Blickwinkel

Venmo me - ein Scherz avanciert zum Web-Kult

Trends und Innovationen

Was als Scherz begann, hat sich innerhalb kürzester Zeit zu einem gehypten Meme amerikanischer College-Kids gemausert – wenn nicht gar zum kreativem Nebenverdienst. Auf Twitter und Instagram werden derzeit skurrile „Minijobs“ angeboten und via PayPal-App „Venmo“ sogar bezahlt. Über den mobilen Zahlungsdienst können Kleinbeträge unkompliziert und ohne E-Mail-Registrierung bezahlt oder angefordert werden. Zum Schnäppchenpreis von 5 Dollar werden beispielsweise Fußfotos angeboten, 10 Dollar kostet ein Untreuetest und für 20 Dollar werden gemeine Kommentare unter Selfies von Ex-Partnern oder Feinden platziert.

„Venmo me …, and I will …“

Die etwas willkürliche Preisgestaltung ist offenbar dem Umstand geschuldet, dass die ersten „Venmo me xx Dollar and I will xx for you“-Offerten tatsächlich nur zum Spaß gemacht wurden. Seinen Anfang nahm der Kult offenbar am 20. November, als Twitter-Userin Eden Dranger in einem Tweet 25 Dollar für einen ironischen Telefonanruf bei Menschen anbot, die Thanksgiving alleine verbringen.

Der Tweet erzielte eine große Resonanz in der Community – ebenso wie einen Folgetweet am 26. Dezember, in welchem Dranger für 20 Dollar „mein Beileid“ unter Instagram Posts von Feinden oder Ex-Partnern aussprechen würde. Kurz darauf sprangen immer mehr Social Media Nutzer auf den Zug auf und machten „venmo me, and I will“ zum geflügelten Ausdruck – mit eigenem Eintrag auf der Meme-Sammelseite „knowyourmeme“.

Verpatzte Preis-Recherche

Auch dem amerikanischen Unterhaltungsportal Buzzfeed war der Kult eine eigene Story wert: Er stöberte mehrere viral erfolgreiche „Venmo me“-Minijobber auf, um diese über ihren Geschäftserfolg zu interviewen. Hände hoch, wer tatsachlich überrascht ist, dass es tatsächlich diverse Anfragen und sogar Geldtransaktionen gab. Überaus erfolgreich erwiesen sich die Dienstleistungs-Angebote einer hübschen Hawaiianerin, mit einem sagenhaften Preis-Leistungsverhältnis (die oben genannten Preise für Fußfotos, Untreuetests und Kommentar-Beleidigungen).

Wenn auch als Scherz gepostet, sei der 24-Jährigen laut eigenem Bekunden von Anfang an klar gewesen, dass ihre Schnäppchen-Angebote auf Resonanz stoßen werden. Und tatsächlich gingen 15 Anfragen von komplett Fremden ein. Eine Handvoll Deals wurde tatsächlich vollzogen, wie Screenshots beweisen. Was die junge Frau nicht wirklich überraschte, denn „Frauen wollen Sicherheit und 10 Dollar ist dafür ein sehr geringer Preis“. Dass ihre 5 Dollar Fußfotos den Marktpreis komplett ruinierten, sei ihr erst im Nachhinein durch vielfaches User-Feedback aufgegangen, aber so what. Ihre Motivation, „zu sehen wie jemand reagieren würde, wenn er offenbar grundlos von einem total Fremden online gedisst wird“, wog mehr als die Hoffnung auf leichtes Geld.

#businessplan2019

Mittlerweile scheint diese Hoffnung jedoch bei so manchem Nachahmer eine nicht nebensächliche Rolle zu spielen. Zumindest kursieren bereits Venmo-me-Offerten mit dem Hashtag #businessplan2019. Für 5-Venmo-Dollar werden positive Yelp-Reviews angeboten und eine stolze Hundebesitzerin will es nicht unversucht lassen, zu demselben Preis, Fotos ihrer süßen Hündin unters Volk zu bringen.

Dagegen sind die 10 Dollar teuren Venmo-me-Socken ja fast schon Wucher – aber die gab es wohl auch schon, bevor das aktuelle Meme-Preisdumping einsetzte.

Ganz anderes Preiskaliber: Venmo-App

Ein Preisniveau jedenfalls, über das die ursprünglichen Venmo-Erfinder wahrscheinlich nur den Kopf schütteln würden. Schließlich haben die beiden College Studenten Andrew Kortina und Iqram Magdon-Ismail ihre 2009 erdachte und drei Jahre später offiziell eingeführte Bezahl-App zu einer richtigen Cash Cow gemacht. 2012 wurde Venmo für rund 26 Millionen Dollar vom Bezahldienst Braintree übernommen, welcher nur ein Jahr später für sage und schreibe 800 Millionen Dollar von PayPal gekauft wurde. Denn die App passt perfekt zum Lebensstil amerikanischer College-Studenten und profitiert immens vom Netzwerkeffekt. Nun hat der geflügelte Begriff „I'll venmo you“ 2019 also eine kleine Schwester namens „Venmo me“ bekommen.

Autor: KS

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