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Sind Streaming-Videos die wahren Klima-Killer?

Trends und Innovationen

Der französische Think-Tank „The Shift Project“ hat in der Studie „Climate crisis: the unsustainable use of online video“ Daten und Fakten dazu gesammelt, in welchem Maße unser digitaler Fußabdruck zur globalen Erwärmung und zu erhöhtem CO2-Ausstoß beiträgt. Die Ergebnisse sind so ernüchternd und verheerend, dass wir jetzt kurz (und künftig immer öfter) das Smartphone beiseite und alle Online-Videos, die wir gerade laufen lassen, ausschalten sollten.

Laut der Berechnungen von „The Shift Project“ tragen digitale Technologien zu 4 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen bei. Das ist mehr als der zivile Flugverkehr auf dem Negativkonto hat. Bis 2025 könnten sich die digitalen Abgase zudem sogar verdoppeln, auf dann 8 Prozent der Gesamtemissionen. Das entspräche dann dem aktuellen Anteil an Treibhausgasen, die der Automobilverkehr ausstößt. Zudem, so die Forscher, könnte der Energieverbrauch durch Server, Rechner, Netzwerke, TV-Geräte, Smartphones wie vor allem durch Streaming-Videos pro Jahr um 9 Prozent zulegen, wenn wir nicht schnell umdenken und umlenken.

Dabei geht es generell nicht nur um den Gebrauch digitaler Technologien, sondern auch um deren Produktion. Will man also den ökologisch tiefen Fußabdruck, den moderne Kommunikations- und Unterhaltungsmedien hinterlassen, etwas weniger tief gestalten, muss man sich auch beim Kauf neuer Geräte künftig etwas mehr in Zurückhaltung üben.

Online-Videos, die wahren Anti-Ökos

Ein besonderer Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf dem Energieverbrauch von Online-Videos – und das zurecht, wie die folgenden Zahlen zeigen:

  • Die Datenmenge von 10 Stunden HD-Video entspricht der aller auf Englisch verfassten Wikipedia-Artikel im Textformat.
  • 2018 entstanden durch das Sehen von Online-Videos mehr als 300 Millionen Tonnen CO2, was dem Treibhausgasausstoß von gesamt Spanien und damit einem Prozent der globalen Emissionen gleichkommt.
  • Pornografische Videos waren für 27 Prozent des gesamten Online-Video-Traffics verantwortlich. Allein 2018 wurden durch Hard- und Softcore-Filme mehr als 80 Millionen Tonnen CO2 produziert, was den Emissionen der privaten Haushalte in Frankreich und ungefähr 0,2 Prozent des weltweiten Ausstoßes entspricht.
  • Die Treibhausgas-Emissionen von Video-in-Demand-Anbietern wie Netflix und Amazon Prime belaufen sich auf über 100 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr, was ungefähr 0,3 Prozent der globalen Ausstöße und den Emissionen aller chilenischen Privathaushalte gleichkommt. Ironischerweise findet dieses Jahr zwischen Ende November und Anfang Dezember gerade in in Chiles Hauptstadt Santiago de Chile die Climate Change Conference COP25 statt.

Um diese Verbrauchszahlen an dieser Stelle zu präzisieren, muss erläutert werden, dass die Emissionen entlang der gesamten Produktion von Videos entstehen, d.h. das Packen in Daten, der Transfer an Endgeräte über Kabel und Antennen und so weiter. All diese Schritte benötigen Energie, die davor gewonnen werden muss. Die perfekte Welt, in der alle Länder dieses Planeten dabei ausschließlich auf regenerative Quellen setzen, wird es in der Form wahrscheinlich nicht so schnell geben. Und damit auch kein exklusiv grünes Internet. Solange dies also nicht der Fall ist, werden fossile Ressourcen und Atom- oder Kohleenergie genutzt, um Strom für die Datennutzung und die notwendige IT-Infrastruktur zu generieren. Somit entstehen schließlich auch klimaschädliche Emissionen.

Kein Problem ohne eine Lösung

Die Autoren der Studie machen jedoch nicht nur Angst, sondern geben auch wertvolle Entscheidungshilfen mit an die Hand. Und sie sagen es ganz klar: Keine Entscheidung zu treffen, ist längst keine Option mehr. Für Niemanden. Denn fest steht: Die Treibhausgasemissionen müssen auch in Sachen digitale Quellen drastisch verringert werden. Noch können wir entscheiden, welchen Formaten wir den Vorzug und mehr Bandbreite geben wollen – Pornos, Telemedizin, Netflix oder Wikipedia.

Entscheiden wir uns nicht, werden irgendwann andere diese Entscheidung treffen. Denn wenn beispielsweise in Zukunft die Bandbreite und/oder das Volumen für unterschiedliche Inhalte insgesamt und pro Nutzer reguliert werden und ein Großteil davon durch Netflix oder Pornografie verbraucht wird, bleibt logischerweise weniger für andere übrig.

Ganz deutlich deutet die Studie mit mahnendem Finger auf Autoplay- und Embedded-Videos. Auf deren Abspielen nämlich haben User keinen Einfluss. Zudem zielen sie darauf ab, die Nutzer so lange wie möglich auf der Plattform zu halten, wo sie dann so viel Content wie möglich konsumieren sollen. Auch in diesem Sinne sagen die Autoren, dass weder die individuelle digitale Besonnenheit der Nutzer allein noch eine mögliche Selbstregulierung der Plattformen dazu beitragen werden, den Konsum zu verringern. Vielmehr bedarf es einer Regulierung jener Mechanismen, die verantwortlich für den Konsum der gigantischen Content-Mengen sind. Solche Regulierungen zugunsten einer dezenten oder stärkeren digitalen Enthaltsamkeit seien konform mit der Netzneutralität, bei der es um die Bedeutung und nicht um das Volumen des Contents gehe.

Am Ende, so die Forscher, sollte die neue digitale Besonnen- und Bescheidenheit darauf abzielen, die digitale Welt widerstandsfähiger zu machen, damit sie und ihr Energieverbrauch als Allgemeingut verantwortungsvoll verwaltet werden können.

Autor: MB

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