Blickwinkel

Walking down Memory Lane

Kinowerbung

Was haben Filme wie der OSCAR®-gekrönte Blockbuster „No Country for Old Men“, „Der blinde Fleck“, „Die Verlegerin“, „Der Krieg des Charlie Wilson“ oder aktuell „BlacKkKlansman“ gemeinsam? Richtig, sie spielen allesamt in den 1970er oder 1980er Jahren. Eine Zeit, die augenscheinlich Filmemacher wie Publikum fasziniert. Doch was macht den Reiz dieser Zeit aus? Sind diese Jahre also tatsächlich die perfekte „Leinwand“ für große Filmstoffe?

„Viele Regisseure, die heute auf dem Zenit stehen, waren in den 70er Jahren jung und lassen nun mit etwas Nostalgie die Periode ihrer Jugend wieder auferstehen“, bestätigt Christian Jungen, Kulturchef und Filmexperte der NZZ am Sonntag. „Zudem war es, gerade in den USA mit den Bürgerrechtsbewegungen und dem Vietnamkrieg, eine sehr politisierte Zeit, die nun wieder als Schablone hergezogen wird für das heutige Amerika – wie dies beispielsweise in ‚BlacKkKlansman’ der Fall ist, wo Spike Lee ja explizit den Bogen von damals zu Donald Trump schlägt.“

Ohne Zweifel war die Epoche an sich schon faszinierend. „Es war eine Zeit des künstlerischen Aufbruchs, in Musik, Mode und Film gab es eine Explosion der Ideen, acht der zehn besten Rockalben aller Zeiten stammen wohl aus den Seventies, und auch die Meisterwerke großer Autorenfilmer – wie ‚Taxi Driver’ von Martin Scorsese, ‚Der Stadtneurotiker’ von Woody Allen oder ‚Apocalypse Now’ von Francis Ford Coppola“, schwärmt Jungen. Und: Gerade die plakative Mode und das Design der Zeit eignen sich hervorragend für nostalgische Retro-Optik.

Viele Filmemacher wurden in den 70ern und 80ern sozialisiert

Auch die 1980er Jahre sind in aktuellen Kinoproduktionen sehr präsent, bestätigt Philipp Schulze, Chefredakteur der Zeitschrift „Cinema“. Übrigens: Der Redaktionsfilm von „Cinema“ spielt auch mit Bildern aus dieser Zeit – Stichwort: VHS-Cassette mit der Aufschrift „1980“ ... Auch viele erfolgreiche TV-Serien wie „Stranger Things“, „Halt and Catch Fire“ oder „Glow“ spielen in dieser Zeit. „Die Menschen, die in den 1980ern aufgewachsen sind, bilden heute eine große und sehr wichtige Kinozielgruppe“, sagt Filmexperte Schulze. „Sie sind zudem konsumstark und bereit, für Produkte und Accessoires ihrer Jugend viel Geld auszugeben.“ Tatsächlich: So mancher Mittvierziger hat zu Hause als Erinnerungsstück einen auf Ebay ersteigerten Atari oder Commodore C64 stehen. Auch viele erfolgreiche Filmemacher von heute sind in den späten 70ern und frühen 80er Jahren filmisch sozialisiert worden.

Sehnsucht nach vermeintlich guter alter Zeit?

Eine Zeit des Umbruchs – gerade auch in Bezug auf den technischen Fortschritt. Manche von uns erinnern sich: Ein Computer wie der C64 galt als High-Tech und höchst begehrenswert. Aber so wahnsinnig viel technisches Spielzeug gab es ja nicht, von digitaler Kommunikation ganz zu schweigen – keine Smartphones, keine Tablets, kein WhatsApp, keine Social Media. Allerdings: „Das Leben damals schien klarer, unmittelbarer und übersichtlicher zu sein – zumindest empfinden viele Menschen dies heute so“, sagt Philipp Schulze. „Die Fokussierung vieler Filme auf die 1980er Jahre ist eine Sehnsucht nach einer vermeintlich guten alten Zeit.“

Und Kino bedient die Sehnsucht der Menschen nach diesen „kleinen Fluchten“, nach Auszeiten von einer als unübersichtlich empfundenen heutigen Wirklichkeit perfekt. Ein Beispiel: Überall in Deutschland gibt es in vielen Kinos spezielle Vorführungen, in denen dieser Epoche gehuldigt wird – und in denen Filme aus dieser Zeit wieder auf der großen Leinwand zu sehen sind.

Lehren aus der Vergangenheit für die Gegenwart

Doch sind – aus Filmemachersicht – die 1980er als zeitlicher Hintergrund wirklich prädestiniert dafür, heutigen Kinobesuchern Filmstoffe intensiver und eindrücklicher näherzubringen? „Manche Filmemacher wählen bewusst diesen zeitlichen Hintergrund, weil es eben diese emotionale Verankerung bei vielen Zuschauern gibt“, erklärt „Cinema“-Chefredakteur Schulze.

Allerdings ist es auch aufwändiger und teurer, einen Filmstoff aus historischer Distanz zu erzählen. „Doch die Vergangenheit bietet den Vorteil, dass sie schon gut erforscht und dokumentiert ist und man sie exemplarisch herbeiziehen kann, um Lehren daraus für die Gegenwart zu ziehen“, sagt Filmexperte Christian Jungen. „‚BlacKkKlansman’ bietet sich da abermals als Beispiel dafür an, dass die Geschichte von Rassismus und Ausgrenzung sich gerade zu wiederholen droht.“

Verwandte Artikel
Diskutieren Sie über diesen Artikel
Required for comment verification
0 Kommentare