Blickwinkel

Übernehmen die Toten Facebook?

Trends und Innovationen

Dass Facebook irgendwann stirbt, ist wohl ebenso unwahrscheinlich wie dass das Internet kaputt ist. Und doch muss sich auch die weltweit größte und trotz aller Unkenrufe sehr vitale Social-Media-Plattform Gedanken um den Tod machen. Am besten im Hier und Jetzt, so zwei Forschern des Oxford Internet Institute an der University of Oxford. In ihrer Studie Are the dead taking over Facebook? A Big Data approach to the future of death online haben Carl J. Öhman und David Watson anhand umfangreicher Datensätze nämlich ein aufschlussreiches Zahlen- und Gedankenspiel über die Zombie-Zukunft von Facebook angestellt. Ausgangspunkt für ihre Untersuchung waren demnach zwei Fragen:

  1. Wie wird sich die Anzahl jener Facebook-Profile, die zu verstorbenen Usern gehören, im Laufe des 21. Jahrhunderts entwickeln?
  2. Wie werden sich diese Facebook-Profile geografisch verteilen?

Den Ergebnissen zufolge wird es unter ungünstigen und gleichzeitig unrealistischen Bedingungen (sprich: Nullwachstum bei der Anzahl der User) in 50 Jahren mehr Facebook-Profile Verstorbener geben, als Accounts von Lebenden. Bis zum Jahr 2100 werden den Schätzungen der Forscher zufolge etwa 1,4 Milliarden Facebook-Nutzer verstorben sein. Die Anzahl der „Facebook-Toten“ soll zudem in den nächsten fünf Jahrzehnten stetig zunehmen, mit einem Höhepunkt im Jahr 2077, um sich dann bis zum Ende des 21. Jahrhunderts wieder zu verlangsamen. Besonders stark betroffen vom tödlichen Schwund der Facebook-User ist dabei Asien, gefolgt von Europa und Nordamerika.

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Ein (weniger) schreckliches Szenario

Legt man jedoch zugrunde, dass Facebook hinsichtlich seiner User-Base auch in den kommenden Jahrzehnten um im Schnitt 13 Prozent wachsen wird und irgendwann – im wahrsten Sinne – alle Menschen dieser Erde auf seiner Plattform versammelt hat, sieht das Szenario anders aus, wenn auch nicht unbedingt besser. Zwar würde unter diesen Umständen die Zahl der Facebook-Profile von Verstorbenen zumindest erst im Laufe des 22. Jahrhunderts die Menge der lebenden Facebook-Nutzer toppen, doch andererseits könnte unter solchen Bedingungen die Zahl der „Facebook-Verstorbenen“ im Jahr 2100 die unglaubliche Marke von 4,9 Milliarden erreichen. Auch wenn dies alles noch nach Utopie bzw. Dystopie klingt, sollten wir uns vor Augen halten, dass Facebook aktuell weltweit etwa 2,376 Milliarden monatlich aktive Nutzer hat.

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Die derart veränderten Voraussetzungen würden zudem dazu führen, dass es nun besonders Länder in Afrika wären, die proportional die meisten Toten auf Facebook beklagen würden. Denn hinter Indien, aus dem dann weltweit 15 Prozent aller Facebook-Profile von Verstorbenen stammen würden, folgt diesem Szenario zufolge Nigeria (6,4 Prozent) auf Platz zwei. Ebenso befinden sich Niger, Mali und Burkina Faso in diesen traurigen Top 10.

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Nun lassen sich die User-Wachstumsraten von Facebook ebenso wenig mit 100-prozentiger Sicherheit voraussagen wie die Zunahme der globalen Bevölkerung oder auch die Sterblichkeitsrate weltweit. Dennoch, so die Studie, seien solche Szenarien ein guter Anlass, um die dringende Debatte um den ethischen Umgang mit den Social-Media-Profilen Verstorbener anzustoßen.

Die Forscher merken an, dass Accounts verstorbener Menschen nicht nur aus finanzieller Sicht seitens der Social Media betrachtet werden dürfen und ihr Wert nicht ausschließlich bezüglich ihrer Profitabilität gemessen werden darf. Umso wichtiger sei es folglich, dass Konzepte entwickelt werden, die die Einbeziehung aller relevanten Akteure – also sowohl der Forschung wie aber auch der Hinterbliebenen und der Lebenden selbst – vorsieht. Wie also können alle von den digitalen Inhalten, die Verstorbene unter anderem auf Facebook hinterlassen, profitieren, und das nicht nur in Dollar und Cent gemessen?

Derweil unter den Facebook-Lebenden

All dieser düsteren Zombie-Szenarien zum Trotz sendet Facebook vitale Zeichen – und zwar aus der privaten Zukunft und direkt von der Entwicklerkonferenz Facebook F8 2019. Im Rahmen von 16 Keynotes stellten Zuckerberg und Co. unter dem zu den Szenarien der Oxford-Studie passenden Motto „The future is private“ ihr neues Facebook vor. Die neue Privatsphäre beginnt beim Messenger, der unter anderem eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung als Standard verpasst bekommen soll. Auch die Videotelefonielösung Portal, die dieses Jahr nun auch uns Europäer bereichern wird, erhält eine WhatsApp-gleiche Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Zudem soll es möglich sein, auch dann jemanden via Facebooks Portal verschlüsselt anrufen zu können, wenn er oder sie zwar selbst nicht Portal nutzt, dafür aber WhatsApp und Facebooks Messenger.

Ob diese und viele weitere neue Features und Verbesserungen (beispielsweise die baldige Einführung der Virtual-Reality-Headsets Oculus Quest und Rift S, Instagram Shopping für Creator, Business Catalog für WhatsApp, Desktop App für Messenger) dazu beitragen, die Facebook-User-Base unter den Lebenden in größeren Schritten zu erweitern, um dem (unausweichlichen) Zombie-Dasein zu entkommen? Die nächsten Quartalsergebnisse werden zumindest einen Hinweis darauf geben.

Autor: MB

(Quelle aller Abbildungen: Carl J. Öhman/David Watson (2019): Are the dead taking over Facebook? A Big Data approach to the future of death online. Oxford Internet Institute/University of Oxford.)

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