Blickwinkel

Fortbildung in Sachen Falschinformationen

Trends und Innovationen

In Zeiten Corona-Virus bedingter Klopapier-Karenz sitzt fast ganz Deutschland im Home-Office und arbeitet aus den eigenen vier Wänden heraus. Außerhalb gewohnter Büro-Regeln steigt damit irgendwie auch die Ablenkungsanfälligkeit, die nicht selten von Nachrichten auf private Mail- oder Messenger-Accounts ausgeht.

Und kaum, dass man es sich versieht, wird man in diesem schwierigen Umfeld bald selbst schon zur Virenschleuder, weil man angebliche Meldungen über baldige Schließungen der Supermärkte für bare Münze nimmt und nicht als Falschmeldungen ins Depot des eigenen Hinterstübchens verbannt.

Gesundheitsminister Spahn und sein Ressort haben folglich alle gründlich und regelmäßig gewaschenen Hände voll zu tun haben, Panik machende Desinformationen in den Giftschrank zu verbannen.

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) öffnet ihren Arzneien-Fundus und steuert mit ihrem Myth busters der Verbreitung von Fehlinformationen zu COVID-19 entgegen. Mit Fakten.

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(Quelle: WHO)

Moral beiseite, Follower her!

Also Finger weg von Falschmeldungen, auch wenn es uns ab und an schon in den Greifern juckt, einfach mal etwas Verwirrung zu stiften. Dass das nicht nur möglich ist, sondern sogar mit einem Lerneffekt verbunden sein kann, zeigt das Social Impact Spiel Bad News der niederländischen Medienkompetenzspezialisten DROG.

Ziel dieses Spiels, das für „Menschen im Alter von 15-35 Jahren entwickelt wurde“ (ältere sind auch ok, jüngere eher nicht), ist es, einmal das Gewand des Guten fallen lassen und ungestraft in die Rolle des Bösen schlüpfen zu können. Frei von jeglichen moralischen Einwänden, so DROG, kann man testen, wie (gut) es sich anfühlt, ein Verbreiter von Desinformation zu sein.

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Und wie sexy man für andere wird, wenn man dem eigenen Verschwörungsschweinehund einfach mal nachgibt, das zeigt einem das Spiel auch.

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Dennoch ist es ein schmaler Grat, den man zwischen Glaubwürdigkeitsverlust einerseits und Follower- und Reichweiten-Gewinn auf der anderen Seite beschreiten muss. Offensichtliche Lügen werden nämlich mit Punkteabzug bestraft.

Anleitung zum Anstiften

Das Beste an diesem Spiel ist tatsächlich, dass man quasi eine Schnell-Ausbildung zum Anstiften durchläuft – und das dazu noch kostenlos. Denn mit jedem Klick, den man tiefer ins Reich der Fehlinformationsverbreiter eintritt, lernt man jede Menge Kniffe und Tricks eines strategischen Schlagwort-Themen-Kaperns.

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Dabei heißt es aber auch, die Augen offen zu halten und nicht über eigentlich offensichtlich gespannte Fallstricke zu stolpern.

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Und wenn man der Verlockung nach Followern wirklich auf den Leim gegangen ist, tut dies der Mission "Fehlinformation" dennoch kaum einen Abbruch.

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Aufstieg in den Verschwörungsolymp

Wie schnell man die Karriereleiter in die oberste Schleuder für Verschwörungstheorien hochstolpern kann, zeigt Bad News unter anderem anhand von Abzeichen, die man sich mit nur wenigen Klicks und der richtigen Portion Unverfrorenheit verdienen kann.

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Und auch bei diesem Karriereschritt wird man pädagogisch begleitet und immer mit allen Informationen versorgt, die dafür sorgen, dass man die richtigen Hebel betätigt, um Angriffsmechanismen gezielt in Gang zu setzen.

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Hinzu kommt: Auch noch so tief aus der Unglaubwürdigkeitskiste gezogene Meldungen heiligen ab einem bestimmten Punkt und Followerstand die Mittel, um sich dem Desinformationsdopamin noch willenloser hinzugeben. Und diese viralen Mittel sind meistens emotionalisierend und äußerst wirksam, egal wie offensichtlich konstruiert sie auch sein mögen.

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Desinformation als Droge

Im Laufe von Bad News merkt man erst immer einige Klicks später und damit eigentlich schon zu spät, um die losgetretene Welle der Empörung noch aufzuhalten, dass man sich dem Sog der Verbreitung von Falschmeldungen kaum mehr entziehen kann.Dabei stehen die zu verdienenden Abzeichen irgendwo auch stellvertretend für die Belohnungshormone, die das Gehirn ausschüttet, wenn man durch Posts (positive) Reaktionen bei anderen auslöst.Fast schon unterzugehen scheinen dabei Erkenntnisse wie beispielsweise, dass man eigentlich nicht immer neue Sachen erfinden muss, sondern einfach nur wahre Fakten skandalisieren braucht, um das gewünschte Empörungslevel zu erreichen.Oder auch, dass Polarisierung das schärfste Schwert ist, dass man zum Teilen einer Gesellschaft einsetzen kann.

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Von welcher Seite man aus mit dem Schneiden beginnt, spielt dabei offensichtlich keine Rolle, wenn sich am Ende zwei Antagonisten heillos verstritten gegenüberstehen sollen. Und je klarer die Konturen der Unvereinbarkeit sind, desto einfacher lassen sich die mit entsprechend polarisierenden Inhalten zu füllenden Schablonen auch erkennen.

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Bots mit ins Boot holen

Wenn sich der eigenen Meinung nach die Fehlinformationen zu langsam verbreiten, kann man ihnen natürlich auch einen kleinen Schub oder Boost verpassen – mithilfe von Bots. Und wenn diese ihre Arbeit aufgenommen haben, schießt die Follower-Zahl exponentiell nach oben.

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Dabei erscheinen die Maschinen-Tweets zudem all allzu menschlich und daher auch als glaubwürdig.

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Und je glaubwürdiger Bots-Tweets sind, desto stärker wird der Eindruck, dass man wirklich viele Follower erreicht und überzeugt. Das schließlich regt Nutzer aus Fleisch und Blut wiederum an, sich in ihrer Filterblase bestätigt, gut aufgehoben und in bester Gesellschaft zu fühlen.

Hashtags beginnen zu trenden und die Diskussion darum, so oberflächlich sie auch sein mag, gewinnt an Fahrt und Aufmerksamkeit.

Ein anderes Take-away in Sachen "Verschwörungstheorien in Umlauf bringen für Anfänger": Je gesichtsloser und anonymer eine Organisation ist, desto einfacher lässt sie sich als Hort und Herd einer globalen Verschwörung missbrauchen und desto unverschämter auch angreifen.

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Gewürzt mit einer reißerischen "Enthüllung", ergeben sich letztlich auch entsprechende Reaktionen. Die Glaubwürdigkeit des Accounts steigt, je mehr Leute einem Authentizität oder gar das einzig wahre und exklusive Wissen attestieren.

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Bad News sind dennoch gute Nachrichten

Dieses Spiel hinterlässt wirklich Wirkung. Denn mit nur wenigen Klicks enthüllt es nicht nur die Maschinerie, Logik und Strategie hinter gezielt lancierten Falschmeldungen. Es demaskiert auch den Spieler selbst, der – angelockt vom Gewinn aller Abzeichen – mit fortschreitenden Levels immer gieriger nach Followern und Glaubwürdigkeit und damit auch immer skrupelloser wird.

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Ob man dabei angebliche Fakten einfach und dreist erfindet oder bestehende dermaßen verdreht, dass am Ende sogar auch seriöse Medien darüber stolpern, Fake-Geschichten aufgreifen und damit zu deren Weiterverbreitung und "Akkreditierung" beitragen oder auch, dass durch das Streuen von Gerüchten Fakt-Checker diskreditiert und Vorstände zu Fall gebracht werden: Man spürt die Macht, die man in Händen hält, einfach nur in Form von Hebeln, die nacheinander und mit professioneller Unterstützung gezielt eingesetzt, vieles in Ungleichgewicht bringen können.

Gleichzeitig spürt man jedoch auch die Verantwortung, die einem auch als einfachem Social-Media-User zukommt, wenn es darum geht, Fehlinformationen zu bekämpfen, indem man Meldungen hinterfragt und fragliche Posts und Tweets im besten Fall nicht weiterleitet. Auch so lassen sich nämlich gefährliche Infektionswege unterbrechen.

Autor: MB

(Quelle aller Abbildungen. Screenshots Bad News, bearb. von Marcello Buzzanca)

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