Blickwinkel

Jaron Lanier: Zwischen Daten, Taten, Kosten und Kontrolle

Trends und Innovationen

Das „Netz“ besteht aus Nullen und Einsen. Da würde wahrscheinlich auch der Tech-Guru, VR-Pionier und Internetkritiker Jaron Lanier nicht widersprechen. Für ihn aber geht diese Rechnung weiter. Seiner Meinung nach nämlich bleiben unterm Strich nur die Nullen bei den Usern der Social Media und anderer kostenloser Online-Dienste übrig. Die Einsen heimsen sich die Betreiber der sozialen Netzwerke, Suchmaschinen und andere Technologiekonzerne ein. Der Trick: Man lässt uns glauben, dass alles umsonst ist. Dass wir die Plattformen, Dienste und Suchmaschinen gratis benutzen können, dass wir Inhalte entdecken, veröffentlichen und teilen können, ohne auch nur einen Cent dafür bezahlen zu müssen. Dass wir Tipps, Tricks und andere Hilfen zur Hand bekommen, ohne dafür eine Rechnung begleichen zu müssen.

Tatsächlich aber, so Jaron Lanier in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur, zahlen wir sehr wohl für all das. Und zwar mit unseren Daten und mit unserer Integrität. Schließlich basiere das System der Online-Werbung auf Manipulation. Die genau nämlich wollen die Werbetreibenden erreichen bzw. versprechen ihnen die Social Media und Tech-Riesen, dass sie mit den detaillierten Daten der Nutzer so viele Informationen bekommen, um damit letztlich das Verhalten der User subtil zu steuern und langfristig zu verändern. Will heißen: Je besser die Nutzererfahrung in den Social Media und bei Suchmaschinen ist, desto mehr Informationen liegen den Diensten und Plattformbetreibern bereits über uns vor. Und umso mehr personalisierte Daten können die Social Media an Dritte verkaufen und uns noch passendere Werbung ausliefern. Ein Spirale mit starkem Drehmoment. An dessen Beschleunigungskurbel sitzen sowohl die Internetkonzerne mit ihrem Datenhunger wie auch wir User, die wir es als selbstverständlich nehmen, dass alles im Netz kostenlos sein muss. Oder das Währung wenigstens nicht Euro oder Dollar lautet. Und wenn wir schon in Daten bezahlen müssen, wollen wir wenigstens wissen, wie die Rechnung im Detail aussieht und was unterm Strich auf für uns dabei rausspringt.

Oh, mit Social Media kommunizieren die Menschen und bewahren dort ihre persönlichen Erinnerungen auf. Die Nutzer werden mit Algorithmen abgebildet, damit man ihnen gezielte Angebote unterbreiten kann. Mit Hilfe dieser Algorithmen können die Betreiber Menschen traurig machen oder die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sie wählen gehen. Das Leben vieler Menschen dreht sich um diese Algorithmen.

(Jaron Lanier: Anbruch einer neuen Zeit. Wie Virtual Reality unser Leben und unsere Gesellschaft verändert. Hoffmann und Campe, 2018)

Sozialistisch, kapitalistisch und in jedem Fall kommerziell

Natürlich sagt Jaron Lanier damit nichts Neues, doch sind die Forderungen und Überlegungen, die er anschließend anstellt, umso radikaler. Seiner Meinung nach gibt es eigentlich nur zwei Wege, um die Gratis-Kultur im Netz und die Allmacht der Algorithmen zu bekämpfen und zu beenden:

  • Viva la online-revolución! Keine Ahnung, wie ein sozialistischer Pfad in einer vor allem von US-Konzernen geprägten Online-Welt aussähe. Für Jaron Lanier jedenfalls wäre die Idee, das Internet sozialistisch zu machen, es zu entkommerzialisieren und dessen Betreiben in öffentlich-rechtliche Hände zu legen, eigentlich keine gute Lösung. Auch, wenn der Vorteil dieses Modells wäre, dass alle Inhalte durch Beiträge der Nutzer finanziert und das Netz über demokratische Prozesse verwaltet würde, gäbe es dennoch eine große Sorge. Denn die sowieso bereits vorhandenen wie auch die später erhobenen Daten lägen den jeweiligen Regierungen damit praktisch offen zur Verfügung. Gerade totalitäre Systeme und „starke Männer“, wie wir sie in den letzten Jahren auch im Netz als Akteure oder Agenten kennengelernt haben, würden wahrscheinlich keinen Augenblick zögern, sich dieser Daten zu bemächtigen und Kritiker noch gezielter zu verfolgen und einzuschüchtern. Würde man also ein sozialistisches Internet erschaffen, würden zwar nicht mehr nur einzelne reich werden, doch die Gefahr, dass staatliche Institutionen das Netz zur Überwachung und Kontrolle auswerfen oder dass Internetkonzerne verstaatlicht würden, um die Nutzer zu indoktrinieren, wäre kaum einzudämmen.
  • Cash wem Cash gebührt! Die weniger besorgniserregende Lösung ist für Jaron Lanier auch gleichzeitig die logischste: Soziale Netzwerke sollten ihren „Datenlieferanten“, also die User, dafür entlohnen, dass sie ihnen ihre Informationen zur Verfügung stellen, dass sie Inhalte produzieren und damit Traffic erzeugen, denn „Wenn jemand einen erfolgreichen Beitrag macht auf Facebook oder Twitter und damit den Wert der Plattform insgesamt erhöht, dann sollten sie dafür bezahlt werden.“ Andererseits sollten sich aber auch User von der Umsonst-Idee verabschieden und entsprechend für die von ihnen in Anspruch genommenen Dienste bezahlen. Die Folge wäre eine Umverteilung von Macht und Reichtum, die sich ja beide aktuell in den Händen weniger Tech-Riesen konzentrieren. Dieses Modell wäre zudem auch ehrlicher. Das macht Lanier am Beispiel der Künstlichen Intelligenz im Allgemeinen und an automatisierten Übersetzungen im Speziellen fest. Diese nämlich speisen sich aus praktisch allem, was sie an Phrasen im Netz finden und bedienen sich damit auch jenen Übersetzungen, die Menschen kostenlos angefertigt und ins Netz gestellt haben. Folgerichtig müssten all jene, die ihrer Übersetzungen bestohlen wurden, dafür entschädigt werden.

Es ist seltsam, aber angeblich fühlen sich die jungen Leute ganz wohl damit, dass Unternehmen die digitale Gesellschaft unter Kontrolle haben, anders als die Generationen vor ihnen.

(Jaron Lanier: Anbruch einer neuen Zeit. Wie Virtual Reality unser Leben und unsere Gesellschaft verändert. Hoffmann und Campe, 2018)

Statistische Version der Wahrheit

Einen kleinen Haken hat Jaron Laniers Forderung nach gerechter Entlohnung von uns Daten- und Traffic-Lieferanten dennoch, auch wenn es einleuchtet, dass wir – wenn wir erfolgreiche und Reichweiten starke Posts absetzen – an der Wertsteigerung von Facebook, Google, YouTube, Twitter und Co. beteiligt werden sollten. Doch was, wenn es mittlerweile nicht mehr nachvollziehbar ist, welcher Post wie erfolgreich war? Um dieses Problem zu lösen, schlägt Lanier vor, Schätzungen zu machen: „Eine statistische Version der Wahrheit, die uns hilft zu verstehen, was passiert ist.“

In diesem Zuge sollten aber auch nur jene Inhalte entlohnt werden, „die jetzt und in der Vergangenheit in Systemen erschienen sind, die auf Kauf und Verkauf basierten und nicht auf Manipulation“, so Lanier. Würden nämlich nur die Posts mit der größten Reichweite und ungeachtet der geteilten Inhalte entlohnt werden, würde man den Agitatoren, den Manipulatoren und Spaltern einen doppelten Dienst erweisen. Und damit würde man der Polarisierung im Netz nur weiteren Vorschub leisten, indem man jene bezahlen würde, die das Geld letztlich für weitere Hetze, Hassrede und Verschwörungstheorien auf eben diesen Netzwerken einsetzen könnten.

Virtuelle Realität wirkt Wunder

Zum Ende des Interviews geht Jaron Lanier auf sein eigentliches Steckenpferd, die Virtuelle Realität (Virtual Reality, VR) ein und damit auch auf sein neues Buch „Anbruch einer neuen Zeit.

Wie Virtual Reality unser Leben und unsere Gesellschaft verändert.“ Natürlich, so der Internetkritiker, berge auch diese Technologie ein hohes Missbrauchspotenzial und auch deswegen werde seine Technologie-Kritik gerade aktuell so sehr gebraucht.

Andererseits ist sein Buch vor allem aufgrund des positiven Potenzials eine Liebeserklärung an die Virtuelle Realität, die Jaron Lanier ja praktisch mitbegründet und mitentwickelt hat. Und so klingt seine Hommage ebenso schräg und ehrlich, wie Lanier mitunter auch selbst erscheint. Und es liest sich mindestens so schizophren, wie sein gespaltenes Verhältnis zur Technologie, die er ja selbst entscheidend mitprägte, wenn er – der Techno-Freak und Anthroposoph – ins Zwiegespräch mit seinem jüngeren Ich tritt: „[...] du kannst den Menschen nicht dienen, wenn du dich für besser hältst als sie. Die VR wird lausig sein, aber irgendwie auch toll, und sie wird sich entwickeln und hoffentlich großartig werden. Du musst das entspannter sehen. Genieß den Prozess. Respektiere die Menschen.“

Autor: MB

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