Blickwinkel

Künstliche Intelligenz unter dem Hammer

Trends und Innovationen

Wer das Porträt „Edmond de Belamy“ betrachtet, fühlt sich fast schon an die Meister des Barock erinnert: Licht und Schatten ausdrucksvoll in Szene gesetzt, das Portrait eines Mannes, der dem Pinsel und dem Können eines Meisters wie Peter Paul Rubens oder Rembrandt irgendwann zwischen dem 17. oder 18. Jahrhundert entsprungen sein könnte. Stimmt aber leider nicht, und zwar nichts davon. Tatsächlich ist „Edmond de Belamy“ das Produkt der schöpferischen Kraft von Künstlicher Intelligenz. Das französische Künstler-KI-Kollektiv Obvious erdachte und erschuf den vermeintlichen französischen Edelmann und benannte ihn in Anlehnung an den KI-Forscher Ian Goodfellow. Überträgt man die Bedeutung dessen Nachnamens (guter Freund) wörtlich ins Französische, ergibt sich daraus bel ami bzw. Belamy.

Edmond de Belamy.png

(Quelle: Obvious)

Das scheinbar unvollendete Portrait kam jetzt in New York im legendären Auktionshaus Christie's unter den gar nicht so virtuellen Hammer und erzielte sensationelle und analoge 432.000 Dollar – also umgerechnet 380.000 Euro. Das entspricht dem rund 40-fachen Wert, auf den es vor der Auktion taxiert wurde. Ein anonymer Bieter sicherte sich das Porträt per Telefongebot. Wo es nun hängt, ist unbekannt. Sicher ist jedoch, dass „Edmond de Belamy“ das erste Werk seiner KI-Art ist, das jemals unter einem namhaften Hammer wie den von Christie's versteigert wurde.

Die Signatur „min G max D Ex[log(D(x))]+Ez[log(1-D(G(z)))]“ ist gleichzeitig der algorithmische Urheber des Kunstwerks. Der Schaffensprozess lief in einem ähnlichen Sparringsprozess ab, wie man ihn sich zwischen Künstlern und Auftraggebern in vergangenen Jahrhunderten vorstellt. Der Algorithmus von Obvious erschuf im neuronalen Netzwerk „Generative Adversarial Network“ (GAN) zwei Gegenspieler: den Generator und den Discriminator. Das Netzwerk wurde mit einem immensen, 15.000 Porträts fassenden Fundus ausgestattet. Auf Basis wichtiger Merkmale dieser Werke aus dem 14. bis 20. Jahrhundert erschuf der kreative Generator sein eigenes virtuelles Gemälde. Der kritische Discriminator versuchte daraufhin, die Unterschiede zwischen diesem Werk und den Originalen der alten Meister herauszufinden. Da er bei „Edmond de Belamy“ nicht zwischen menschlichem und maschinellem Schöpfer unterscheiden konnte, war das Kunstwerk geboren.

Das Portrait „betrügt“ die Künstliche Intelligenz

Warum gerade ein Portrait als Motiv gewählt wurde, erklärt das Künstler-KI-Kollektiv Obvious damit, dass man es zuvor mit Akt-Bildern und Landschaftsgemälden versucht hatte. Doch das Portrait war am Ende die Form, mit der sich der kritische Discriminator am ehesten täuschen ließ.

Wer jetzt seinerseits Lust hat, seine eigene Galerie mit Künstlicher Intelligenz zu schmücken, dem sei gesagt, dass „Edmond de Belamy“ Teil einer 11-köpfigen „Ahnengallerie“ ist.

La Famille de Belamy.png

(Quelle: Obvious)

Ob und wann die portraitierten Familienangehörigen unter den Hammer kommen, steht (noch) nicht fest. Sicher aber ist, dass Obvious die bei der Versteigerung erzielten 432.000 US-Dollar in die weitere Entwicklung der künstlerisch ambitionierten und durchaus talentierten Künstlichen Intelligenz stecken wird. Es soll unter anderem erforscht werden, wie autonom Künstliche Intelligenz tatsächlich agieren kann und ob es irgendwann sogar möglich ist, dass sie ganz ohne menschliche Hilfe zur Künstlerin wird. Spätestens dann muss man sich jedoch die Frage stellen, wem am Ende eigentlich die Urheberrechte zustehen und was Künstliche Intelligenz damit anfangen soll.

Ist das KI-Kunst oder kann das weg?

Egal, was dabei und bei anderen Versuchen, der Künstlichen Intelligenz den sprichwörtlichen Pinsel in die Hand zu drücken, herauskommt: Neben dem Respekt, den solche Arbeiten und die dahintersteckenden Programmierleistungen verdienen, stellt sich immer auch die Frage, ob es sich dabei wirklich um Kunst im klassischen Sinne handelt und wie diese Werke beim Publikum ankommen. Können Menschen wirklich zwischen mensch- und maschinengemachten Gemälden unterscheiden? Tatsächlich, so aktuelle Versuche der Rutgers University in New Jersey, fällt es vielen schwer, diesen Unterschied zu erkennen. Und manche tendieren sogar dazu, die Werke der Künstlichen Intelligenz zu bevorzugen.

Rutgers Art and Artifical Intelligence Laboratory.jpg

(Quelle: Rutgers’ Art and Artificial Intelligence Laboratory)

Das ist zwar kein eindeutiger Beweis für Kunst, wenn man sie als Ausdruck von Gefühlen jeglicher Art versteht – und dazu ist Künstliche Intelligenz schlicht und ergreifend nicht in der Lage. Es zeigt aber, dass neuronale Netzwerke sehr wohl ästhetische Ansprüche an ihre Werke haben, weil sie nicht nur bestehende kopieren, sondern ihre eigenen schaffen. Während dieses Prozesses sind sie unentwegt auf der Suche nach Lösungen, um genau das zu bewerkstelligen. Und bei dieser Suche stoßen sie letztlich auf die Kunst des Abstrakten. Das geschieht laut Experten deshalb, weil die Künstliche Intelligenz den allzu menschlichen Prozess von der figurativen zur abstrakten Kunst in bloße Mathematik übersetzt und damit letztlich sowohl den Menschen einen Spiegel bezüglich ihrer eigenen Kunstgeschichte vorhält wie auch zeigt, dass sie Kunst im Kern verstanden hat und entsprechende Werke kreieren und nicht nur kopieren kann. Und das schließlich macht Künstler doch aus.

Autor: MB

(Bild: Obvious)

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