Blickwinkel

Digital News Report 2019: Social Media als Nachrichtenquellen

Trends und Innovationen

Auch in diesem Jahr legt das Reuters Institute gemeinsam mit der University of Oxford seinen Digital News Report wieder auf. Ebenso wie in den sieben Ausgaben zuvor wurden auch für die 2019er-Version die Meinungsforscher von YouGov damit beauftragt, die Rezeption von Nachrichten besser verständlich zu machen. Dazu befragte man 75.000 News-Nutzer aus 38 Ländern. Wissen wollte man von ihnen vor allem, mittels welcher Medien sie in Kontakt zu Neuigkeiten kommen, über welche Kanäle sie Nachrichten konsumieren und ob sie für entsprechende Angebote bezahlen. Ein besonderer Fokus liegt bei der aktuellen Ausgabe auf der Frage, welche Rolle die Social Media und Messenger-Dienste beim Verbreiten von Nachrichten einnehmen.

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Den Ergebnissen der Studie zufolge bauen die Social Media, wie aber auch vor allem WhatsApp, ihre Marktanteile in Sachen Newskanäle weiter und schneller aus. Allein in Brasilien ist die Messenger-Anwendung für über die Hälfte der Befragten (53 Prozent) die Nachrichtenquelle Nummer eins. In Indonesien und Südafrika sind es mit 50 respektive 49 Prozent nur leicht weniger. Etwas dahinter liegen die WhatsApp-Nutzer in Hong Kong mit 41 Prozent. In Großbritannien und Australien hingegen setzen nur 9 bzw. 6 Prozent auf WhatsApp für ihre tägliche News-Dosis. In den USA und Kanada sind es sogar nur 4 Prozent.

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Facebooks Messenger hingegen punktet als Quell für Neuigkeiten vor allem in Europa. In Griechenland sind es mit 25 Prozent genau ein Viertel der Befragten, die den Messenger für das Lesen von Nachrichten nutzen. In Polen tun das mit 22 Prozent über ein Fünftel. Der Messenger Viber schließlich dient in erster Linie Griechen, Bulgaren und Kroaten als die erste Adresse für News.

Ein Schulterblick in Richtung jüngere Generationen und deren Angewohnheiten in Sachen Nachrichtensuche offenbart, dass über die Altersgruppen von 18-35+ hinweg Facebook das soziale Medium ist, aus dem sie vorwiegend ihre News beziehen. Über die Hälfte der 25- bis 34-Jährigen sucht das soziale Netzwerk mindestens einmal pro Woche auf, um dort nach News zu forschen. Bei den Millennials sind es mit 48 Prozent etwas weniger und bei den Senioren unter den Juniors sogar nur 45 Prozent. YouTube als News-Quelle nutzen die Millennials mit 32 Prozent mehr als alle anderen Altersgruppen. Interessant bezüglich des Nachrichtenverhaltens der 18- bis 24-Jährigen ist jedoch, dass mit 24 Prozent gut ein Viertel auf Instagram setzt, gegenüber 18 Prozent, die hierfür WhatsApp bzw. ihre Gruppen dort konsultieren und im Vergleich zu 13 Prozent, die Facebooks Messenger nutzen, um sich ihre News zu holen.

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Dark-Social-Gruppen als Echo-Kammern

Das Problem, das sich daraus ergibt, dass Messenger als Teil der Dark Social so populär sind, liegt eben in ihrer Natur als auf das Private und Überschaubare zielende Kommunikationsvehikel. WhatsApp-, Facebook Messenger-, Threema-, Telegram- sowie Viber-User lesen Nachrichten in erster Linie in ihren jeweiligen Gruppen. Und dort werden News eben auch besprochen und kommentiert wie auch an andere Kontakte weitergeleitet. So können sich am Ende eben auch Desinformationen schnell, weit und unbemerkt von unabhängigen Medien, Faktenchecks und anderen Meinungen verbreiten. Nicht zu vergessen ist an dieser Stelle auch, dass der Facebook-Newsfeed seit seinem Umbau vor allem Gruppendiskussionen höhere Priorität einräumt. Auch ist es mittlerweile leichter für Nutzer geworden, neue Gruppen, die den eigenen Interessen entsprechen, zu finden.

Umso größer also die Bedeutung der Facebook- und WhatsApp-Gruppen für das Verbreiten von Nachrichten. Laut der Reuters-Studie gaben zwei Drittel der befragten Facebook-Nutzer und drei Viertel der WhatsApp-User an, dass sie im Monat vor der Studie mindestens in einer Gruppe aktiv waren. Immerhin 49 Prozent der Facebook-User und 72 Prozent der WhatsApp-Nutzer gaben an, dass sie in Gruppen sind, in denen ihnen zumindest ein Teil der Mitglieder gut bekannt ist. Andererseits sagten 51 Prozent der Facebook-Gruppenmitglieder und 49 Prozent der WhatsApp-Nutzer, die dort aktiv in Gruppen sind, dass diese Gruppen vornehmlich aus Menschen bestehen, die sie nicht kennen.

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Je nach Land überwiegen entweder Gruppen auf Facebook oder auf WhatsApp als Ressourcen für Nachrichten oder aktuelle politische Meldungen.

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Und doch muss nicht alles schlecht sein oder nach Hassrede, Verschwörungstheorien und Desinformation schmecken, was in diesen Gruppen geteilt und diskutiert wird. Zudem sind Gruppen, die sich ausschließlich Nachrichten oder der Politik widmen, nicht in der Mehrheit – weder auf Facebook noch auf WhatsApp. Es sind vor allem die Gruppen, die sich speziellen Hobbys widmen, die mit 22 respektive 17 Prozent aller Gruppen dominieren. Mit 18 bzw. 15 Prozent folgen die Communities, in denen lokale Themen diskutiert werden. Erst an dritter Stelle finden sich mit 14 respektive 12 Prozent jene Gruppen, die News und Politisches zum Thema haben.

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Ein demografischer Blick auf die Zusammensetzung der Gruppen auf Facebook und bei WhatsApp zeigt der Reuters-Studie zufolge, dass diejenigen, die dort Mitglieder einer Gruppe sind, sowohl über eine höhere Bildung verfügen wie sie sich aber auch politisch sehr stark positionieren. Will heißen: Die moderate Mitte hat zwischen Ansichten, die entweder sehr rechts oder sehr links gelagert sind, kaum Platz.

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Was das Verhältnis von weiblichen und männlichen Mitgliedern in News-Gruppen angeht, überwiegen letztere mit 16 Prozent gegenüber 12 Prozent Nutzerinnen – zumindest bei Facebooks Messenger. Für WhatsApp gilt im Groben dasselbe.

Social Media und Messenger ihres Vertrauens

Stellt sich nun die Frage, in welchem Maße die jeweiligen Mitglieder entsprechender Nachrichten-Gruppen die geteilten Inhalte überhaupt als einigermaßen glaubwürdig ansehen. Tatsächlich scheint es so zu sein, dass mit der Zugehörigkeit zu einer Facebook- oder WhatsApp-Gruppe auch das Vertrauen in den dort zirkulierenden News-Content steigt und in jedem Fall stärker ist als das Vertrauen der Menschen, die solche Gruppe zumindest nicht für Nachrichten nutzen. Die Gruppen-Mitglieder in der Türkei und in Großbritannien attestieren den in ihren Gruppen verbreiteten Nachrichten mit 50 bzw. 46 Prozent das höchste Vertrauen.

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Dennoch muss an dieser Stelle betont werden, dass auch wenn Gruppen-Mitglieder jeglicher politischen Richtung viel Vertrauen in die News in ihren jeweiligen Gruppen legen, diese aber nur ein Teil ihres regelmäßigen Nachrichten-Mix sind.

Andererseits lässt sich gerade mit Hinblick auf die Verteilung populistischer Einstellungen auf die jeweiligen Social Media, Messenger und entsprechende Gruppen auch nicht leugnen, dass Gruppen vor allem in Bezug auf den in Echo-Kammern und Social-Media-Blasen gedeihenden Populismus leider einen fruchtbaren Boden bieten. Erschreckenderweise sind es 50 Prozent der User, die sich selbst populistische Tendenzen und Ansichten attestieren, die Facebook als News-Quelle nutzen. Zusammen mit der Tatsache, dass genau diese Nutzergruppe sagt, dass sie in den letzten zwölf Monaten mehr Zeit auf Facebook verbracht habe, während die meisten anderen Nutzer ihren Digital Detox an Zuckerbergs Netzwerk abarbeiten, zeigt, dass die Nutzung von Facebook durch Populisten auch eine Art Gegenbewegung zu Social Media wie vor allem Twitter ist, das von vielen als das Medium der Eliten und etablierten Medien verachtet wird.

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Auch YouTube erfährt mit 25 Prozent einen großen Zulauf an populistisch eingestellten Nutzern, die auf der Suche nach (ihren) News sind. Facebooks Messenger und WhatsApp wiederum scheinen mit 15 bzw. 13 Prozent keine so wichtigen Nachrichtenquellen für Populisten zu sein, ebenso wie Instagram und natürlich Twitter.

Andere Länder, andere Populisten, andere Messenger und Medien

Betrachtet man nun, woher sich Nutzer, die sich selbst eine populistische oder eben nicht populistische Einstellung attestieren, ihre Nachrichtendosis holen, erkennt man schnell, dass die Kanäle TV und Online als News-Quellen stark konkurrieren. So informieren sich 46 Prozent der Populisten im Fernsehen und 42 über Online-Medien und Social Media. Diejenigen, die von sich sagen, keiner populistischen Meinung nachzuhängen, besorgen sich ihre Nachrichten zu 40 Prozent aus dem TV und zu 45 Prozent online und social.

Sowohl Radio wie auch Print-Medien scheinen für beide Gruppen bei der Suche und dem Finden nach Nachrichten keine große Rolle zu spielen.

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Wie aber halten sowohl Populisten wie auch Nicht-Populisten eigentlich Ausschau nach „ihren“ News und wie unterscheiden sich beide Gruppen in Europa von denen in den USA? Tatsächlich bevorzugen Europäer beider „Gattungen“ den direkten Weg, d.h. sie steuern zu 32 respektive 36 Prozent entsprechende Nachrichtenkanäle gezielt und bewusst an. Nur 24 bzw. 18 Prozent nutzen Social Media als Zugangstor zu News.

In den USA wiederum halten sich zumindest bei den Anhängern populistischer Ideen der direkte Zugang und Social Media mit 28 und 27 Prozent die Waage. Bei der Suche via Social Media und Suchmaschinen jedoch klaffen die Lücken zwischen beiden Gruppen mit 28 vs. 22 Prozent bzw. 17 gegenüber 24 Prozent doch etwas deutlicher und weiter auf. Womöglich ließe sich auch hier wieder damit argumentieren, dass die direkte Suche und die Social Media gerade für die Populisten eine „sichere“ Möglichkeit darstellt, genau ihre Meinungen widergespiegelt zu bekommen – auf ihren Seiten und in ihren Gruppen – und nicht den „etablierten Medien“ und deren „Lügen“ via „manipulierten“ Suchmaschinenergebnissen aufzusitzen.

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Und Deutschland so?

Was die Versorgung mit Nachrichten in Deutschland angeht, lohnt sich zunächst ein Überblick über das mediale Verhalten im Lande. Tatsächlich vertrauen 54 Prozent der Befragten in Sachen News den Dinosauriern der TV-Nachrichten: Tagesschau und Tagesthemen. Damit sieht das Erste tatsächlich etwas besser als das Zweite aus. Immerhin aber sind es dennoch 44 Prozent, die mindestens einmal pro Woche „heute“ und das „heute-journal“ schauen. Auf Platz drei folgen mit 34 Prozent die regionalen Zeitungen als erstes Printprodukt in den Top 3. Etwas dahinter liegt mit 29 Prozent RTL News und damit der erste private Sender, der seinerseits jedoch mehr Zuschauer auf sich vereinen kann als die Radiosender der öffentlich-Rechtlichen mit 21 Prozent.

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Bei den Online-Angeboten hat Spiegel Online mit 18 Prozent die Nase leicht vor t-online und Focus online mit 15 respektive 14 Prozent. Erst auf Platz vier taucht das Online-Angebot der BILD auf.

Die Rangfolge der Angebote, denen die meisten Deutschen in Sachen Nachrichten vertrauen, spiegelt zumindest bei den ersten drei Plätzen auch die Reihenfolge der am meisten konsultierten News-Quellen wider. Auffällig ist jedoch, dass die Nachrichtensendungen der Privaten wohl zwar häufig gesehen werden, hohes Vertrauen jedoch genießen sie scheinbar dennoch nicht.

TV immer noch wichtigste Nachrichtenquelle

Ungeachtet der weltweit wachsenden Wichtigkeit der Social Media für das Newsgeschäft, schlägt sich das Fernsehen (auch) in Deutschland immer noch wacker, auch wenn es im Laufe der letzten sechs Jahre etwas Federn lassen musste. Dennoch ist das TV für immer noch 72 Prozent der Deutschen die Nachrichtenquelle Nummer eins. Online-Angebote folgen mit 68 Prozent. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen schließlich liefern sich Print und Social Media, weil sich Zeitungen, Zeitschriften und Magazine im freien Fall befinden und weil die Social Media mächtig zulegen.

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Ein Blick auf die von den Deutschen für den Nachrichtenkonsum genutzten Endgeräte schließlich zeigt, dass das Smartphone seinen Siegeszug im selben Tempo fortsetzt, wie stationäre Computer an Wichtigkeit verlieren. Tablets wiederum konnten ihre Nutzung als Zugangsgerät zu News seit 2013 zwar auf 20 Prozent verdoppeln, doch reichen sie nicht annähernd an Smartphones und PC/Laptops heran.

Facebook liegt als Nachrichtenquelle vorne

Wofür nutzen die Deutschen welche Social Media? Auch das Ranking, welches diese Fragen beantwortet, überrascht kaum – zumindest nicht mit Hinblick auf die üblichen Namen und die Verteilung bezüglich der Nutzungsarten. So ist Facebook für über ein Fünftel der Deutschen die wichtigste Social-Media-Nachrichtenquelle, wenn auch mit leichten Einbußen zum letzten Jahr. Auf YouTube setzt knapp unter einem Fünftel der Deutschen und für WhatsApp als Nachrichtenportal entschieden sich nur 16 Prozent.

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Andererseits liegt WhatsApp mit zwei Dritteln aller User vorne, wenn es um den allgemeinen und nicht Nachrichten spezifischen Umgang mit der Anwendung geht. YouTube bleibt auch in dieser Tabelle auf dem Silbertreppchen, während Facebook mit 52 Prozent auf Platz drei zurückfällt. Facebooks Messenger wie aber auch die andere Tochter Instagram können zwar jeweils gut ein Viertel aller Nutzer auf sich ziehen, wenn es um den alltäglichen Gebrauch der Apps geht, doch in Sachen Nachrichten spielen sie zumindest in Deutschland eine ebenso unbedeutende Rolle wie Twitter.

Insgesamt erweisen sich die Deutschen also auch als Social-Media- und Messenger-affine Nachrichtennutzer. Immerhin nämlich teilt über ein Fünftel von ihnen News über die sozialen Netzwerke, Messenger oder ganz klassisch per E-Mail. Und 14 Prozent schließlich hinterlassen Kommentare zu Nachrichten in den Social Media oder direkt auf den Webseiten der entsprechenden Portale.

Autor: MB

(Quelle aller Abbildungen: Reuters Institute Digtial News Report 2019)

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