Blickwinkel

Fake News: Europäisches Phänomen und Phantom

Trends und Innovationen

Spätestens seit dem öffentlich wurde, dass sich das Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica großzügig im Datenpool von Facebook bedient hat und das soziale Netzwerk dazu zunächst schwieg und sich dann halbherzig entschuldigte, schlagen die Wogen wieder hoch, wenn es um die intransparente Verquickung von sozialen Medien und Politik geht. Und darum, wie Meinungen entstehen oder schlimmer noch, gemacht werden, zugunsten oder eben gezielt gegen bestimmte politische Gruppierungen oder Bevölkerungsgruppen.

Wohl auch deshalb setzen mehr und mehr Institutionen und Forscher viel daran, Fake News in ihrer Verbreitung und ihrer Wirkung zu verstehen. Auch die Europäische Kommission will das Phänomen Fake News verstehen und es womöglich als Phantom entlarven. Dazu wurden Anfang Februar 2018 insgesamt über 25.000 Bürgerinnen und Bürger aus 28 EU-Staaten im Alter ab 15 Jahren zum Thema Fake News und Desinformation befragt. Welchen Medien schenken sie das größte Vertrauen? Wie oft sind ihnen schon Fake News begegnet und wie stark schätzen sie die eigene Kompetenz ein, diese Desinformationen als solche zu erkennen?

Klassische Medien genießen höheres Vertrauen als Online-Formate

In der Wahrnehmung der am Telefon befragten EU-Bürgerinnen und -Bürger sind es die traditionellen Informationskanäle, die sich als glaubwürdigste Nachrichtenquellen erweisen. 70 Prozent der Umfrageteilnehmer trauen am liebsten ihren Ohren und schätzen das Radio als das Medium mit dem höchsten Vertrauensfaktor ein, gefolgt vom Fernsehen (66 Prozent) und von gedruckten Nachrichten (Zeitschriften und Magazine, 63 Prozent). Dieser Glaubwürdigkeitsfaktor oder -bonus ist aber nicht durch alle Altersgruppen und Bildungsschichten hindurch derselbe. So schenken Menschen mit höherem Bildungsabschluss den klassischen Medien mehr Vertrauen, während die Generation Y (15 bis 24-Jährige) eher den Online-Medien glaubt, egal mit welchem Endgerät sie diese lesen.

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Fake News-Fährten nicht auf den Leim gehen

Wie aber ist es um die Kompetenz der Medienkonsumenten bestellt, Fake News auch zu erkennen – egal in welchen Medien sie ihr Unwesen treiben? Immerhin 37 Prozent der Befragten gaben an, Desinformationen der einen oder anderen Art täglich oder fast täglich begegnet zu sein und 71 Prozent sehen sich in der Lage, Fake News zu erkennen.

Zudem erachten 85 Prozent diese Fake News als ein Problem in ihrem Land und 83 Prozent sehen darin gar eine Gefahr für die Demokratie. Umso mehr stellt sich die Frage, wie man Desinformationen bekämpfen sollte und wer diesen Kampf (an)führen sollte. Fast die Hälfte der Umfrageteilnehmer (45 Prozent) sehen die Journalistinnen und Journalisten in der Verantwortung, während 39 Prozent die staatlichen Behörden und 36 Prozent das Management der Medien für verantwortlich hält, der Verbreitung von Fake News Einhalt zu gebieten. Den sozialen Netzwerken hingegen trauen nur 26 Prozent zu, dass diese einen Riegel vor die Verbreitung von Desinformationen auf ihren eigenen Plattformen schieben könnten (oder wollten).

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EU-weite Vertrauensgefälle für die jeweiligen Medien

Auch wenn sich EU-übergreifend fast alle einig sind, dass Fake News ein ernstes Problem darstellen, zeigen sich auf verschiedenen Ebenen dennoch einige Unterschiede innerhalb der jeweiligen EU-Staaten – ebenso aber auch Gemeinsamkeiten. So punktet das Medium Radio in jedem europäischen Land als die insgesamt glaubwürdigste Informationsquelle, wenn auch je nach Land mit unterschiedlichem Ausschlag. 

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Ähnliches gilt für das Fernsehen und Print-Medien.  

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Anders stellt sich jedoch das Bild dar, wenn es um die Glaubwürdigkeit der Online-Medien geht. Hier zeigen sich weitaus weniger hohe Ausschläge bei der Frage, ob man Online-Zeitungen und -Magazinen blind vertrauen kann. Immerhin tendiert wenigstens die Hälfte der Befragten in 12 der 28 EU-Länder dazu, diesen Medien zu glauben. 

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Deutsche und Ungarn misstrauen Video-Plattformen und Podcasts

Nur ein Fünftel der Befragten in beiden Ländern schenken YouTube und Co. Glauben, während es in Kroatien über 40 Prozent sind. 

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Ähnliche Präferenz-Allianzen bilden sich im Bereich der Glaubwürdigkeit von Social Media und Messenger-Diensten. Gemeinsam mit den Italienern und Österreichern sind die Deutschen diejenigen, die diesen Medien das wenigste Vertrauen schenken.

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Und die Learnings sind?

Die EU-Kommission zeigt mit dieser Erhebung zu Fake News und Desinformation, dass diese beiden Phänomene längst keine Phantome der Medienwelt sind, sondern leider ein fester Bestandteil. Manche würden gar dazu tendieren, sie als „Brunnenvergifter“ im Sinne frei fließender Informationsquellen zu bezeichnen. Denn die Konsequenzen fallen vielseitig und vielfach umstritten aus. Die Gemengelage ist unübersichtlich: Forderung oder gar Volksentscheide für bzw. gegen die Abschaffung der Gebühren für Öffentlich-Rechtliche, einer Zerschlagung oder wenigstens strengere Regulierung und Kontrolle von Facebook, die Angst und der Kampf um die Informationsfreiheit im Internet, Bemühungen, die Deutungshoheit über Fake News den eigentlichen Urhebern zu entreißen, indem man künftig nur noch von Desinformation spricht oder in Studien herausfindet, dass es meist einzelne und wenige Quellen sind, die Fake News an viele verbreiten (meist willentlich und mitunter auch aufgrund schlampiger PR und schlechtem Journalismus). 

Am Ende tragen die Ergebnisse all dieser Bemühungen dazu bei, Fake News noch geschlossener zu bekämpfen und zudem noch besser zu verstehen und deren Schaden sowie Quellen transparenter an alle Medienkonsumenten vermitteln zu können. Das liegt natürlich auch im Interesse der Medien an sich, da diese nicht zuletzt auch durch Glaubwürdigkeit Geld durch Werbung verdienen.

(Alle Grafiken: ©Europäische Kommission)

Autor: MB

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