Blickwinkel

Indien will WhatsApp an die Wäsche

Trends und Innovationen

Nennt man in Social-Media- und Tech-Unternehmen-Kreisen den Namen des Subkontinents, fallen die Seufzer laut und schmachtend aus: Fast 500 Millionen Onliner, deren Zahl bis 2022 sogar bei etwas mehr als 730 Millionen liegen könnte; 250 Millionen Facebook-User und dazu noch mindestens 200 Millionen Inderinnen und Inder, die WhatsApp nutzen. Damit ist Indien der größte Markt für die Messaging-App.

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(Quelle: businessofapps/Statista)

Tatsächlich aber auch einer der problematischsten Märkte. Letztes Jahr nämlich wurden fast 50 unschuldige Menschen Opfer der „Indian WhatsApp Lynchings“, einer Welle der Gewalt und Lynchjustiz, die durch über WhatsApp geteilte, gefälschte oder verkürzte und aus dem Zusammenhang gerissene Videos ausgelöst wurde.

WhatsApp hatte versucht, die zu recht aufgehetzten Gemüter indischer Politiker zu beschwichtigen und vor kurzem die Anzahl der Kontakte, an die man Inhalte weiterleiten kann, auf fünf reduziert. Doch das reicht den politisch Verantwortlichen in Indien noch lange nicht, auch weil bisher keine verlässlichen Daten dazu vorliegen, inwieweit diese Einschränkung schon Wirkung hinsichtlich weniger häufig geteilter Desinformation gezeigt hat. Zudem lässt sich diese Barriere relativ leicht umgehen, indem man Inhalte mit fünf Personen teilt und dies so oft wiederholt, wie man eben will.

Gimme all your Data

Insofern will Indiens Politik WhatsApp jetzt an die Wäsche, respektive an die Daten. Und das mit geballter gesetzlicher Macht. In einem Entwurf zu neuen Richtlinien im Umgang mit den Social Media und mit Messenger-Diensten forderte das indische Ministry of Electronics and Information Technology, das WhatsApp den Behörden erlauben müsse, die Spuren jeglichen illegalen Contents, der über die Anwendung geteilt wird, zu verfolgen. Auch wenn man sich darüber im Klaren sei, dass man damit de facto die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung umgehen und das Recht der User auf Schutz der eigenen Daten verletzen würde, könnte andererseits nicht abgestritten werden, dass die Identifizierung von Verbrechern über diesen Weg notwendig sei.

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(Quelle: Ministry of Electronics and Information Technology, Government of India)

Sollte der Entwurf zum Gesetz werden, könnten WhatsApp ebenso wie Facebook, Twitter oder auch TikTok künftig für die auf ihren Plattformen geteilten illegalen Inhalte verantwortlich gemacht werden. Zudem wären sie gezwungen, die Behörden dabei (mit Daten) zu unterstützen, die Urheber „blasphemischer, diffamierender, obszöner, pornografischer, pädophiler, verleumderischer, in die Privatsphäre eines anderen eingreifender, rassistischer oder anderweitig illegaler Inhalte“ zu identifizieren, entsprechenden Content innerhalb von 24 Stunden zu löschen und sich jederzeit kooperativ mit den Ermittlern zu zeigen.

WhatsApp wehrt sich

Natürlich, so WhatsApp Sprecher Carl Woog, könne man dem Wunsch der indischen Behörden nach Offenlegung von User-Identitäten so nicht nachkommen. Schließlich basiere WhatsApps Geschäftsmodell ja eben auf der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Bräche man diese auf oder verwässerte sie, bedeutete das das Ende von WhatsApps Geschäftsmodell.

Doch nicht nur verbal setzt sich WhatsApp zur Wehr. Auch praktisch geht man gegen die Vorwürfe vor. Pro Monat, so Woog, lösche man 250.000 Accounts, über die schändliche Inhalte verteilt werden. Am Ende ist allen WhatsApp-Verantwortlichen bewusst, dass die Zeit drängt, da der Zugang des Messengers zum indischen Markt womöglich auf dem Spiel steht.

All diesen Anstrengungen und politischen Forderungen zum Trotz kämpft man in Indien bisweilen gegen Desinformationswindmühlen. Und hält man sich vor Augen, dass weltweit etwa 65 Milliarden Nachrichten pro Tag über WhatsApp verschickt werden, kann man sich vorstellen, wie stark der Wind bläst, der in Indien Millionen von Falschmeldungen trägt und auf welchem fruchtbaren Boden diese Fakes dort landen.

Viele Menschen, gerade in den ländlichen Regionen Indiens, sind nämlich schlecht oder gar nicht alphabetisiert und insgesamt schlecht gebildet. Fake Videos werden daher nicht selten als wahre Nachrichten verstanden, was wiederum zu Gewalt und Lynchmorden führen kann. Also lassen sich Polizisten in die WhatsApp-Gruppen von Dorfbewohnern aufnehmen, gehen von Ortschaft zu Ortschaft und klären ganz analog über digitale Fälschungen und Falschinformationen auf.

Angst vor „Fusion“ von Facebook, WhatsApp und Instagram

Die kürzlich veröffentlichte Ankündigung von Mark Zuckerberg, die Messengerdienste von Facebook, WhatsApp und Instagram womöglich bald in einer einheitlichen Chat-Infrastruktur zu vereinen, löste in Indien mindestens ebenso viel Aufregung aus wie in vielen Teilen der auf Datenschutz bedachten Welt. Den Plänen zufolge soll die Vermählung der drei Dienste nämlich auf einer Ende-zu-Ende-Verschlüsselung basieren. Und damit wiederum würde sich Indiens Problem mit WhatsApp-Falschmeldungen auf die anderen beiden Plattformen potentiell ausweiten können.

Auch wenn das Zusammenführen der Messenger der drei Schwergewichte nicht vor den im Frühjahr anstehenden Unterhauswahlen in Indien vollzogen worden sein wird, befürchten nicht nur Politiker des Subkontinents, dass beim nächsten Urnengang auch via WhatsApp über Gewinner und Verlierer entschieden wird. Dabei, so Experten, seien der Messenger und seine Verschlüsselung nicht unbedingt der Kern des Problems. Denn auch einige Politiker praktisch aller indischen Parteien seien fleißig daran beteiligt und daran interessiert, Falschmeldungen über politische Kontrahentinnen und Kontrahenten zu verbreiten.

Derweil wappnet sich Twitter bereits jetzt für die anstehenden Wahlen in Indien, wie auch für die Europawahlen. Der Kurznachrichtendienst weitete seine Bemühungen, Transparenz in politische Wahlwerbung zu bringen, nun auch auf Indien und die EU-Staaten aus.

Autor: MB

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