Blickwinkel

tl;dr: Keine Zeit für Fakten

Trends und Innovationen

Eigentlich ist es nur konsequent, wenn jemand gerade eine Abkürzung wie tl;dr (too long; didn't read) nutzt, um dem Gegenüber zu sagen, dass er das, was der andere geschrieben hat, nicht ganz gelesen hat, weil es ihm oder ihr schlichtweg zu lang war.

Während die Forderung nach Verkürzungen und der Drang zum Komprimieren von Botschaften vor allem über die Social Media im privaten Bereich vielleicht noch akzeptabel ist, ist es gerade in der Kommunikation wichtiger, sensibler und komplexer politischer Inhalte eher fahrlässig.

Dieser Meinung sind auch zahlreiche Speaker und Keynotes auf der diesjährigen re:publica. Und die 13. Ausgabe der Mutter aller europäischen Digitalkonferenzen widmet sich explizit dem Motto tl;dr. Das jedoch in kritischer Art und Weise, um darüber zu diskutieren, was genau passiert, „wenn Verkürzungen zu simplen Parolen und Slogans werden, die missbraucht werden, um die Gesellschaft zu spalten und demokratische Systeme zu zerstören.“ Und nicht zuletzt, wie man dem entgegentreten soll. Natürlich mit Wissen, mit tieferer Recherche und mit dem Willen und Mut zur Lektüre auch kleinster Fußnoten. Will heißen: Ein Gegenmodell zu tl;dr der Social-Media-Art.

re:publica mit staatstragender Rolle

Mit dem Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf der re:publica feierte der Digitalkongress ein historisches Novum. Noch nie zuvor nämlich hatte ein deutsches Staatsoberhaupt das digitale Festival besucht. Durch sein Erscheinen und mit seiner Rede verlieh der Bundespräsident der re:publica und deren Motto tl;dr quasi eine staatsprägende Rolle.

Die Demokratisierung des Digitalen und nicht die Digitalisierung der Demokratie gelte es zu erreichen, so Steinmeier. Auch der fast schon obligatorische Appell an die sozialen Netzwerke, ein „Herkunftssiegel für Informationen“ hinsichtlich politischer Werbung einzuführen, fehlte ebenso wenig wie der Wunsch, dass die Mehrheit der Leisen sich nicht dem Lärm der Wenigen im Netz beugen. Sehr viel enger an das tl;dr-Motto der 13. re:publica angelehnt war aber sein Eintreten für die Leidenschaft für Nebensätze. Denn nur durch inhaltliche Tiefe und der Bereitschaft, sich auf lange, kompliziertere Themen einzulassen, könnte man Austausch erreichen, so der Bundespräsident.

Brexit goes tl;dr

Andere wiederum scheinen den Einsatz für das Epische in den Social Media, den Mut zum Hinterfragen und die Verteidigung der Fußnoten in den sozialen Netzwerken mit Füßen zu treten. Mit der Verdichtung komplexer Sachverhalte auf einfache, prägnante und kurze Bild-Ton-Kondensate schaffen beispielsweise die Kampagnen der Brexit-Gegner von Britain's Future eine scharfe und gefährliche Polarisierung in der britischen und auch europäischen Gesellschaft.

Wenn demnach der Klick auf eine Werbeanzeige reicht, um seine Abgeordneten aufzufordern, den Brexit auch ohne Deal mit der EU umzusetzen und die Postfächer der Abgeordneten daraufhin mit Tausenden von Mails geflutet werden, mag das für die einen Ausdruck direkter Social-Media-Demokratie sein. Was jedoch dabei in Vergessenheit gerät, sind die Ursachen und Folgen des Wunsches nach einem schnellstmöglichen Austritt Großbritanniens aus der EU. Denn für solche Sachverhalte bieten Werbeanzeigen in den sozialen Netzwerken schlichtweg keinen Platz. tl;dr, eben – auch als eine Art Vertrauensvorschuss an all jene, die vermeintlich in unserem Interesse Langatmiges und Kompliziertes auf prägnante Parolen und in leicht zu verdauende Botschaften herunter brechen.

Politik-Phrasen und Social-Media-Spirale

Auch die Wahlen zum Europaparlament am 26. Mai sind bisweilen ein traurig-schaurig-schönes Beispiel dafür, wie sich Parteien und Politiker in den Social Media mitunter bewegen, verirren und verrennen. Dennoch geht es ohne die sozialen Netzwerke nun mal eben nicht mehr. Schon gar nicht in Wahlkampfzeiten – die sich dank der Social Media irgendwie über das gesamte Jahr erstrecken. Das hat das Europäische Parlament verstanden und umgesetzt – mit dem Europawahl-Mutmach-Video „Wähle deine Zukunft“, das mittlerweile über 75 Millionen Mal aufgerufen wurde. Der Spot wiederum ist mit einer Länge von 3:19 Minuten nicht unbedingt ein Fall für tl;dr, dafür aber leider Zielschreibe für jede Menge unangebrachter Kommentare auf YouTube.

In eine ähnlich lange wie tiefe Kerbe schlägt schließlich auch der Deutschen Journalisten Verband (DJV). Dessen Chef Frank Überall fand kürzlich keine lobenden Worte für die Social-Media-Manie deutscher Spitzenpolitiker. Seiner Meinung nach würden die Pressestellen der Ministerien am liebsten und häufigsten Inhalte aus Eigenregie in die Social Media einspeisen, weil sie damit den vermeintlich besten Eindruck abgäben. Durch diesen direkten Kontakt zu den Bürgern über die eigenen Accounts würden nicht nur die klassischen Medien übergangen und Nachfragen von Journalist nur ungenügend beantwortet, sondern auch komplexe Inhalte verkürzt dargestellt bzw. manche Aspekte und Themen ganz ausgelassen. Dieses Agenda Setting über Facebook, Twitter, YouTube und Co. ist dem DJV-Chef insofern gefährlich, als dadurch wichtige Themen, die womöglich unbequem oder zu komplex sind, nicht thematisiert würden.

Die Auswirkungen sind teilweise gravierend: Immer mehr Fraktionen und Ministerien setzen auf eigene Newsrooms, in denen die Resonanz und der Erfolg der eigenen Online- und Social-Media-Aktivitäten und anderer Parteimitglieder gemessen und verfolgt werden. Die Etats für die Öffentlichkeitsarbeit via sozialer Netzwerke steigen seit Jahren stetig. Der Druck, sich vor allem via Twitter und Facebook zu aktuellen politischen Themen zu äußern, wächst mit zunehmendem „Erfolg“ der Vorreiter auch auf die anderen Parlamentarier. Eine Social-Media-Präsenz-Spirale wird also in Gang gesetzt. Und die hört am Ende alleine schon aufgrund der für die sozialen Netzwerke typischen Eigenschaft, Botschaften am besten in plakative Worte, Bilder und Statements zu packen, wahrscheinlich dann auf den eingängigen Namen tl;dr.

Autor: MB

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