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Der siebte Sargnagel

Kinowerbung

Das Kino steht unter Druck.

Wieder einmal, möchte man fast anfügen. Erschreckend deutlich für uns alle sichtbar gemacht durch im Zuge der Pandemiebekämpfung geschlossene Filmtheater, erzeugt das Virus neue Dynamik in einem Transformationsprozess, der das Medium schon länger beschäftigt. Das verordnete Ausbleiben der Zuschauerinnen und Zuschauer wirft vielerorts die Frage auf, ob das Publikum denn überhaupt jemals wieder in nennenswerter Größenordnung im roten Samtsessel eines Kinosaals platznehmen wird. Verbunden mit der Frage, wie die Erzeugerseite bewegter Bilder, also vor allem Studios, darauf reagieren werden. Und wie das alles die etablierten Kinostrukturen durcheinanderwirbeln wird. Schließlich ist Kino neben allem kulturellen und sozialen Wert auch ein Geschäft - und damit den Gesetzen des Marktes ergeben. Utopien werden auf der Leinwand verhandelt, das Drumherum regeln Angebot und Nachfrage und sonstige Marktmächte. Und so verwundert es auch nicht, dass sowohl Feuilleton als auch kühle Wirtschaftsanalysten das Thema aufgreifen (FAZ / DIE ZEIT/ DER SPIEGEL / Variety.com) . Ein schönes Beispiel für die einende Kraft von Kultur, aber das nur nebenbei.

Beim Plot der Kinodämmerung fällt spätestens an dieser Stelle meist der Name des Bösewichts, der die Leinwand nun aber endgültig abservieren wird: Streaming-Dienste, prototypisch gerne mit einem roten „N“ auf dem schwarzen Umhang, oder je nach Zusammenhang noch genauer nach Art des Zugangsmodells typologisiert. Aber sind kostenpflichtige Videoanbieter wie Netflix, Amazon Prime, Disney + und wie sie alle heißen wirklich die elementare Gefahr für das gute alte Kino? Verwandelt der Umstand, dass hinter dem heimischen Flachbildschirm drei Klicks und vier Pantoffelschritte entfernt ein nie versiegender Bewegtbildstrom verlockend tost, wirklich Kinoenthusiasten in fußlahme Streamingverbraucher?

Der Versuch des Vergleichs hinkt hinterher

In Zeiten geschlossener Filmtheater hinkt vor allem eins, nämlich der Versuch eines Vergleichs, weil gegenwärtig hierzulande niemand eine tatsächliche Wahl hat, einen Film auf der Leinwand zu betrachten. Insofern sind die steigenden Abonnentenzahlen und damit Reichweiten (agf.de) für kostenpflichtige Videoanbieter (Subscription-Video-on-Demand, SVOD) natürlich auch ein Ausweichen auf neue und durchaus interessante Quellen für Serien und Filme. Analysen aus der Zeit vor der Pandemie, als es noch einen regulären Kinobetrieb und damit eine Wahlmöglichkeit gab, zeigen allerdings glasklar: Nutzer von Streaming-Abos sind überaus Kino-affin. Dafür aber dem klassischen linearen TV abhold. So zu sehen beispielsweise in der Best 4 Planning, der führenden Marktmediastudie aus dem Printbereich, die einen hohen Aufwand für methodische Akkuratesse treibt und zugleich über Verdächtigungen der Pro-Domo-Forschung zugunsten von TV, SVOD oder Kino erhaben sein dürfte. Die Erhebung der hier zitierten B4P stammt übrigens überwiegend aus präpandemischer Zeit. (Eigene Darstellung nach Best 4 Planning 2020 III; Potenzial VOD-Nutzer 14+: 30,6 Mio. (Nutzung mind. 1 VOD-Dienstes); ohne „keine Angabe“ (0,7 Mio))

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(Quelle: Best 4 Planning 2020 III, eigene Berechnung und Darstellung)
SVOD und Kino gemein ist jedenfalls der Zugang zu exklusivem Bewegtbild gegen Entgelt. Schaut man sich etwa die Inhalte an, die 2020 in Deutschland via Streaming am meisten abgerufen werden, so dominieren mit Abstand: Serien. Keine Filme. (ard-werbung.de / das Ranking bezieht sich auf alle Episoden einer Serie (z. B. „Big Bang Theory“: 279 Episoden). )

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(Quelle: Media Perspektiven 3/2021, eigene Darstellung)

Also bisher kein Anzeichen für das grundsätzliche Ersetzen des Kinobesuchs durch das Anschauen von Filmen via SVOD. Und was die Serien anbetrifft: Irgendwo muss das Zeitbudget zum exzessiven Wegbingen ganzer Staffeln ja abgezwackt werden, mehr Leerlauf-Zeit in der Pandemie hin oder her. Und das trifft das lineare Fernsehen wiederum stärker als den gelegentlichen Kinobesuch. Vor dem heimischen Schirm trennt die Entscheidung Streamen oder Schauen, was die Sender gerade ausstrahlen, schließlich nur eine Daumenbreite auf der Fernbedienung. Auch deshalb beißen sich zwar lineares TV und SVOD, nicht aber Kino und Streaming. Wenn man so will also eine Kombination aus Interesse an Exklusivem plus die praktische Anwendung desselben.

Mit einem Kinobesuch würden Streamingfans schließlich noch viel mehr opfern als schnöde Flimmerzeit. Kino ist eben nicht nur ein Content-Vehikel. Es ist ein ganzes Erlebnis, das da wegfiele, inklusive des Rauskommen aus dem Alltagstrott. Der Besuch eines Lichtspieltheaters hebt die emotionale Reaktion auf die dort gesehenen Filme auf ein anderes Level, wie eine Studie des Psychologischen Instituts der Universität Regensburg zeigt. ( Fröber, K., & Thomaschke, R. (2019). In the dark cube: Movie theater context enhances the valuation and aesthetic experience of watching films. Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts. Advance online publication). Dazu tragen wesentlich der abgeschirmte, immersive Ort Kino bei, aber natürlich auch exzellente Bild- und Tonqualität, sowie die Anwesenheit eines mehrheitlich unbekannten Publikums, was interessante sozialpsychologische Effekte hat. Und nicht zuletzt der Umstand, dass dort bereits jemand eine Vor-Auswahl eines relevanten Programms getroffen, das Angebot also gewissermaßen kuratiert hat.

Nachfrageseitig also, wir haben es fast geahnt, ist der Wunsch nach Kino nicht von Streaming-Abos existenziell bedroht. Freundinnen und Freunde der Leinwand sehnen sich schon länger wieder nach einem Kinobesuch, auch in schwierigen Zeiten wie diesen. Das zeigen sowohl Umfragen hierzulande (beta.blickpunktfilm) wie auch ein Blick über den Gartenzaun dorthin, wo Kinos wieder öffnen dürfen.(screendaily)

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(Quelle: S&L Research 2021, eigene Darstellung)

Bleibt die Angebotsseite: Welche Rolle spielt Streaming für die großen Filmstudios mit angeschlossenem Verleih - jetzt und künftig? In letzter Zeit sind dazu ein paar interessante Einschätzungen primär von Wirtschaftsberatungsgesellschaften getroffen worden.(deloitte / endersanalysis / fticonsulting) Die Urteile sind vielfältig, aber einige wesentliche Eckpunkte harmonieren halbwegs. Demnach ist es nicht im Interesse der Studios, Kino einfach so komplett aus der Gleichung zu streichen. Der Grund ist ebenso nüchtern wie berechtigt: Die große Leinwand liefert nach wie vor den Löwenanteil der Umsätze, die Filmen in die Gewinnzone verhelfen. Studios erlösten in den Jahren 2016-2019 für Werke jenseits der Budgetschwelle von 70 Mio. US-$ zwischen 40 und 50 Prozent der Umsätze aus dem Verwertungsfenster Kino, um es mal unromantisch auf den Punkt zu bringen.

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(Quelle: FTI Consulting 2020, eigene Darstellung)

Die restlichen Anteile trugen mit absteigender Größenordnung Heimvideo (DVD, Bluray), TV-Verwertung, Merchandising und dann erst On-Demand-Dienste bei. Gerade bei exorbitant teuren Filmproduktionen ist es den Studios demnach nicht möglich, durch kompletten Verzicht auf die Filmtheater zugunsten von Streaming-Premieren mit den Filmen in die Nähe der Gewinnzone zu geraten.

So wundert es auch nicht, dass die Studios ihre besonders kostenträchtigen Produktionen auch weiterhin über Leinwände flimmern lassen wollen und werden.

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(Quelle: Enders Analysis 2021, eigene Darstellung)

Die Pandemie bringt Prozesse ins Rollen

Allerdings wird sich die Art und Weise, wie die Studios ihre Filme veröffentlichen, grundlegend verändern. Hier hat die Pandemie einiges ins Rollen gebracht und Prozesse dynamisiert, die auch vor Covid schon wirksam waren. Die großen Studios stehen zudem als die stärkeren Verhandlungspartner einer geschwächten Kinobetreiberwelt gegenüber. Da fällt es leichter, auch mal vorzupreschen. Dass mittlerweile 4 der großen 5 Studios – mit Sony als Wackelkandidaten - eigene SVOD-Kanäle betreiben, spricht für sich. Unbestreitbar beschert die exklusive oder parallele Online-Premiere von eigentlichen Leinwand-Titeln den Studios Umsätze, die in Zeiten mehrheitlich geschlossener Märkte sonst nicht realisierbar wären. Auch lindert es den Stau an fertig abgedrehten Werken, speziell bei kleineren und vermutlich weniger publikumsstarken Titeln, die stattdessen gar keine Leinwand zu sehen bekommen werden und direkt ins Streaming wandern. Das gab es ganz ähnlich übrigens in der guten alten Kinozeit auch schon und nannte sich Direct-to-Video.

Es dürfte künftig also insgesamt vielfältiger verwertet werden. Auch mit hybriden Ansätzen und Mischformen und, ja, auch mit kürzerer Leinwand-Exklusivität. Letzteres sieht die Kinobranche durchaus auch also Chance.(FAZ / DIE ZEIT/ DER SPIEGEL / Variety.com) Damit einhergehend ist erwartbar, dass in den Lichtspielhäusern zumindest mittelfristig ein Reigen an Blockbustern zu sehen sein wird, und Nischen- oder Indie-Produktionen primär online debütieren. Es werden sich also wohl erstmal die Superheldinnen und -helden und Star-Wars-Wesen dieser und ferner Welten die Foyerklinke in die Hand geben.

Ein Verriegeln des exklusiven Kino-Verwertungsfensters steht aus den genannten Gründen aber nicht zu befürchten. Im Interesse aller Beteiligten. Gut so, schließlich fördert frische Luft die Erholung. Man darf also guten Gewissens und bestärkt durch fachkundige Analysen zuversichtlich sein, dass das Kino als aufregendstes aller Bewegtbildmedien zurückkehren und wieder das Publikum in seinen Bann ziehen wird. Wir freuen uns darauf.

Oh, und da wir gerade über Premieren reden: Sie finden den Grundgedanken dieser Zeilen und dessen praktische Implikationen im pandemischen Büroalltag destilliert auf feinherbe 274 Sekunden hier:

(Quelle: Immer Film 2021)

Auch eine exklusive Online-Premiere - die Verhandlungen mit den Kinos ziehen sich noch etwas.

Autor: CT

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