Blickwinkel

Die etwas neurotische Nachrichtenlage

Trends und Innovationen

Wie soll man die täglich einprasselnde Nachrichtenflut kanalisieren? Und wie all die News nach richtig, falsch und fake kategorisieren? Wie kann man sicher sein, die eigene kostbare Zeit und Aufmerksamkeit nur den wichtigen und richtigen Nachrichten zu widmen und diese sinnvoll und schnell zu selektieren?

Ganz einfach, über Google. Oder via Facebook und WhatsApp. Denn am Ende ist es ja so, dass die Nachrichten uns finden – eben über Suchmaschinen, Social Media, über unser virtuelles Netzwerk und über Feeds und andere Quellen, die wir abonniert haben oder die uns eben irgendwie erreichen. Außerdem liegen die Nachrichten und die Wahrheiten dahinter sowieso irgendwo im Netz. Man muss sie nur suchen und finden wollen. Aber selbst, wenn man auf sie stößt, weiß man nicht, wie solide diese Quellen wirklich sind oder ob sie nicht doch zur gezielten Desinformation gestreut wurden.

Die News-Ausweicher und wie diese dennoch auf Nachrichten stoßen

Oben skizzierte Nachrichtenfindungsphänomenologie ist ungefähr der Tenor der im Journal of Communication erschienenen Studie „I Just Google It: Folk Theories of Distributed Discovery". Die Medienforscher Benjamin Toff und Rasmus Kleis Nielsen wollten bei der Untersuchung verstehen, wie sich so genannte News Avoiders – also Menschen, die die klassische Nachrichtenkanäle eher meiden – dennoch individuellen Zugang zu Nachrichten verschaffen. Dafür wurden 43 Probanden in und um Leeds sowie Manchester herum intensiv und persönlich befragt.

Dass die Gruppe der News-Ausweicher relevant ist, zeigen alleine die Schätzungen über ihre Gruppengröße. So sollen es einigen Untersuchungen zufolge 7 Prozent der Online-Bevölkerung im Vereinigten Königreich und in den USA sein, die Nachrichten eher aus dem Weg gehen, indem sie nicht aktiv auf entsprechenden, dedizierten Seiten und Portalen lesen und recherchieren. Andere Schätzungen gehen gar davon aus, dass die Gruppe der News Avoider 50 Prozent der Bevölkerung in den USA ausmacht.

Auf Grundlage der Auswertung der Interviews entwarfen Toff und Kleis Nielsen drei Typen von Theorien darüber, wie Menschen, die Nachrichten normalerweise nicht auf dafür spezialisierten Seiten bzw. in Zeitungen oder im Fernsehen verfolgen, sich dennoch informieren.

Von den Mono-Nachrichten zur Informationsflut

Ausgangspunkt der Studie von Toff und Nielsen ist laut den Autoren die Tatsache, dass sich die Nachrichtenwelt einmal um sich selbst gedreht und dabei ihr ursprüngliches Antlitz verloren hat. Und das war mono. Denn früher, also vor Google und den Social Media, gab es schlicht und ergreifend nur einzelne Zugänge zu Nachrichten – sprich der öffentlich-rechtliche Rundfunk oder die Tageszeitung. Dieses News-Angebot wurde nach und nach durch eine Vielzahl anderer Online-Angebote erweitert. Heute stehen wir alle vor der Herausforderung, praktisch permanent unterschiedliche und unterschiedlich gelagerte Nachrichtenquellen anzapfen zu können – zudem noch über verschiedene Endgeräte. Nachrichten-Publisher, die früher sowohl den Kanal, also beispielsweise die Zeitung, wie auch die Nachrichten und deren Verbreitung über ihre Kanäle produzierten und kontrollierten, sehen sich vermehrt in der Rolle der Content-Schaffenden, ohne dabei die vollständige Kontrolle darüber zu haben, wer ihre Nachrichten wo genau veröffentlicht oder auch abwandelt.

Diese Entwicklung hin zu eben der hohen Wahrscheinlichkeit, eine einzige Nachricht über eine Vielzahl von Kanälen und in unterschiedlichen Formen zu finden oder auf sie zu stoßen, erschafft in gewisser Weise Nachrichtenkonsumenten, die sich darauf verlassen, dass sie „ihre“ Nachrichten schon irgendwo finden werden, auch ohne dass sie eine Online-Zeitung lesen, Streams der Öffentlich-Rechtlichen schauen oder in der App eines klassischen Nachrichtenpublishers stöbern müssen.

Die News finden mich

Eine im Laufe der Interviews von den Teilnehmern geformte Theorie nennen die Forscher „News finds me“. Hierbei geht es darum, dass die Probanden davon überzeugt sind, dass man nicht aktiv nach Nachrichten suchen sollte, sondern dass es eher die Nachrichten sein sollten, die einen suchen und finden. Das geschieht meist beiläufig auf Facebook, also dort wo einen Nachrichten dem Newsfeed Algorithmus sei Dank auch oder gerade aufgrund seines Umbaus irgendwie erreichen. Wenn dann entsprechende News-Inhalte noch von Freunden, aus der Familie oder aus den eigenen Gruppen und Abos auf Facebook geteilt werden, wird ihnen umso mehr Glaubwürdigkeit geschenkt.

Und umso schwieriger ist es natürlich, diese Menschen mit alternativen Inhalten anderer Publisher zu erreichen, auch weil diese Konsumenten davon überzeugt sind, dass die News sie wirklich finden, während sie eigentlich auf Facebook sind, um ganz andere Dinge zu machen.

So entsteht in dieser Gruppe letztlich das Gefühl, genau die richtigen und wichtigen Nachrichten auf Facebook gelesen und gesehen zu haben, ohne aktiv auf dedizierten Seiten, Portalen und Publikationen danach suchen zu müssen. Und alles, was sie nicht über Facebook erfahren haben, erachten sie als vernachlässigungswert. Schließlich gilt: „News? I read it on Facebook.“

Die Information liegt irgendwo im Google-Universum

Anders als die Theorie, dass Nachrichten einen vor allem auf Facebook auf intuitive und/oder zufällige Art und Weise finden, sind die „Anhänger“ der Idee, dass die wichtigen Informationen irgendwo in der Tiefe und Breite des Internets liegen, eher aktiv. Denn sie suchen sich ihre Nachrichten, indem sie einfach Google fragen. Wer suchet, der findet oder eben auch „I just Google it.“

Tatsächlich führt diese Gruppe die Theorie von „Die Nachrichten finden mich (auf Facebook)“ so weiter, dass sie das, was sie über ihre Social Networks nicht erfahren oder nur unzureichend aufgegriffen wird, ganz bestimmt über die Eingabe entsprechender Begriffe in die Suchmaschine finden.

Der Vorteil, den diese Gruppe sich von Googles Antworten verspricht: Sie erhalten schnell einen kompakten Überblick über die doch sehr diffuse Nachrichtenlage, müssen nicht einzelne, lange Quellen mit komplexen Inhalten lesen und sind dennoch weniger passiver Rezipient, weil sie nicht nur darauf warten, dass die Nachrichten zu ihnen kommen. Kurzum: Für diejenigen, die Google als primäre oder zusätzliche Informationsquelle für Nachrichten nutzen, stellen die Ergebnisse der Suchmaschine eine Art Kurzschrift dar, in der sich alle wichtigen Nachrichten schnell nachlesen und begreifen lassen. Und über die sie eben auch die offiziellen Quellen von Behörden, Ämtern oder Parteien finden, um sich dort und nicht über einzelne Nachrichtenquellen zu bestimmten Themen und Positionen zu informieren. Tatsächlich aber gab es auch Probanden, die ihre Wahlentscheidung für oder gegen eine Partei und/oder Kandidatin/Kandidaten mithilfe von Google-Ergebnissen trafen.

Die Frage nach vertrauenswürdigen Quellen

Die dritte Theorie, die einige Befragten teilen, ist die Skepsis darüber, ob und welchen Nachrichtenquellen man denn überhaupt noch trauen könne. Gründe für diese Unsicherheit können sein, dass die Probanden sich angesichts der Flut der Nachrichten, die sie bei Google finden oder von denen sie vornehmlich über Facebook gefunden werden, überfordert fühlen, diese einzuordnen oder zu filtern. Auch spielen die individuellen medialen und politischen Kenntnisse bzw. das fehlende Vertrauen in entsprechende politische Prozesse eine entscheidende Rolle. Selbst wenn also manche der Befragten angaben, dass sie sicher sind, wichtige Nachrichten über die Social Media zu finden oder sich diese schnell über Google finden lassen, wussten sie dennoch oft nicht, wie sie das, was sie gefunden hatten, bzw. jene Nachrichten, von denen sie gefunden wurden, einordnen sollten – ohne die Hilfe von Social Media und Google. Dies kann am Ende dazu führen, dass die sporadischen Nachrichten-Ausweicher schließlich zu notorischen und verunsicherten Nachrichten-Verweigerern werden, weil sie sich angesichts der Flut an Nachrichten, die sie nicht als richtig oder falsch einordnen können, machtlos, von allen belogen und von niemandem richtig informiert fühlen.

Autor: MB

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