Blickwinkel

Kostenloses Tool liest Bestimmungen zum Datenschutz

Trends und Innovationen

Sich freiwillig zu 1.000 Stunden gemeinnütziger Arbeit wie dem Putzen von Festival-Toiletten verpflichten, um einen kostenlosen WLAN-Hotspot zu nutzen? Wer macht so etwas? – Rund 22.000 Kunden eines britischen WLAN-Anbieters. Dieser hatte vergangenen Sommer für zwei Wochen einen entsprechenden Passus in seine allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) geschummelt. 

Gegenüber der Presse begründete die Firma ihre Motivation folgendermaßen: „Wir wollten zeigen, wie wenig Konsumenten darauf achten, zu was sie sich verpflichten, wenn sie freies WLAN nutzen“. Dass die Aktion nur eine Warnung war und keine tatsächliche Verpflichtung, hoffen seitdem 22.000 Briten.

Größte Lüge des World Wide Web

In jedem Fall wurde mit dieser Aktion die vermutlich größte Lüge des Internets enttarnt: „Ich habe die AGB und Datenschutzbestimmungen gelesen und bestätige diese“. Wer hat dies nicht schon mal angeklickt, ohne sich vorab durch ellenlanges, juristisches Kauderwelsch zu lesen, weil man schnell seinen Online-Einkauf fortsetzen oder die kostenlose Software gleich nutzen wollte? Um alle AGB, denen wir im Laufe eines Lebens zustimmen, tatsächlich durchzulesen, bräuchte jeder uns gut 67 Arbeitstage. Das hat Heiko Maas in seiner Zeit als Bundesjustizminister vorgerechnet. Wie lange er für diese Berechnung benötigte, ist dabei nicht überliefert.

Diese Masse an Lebenszeit ist dann wohl auch der Grund, warum 17 Prozent der befragten Online-Shopper einer Umfrage des Statistikportals statista im vergangenen Jahr zugaben, nie die AGB von Online-Shops zu lesen. 27 Prozent tun das selten, 28 Prozent manchmal. Nur beflissene 7 Prozent der Befragten gaben an, dies immer zu tun.

Algorithmus liest AGB

Und nun die gute Nachricht: Nun muss sich niemand mehr durch Unmengen schwer verständlicher Paragrafen quälen, denn es gibt eine Software, die das für einen erledigt. So haben Wissenschaftler der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Lausanne sowie zweier Universitäten in Michigan und Wisconsin ein kostenloses Tool entwickelt, welches dies auf Basis von selbstlernenden Algorithmen automatisiert übernimmt. Polisis heißt das Tool und ist auf der Webseite des Polisis-Projekts kostenlos nutzbar. Dazu muss man einfach in das Suchfeld oben auf der Seite den Namen des Unternehmens eingeben, dessen AGB man (nicht) lesen möchte und in Sekundenschnelle erscheint ein grafisches Diagramm, welches übersichtlich auflistet, welche Daten zu welchem Zweck abgefragt werden. Und welche Möglichkeiten die jeweilige Webseite bietet, einzelne Daten nicht preiszugeben.

Chatbot für konkrete Fragen

Zugegeben, je nach Unternehmen (z.B. Facebook) sieht das auch wieder nach einer Menge Stoff aus. Wem selbst diese Auswertung zu aufwendig ist, der kann auf eine zweite kostenlose Anwendung des Forscherteams zurückgreifen: Einen Chatbot, der konkrete Fragen zu den Datenschutzbestimmungen eines Anbieters beantwortet, indem er in blitzschnell den zugehörigen Abschnitt in den entsprechenden AGB findet und aufzeigt.

Laut einem Projektverantwortlichen versteht Polisis bis dato in neun von zehn Fällen die Datenschutzbestimmungen richtig. Bisher reagiert die Software nur auf Englisch, weitere Sprachen sollen allerdings in Kürze folgen.

Autor: KS

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