, Drehbuchautorin und Regisseurin Rae durfte der amerikanische Schauspieler südkoreanischer Herkunft John Cho nach der Aufzählung der männlichen Star-Regisseure in die Kamera grinsen. Zeit, dass auch die Academy im Jetzt ankommt und ihr veraltetes Denken abstreift.

Autor: KS

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