Blickwinkel

FaceApp-Phänomen wird zum Politikum

Trends und Innovationen

War es vor einigen Wochen noch total lustig, sich mittels App optisch zum anderen Geschlecht zu machen, ist nun virtuelles Altern der totale Hype. Innerhalb kürzester Zeit mutierte die russische FaceApp zur beliebtesten App der Welt. Insbesondere das Jungvolk findet großen Spaß daran, sich mit Hilfe Künstlicher Intelligenz altern zu lassen und erlaubt dafür arglos Zugriff auf persönliche Fotobibliotheken.

Krass, Alter!

Um Portraitaufnahmen mittels eines Filters verfremden zu lassen, laden Menschen auf der ganzen Welt derzeit die App herunter und eigene Fotos auf deren Server hoch. Laut Herstellerangaben funktioniert die Gesichtstransformation mit Künstlicher Intelligenz, welche Gesichtsmerkmale erkennt und entsprechend modifiziert. Allein auf Instagram gibt es zum Hashtag #faceapp fast eine Million Beiträge, für den Hashtag #faceappchallenge über 150.000. Besondere Aufmerksamkeit erlangen die Fotoverfremdungen Prominenter, welche die App viral gingen ließen. So sind die sozialen Netzwerke voll von ergrauten Promis wie Miley Cyrus, Drake oder David Guetta. Auch Daniela Katzenberger sieht aus, als hätte sie etwas zu exzessiv der mallorquinischen Sonne gefrönt.

Soon Bart

Dabei gibt es die App schon seit zwei Jahren – inklusive Anfangs-Hype mit globaler Berichterstattung. Besondere Aufmerksamkeit erlangte seinerzeit ein Filterfeature namens „Hot“, welches Portraitierte attraktiver erscheinen lassen sollte. Zwei Wochen nach dem Launch soll allein die iOS-App eine Million Mal heruntergeladen worden sein. Die optischen Manipulationen erfreuten sich insbesondere in Japan, Hong Kong, Russland, Argentinien, Norwegen und den Niederlanden großer Beliebtheit. Dummerweise machte „Hot“ dunkle Gesichter heller. Dieser Umstand und weitere ethnische Filter führten seinerzeit zu massiver Kritik. Heute bietet FaceApp noch weitere Filter wie „Lächeln“, „Bärte“, „Frisuren“ oder „Brille“. Wer alle Filter nutzen möchte, wird allerdings ordentlich zur Kasse gebeten. 44 einmalige Euro (oder 20 im jährlichen Abo) kostet die Pro-Version, in der sich auch das Wasserzeichen entfernen lässt.

Russischer Betreiber

Da stellt sich die Frage, wer von dem Hype finanziell profitiert und wie dieser eigentlich losgetreten wurde. OMR recherchierte, dass die App innerhalb einer Woche seit Start des Hypes 7,6 Millionen Mal heruntergeladen wurde. Der erwirtschaftete Umsatz wird auf 807.400 US-Dollar geschätzt. Hinter FaceApp steckt das russische Unternehmen Wireless Lab OOO aus St. Petersburg. FaceApp Gründer und CEO Yaroslav Goncharov war vor Wireless Lab OOO bei einem Software-Unternehmen angestellt, welches zum größten Suchmaschinenbetreiber in Russland gehört.

Weltweiter Eroberungszug

Wo und wie genau der Hype in Gang gesetzt wurde, ist aufgrund der globalen Verbreitung der App nicht einwandfrei nachvollziehbar. Allem Anschein nach hat sie ihren Ursprung nicht in der westlichen Welt. So konnte OMR mittels Google Trends eruieren, dass das weltweit größte Interesse an der App anfangs im Iran herrschte, gefolgt von Myanmar, Syrien, Ägypten, Libyen und Bangladesch. Gestartet ist der Hype demnach am 13. Juli 2019, um seinen (bisher) weltweiten Höhepunkt am 17. Juli um 22 Uhr zu erreichen. Der Branchendienst Meedia hatte wiederum herausgefunden, dass am 11. Juli noch 88 Prozent aller Tweets mit dem Hashtag „#faceapp“ aus Japan stammten. Bis am 12. Juli dann die arabische Sprache den ersten Platz übernommen habe, am 15. Juli dann der spanisch-portugiesische Sprachraum, um am 17. Juli von der englischen Sprache verdrängt zu werden.

Russische Strategieplanung

Sieht aus, als wäre man bei dem weltweiten Siegeszug von FaceApp ziemlich strategisch vorgegangen. Und äußerst fachmännisch. So fand OMR mit Hilfe des Anaylse-Tools Similarweb heraus, dass sich der Traffic der Webseite faceapp.com schon ab dem 5. Juli deutlich gesteigert hat – um dann am 15. Juli bei über 550.000 täglichen Visits zu liegen. Offenbar wurde seit diesem Datum vermehrt Werbung auf verschiedenen Viralseiten geschaltet, unter anderem auf dem russischstämmigen Portal opossumsauce.com.

App mutiert zum Politikum

Nun fragt sich alle Welt, ob es den russischen Betreibern tatsächlich nur um die App-Erlöse geht oder um die Daten. Seit Datenschützer weltweit Sicherheit und Datenschutz der App bemängelten und US-Politiker sogar eine FBI-Untersuchung forderten, ist FaceApp zum Politikum geworden. So wird kritisiert, dass für die Nutzung der App Zugriff auf die persönliche Fotobibliothek eingeräumt werden muss. Darüber hinaus werden zur Bearbeitung ausgewählte Fotos auf die Server des App-Betreibers geladen und sämtliche Rechte an diese abgetreten. Die Kritik wurde so laut, dass inzwischen FaceApp-Geschäftsführer Yaroslav Goncharov zu den Vorwürfen Stellung genommen hat. Gegenüber dem amerikanischen Technikmagazin TechCrunch beteuerte er, dass Fotos innerhalb von 48 Stunden von den Unternehmens-Servern gelöscht würden. Letztere würden überdies nicht in Russland stehen, sondern über Google Cloud und Amazon Web Services laufen. Ddann ist ja alles gut.

Autor: KS

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