Blickwinkel

WeChats Desinformations Debunking

Trends und Innovationen

Chinas beliebteste Messaging-App hat ein Problem. Eines, das praktisch auch alle anderen Messenger-Dienste und Social-Media-Formate kennen: Es bietet einen fruchtbaren Nährboden für sich schnell verbreitende und gezielt lancierte Falschmeldungen. Anders jedoch als WhatsApp oder auch Facebook, Twitter und YouTube, setzt WeChat bei der Bekämpfung von Desinformationen auf eine App in der App. Ein Miniprogrammm, das den Usern erlaubt, über eine gesonderte Seite gezielt nach Falschmeldungen zu suchen oder auch eine Liste von kürzlich als Falschmeldungen markierte Meldungen zu durchstöbern.

Das (für WeChat) Gute daran ist, dass die Nutzer sich dafür nicht anderswo umschauen müssen, sondern in der App verweilen können. Das mag auch dazu dienen, dass sich Desinformationen nicht so schnell außerhalb der Community verbreiten, indem sie beispielsweise in anderen Social Media geteilt, sondern gleich „vor Ort“ gecheckt und geflaggt werden können.

WeChat Desinformations-App.png

(Quelle: abacus/WeChat)

Außerdem wird das WeChat-Debunking fast schon zu einer Art Challenge innerhalb der Messaging-Community stilisiert. So vergibt die Mini-App ein Ranking an die User, entsprechend der Anzahl der Fake Artikel/Gerüchte, die sie gelesen haben. Auch erhalten Nutzer eine Mitteilung, wenn sich Nachrichten, die sie an Freunde weitergeleitet haben, als Fakes erweisen.

Gerüchteküche geht durch den Magen

Ein Großteil der über WeChat verbreiteten Falschmeldungen kann dem Kulinarischen zugeschrieben werden. Meldungen darüber, dass Meeresalgen mit Plastik versetzt sind, Tomaten Krebs vorbeugen oder auch, das Mikrowellen Krebs verursachen, machten letztes Jahr 15 Prozent der Desinformation auf WeChat aus. Bei über 300 Millionen monatlich aktiven Nutzern können solche Gerüchte dazu führen, dass beispielsweise der Preis für Meeresalgen kurzfristig und regional um 50 Prozent fällt. Für (Groß-) Händler sind solche Meldungen existenzgefährdend.

Zudem verstärkt es das durch einige Lebensmittelskandale sowieso schon erschütterte Vertrauen der chinesischen Verbraucher in die Aufsichtsbehörden, in Händler, Hygiene und Märkte.

Mini-Wachprogramm hält die Augen offen

Um also das bereits angeschlagene Vertrauen der Chinesen in die eine oder andere staatliche Stelle nicht noch weiter zu erschüttern, und auch, um am Ende nicht in dieselbe Falschmeldungsbredouille wie Facebook zu geraten, schaltete WeChat nun seine Debunking-App in der App scharf. Seit Ende 2017 zählt die Anwendung 19,7 Millionen Nutzer. Über eine Million Falschmeldungen soll das Miniprogramm bereits erkannt und rund 180.000 Account blockiert haben.

Die Kehrseite der Aufräum-App schimmert weniger transparent. Und das liegt schlicht und ergreifend in der Natur von WeChat bzw. in der Tatsache, dass Chats in der Messaging-App regelmäßig auf Basis des Filterns bestimmter Schlagwörter zensiert werden.

Hinzu kommt, dass ein nicht unerheblicher Teil der Meldungen von staatlichen Medien und Sicherheitsbehörden als Fake geflaggt werden. Das ist vor allem dann heikel, wenn es in diesen Artikeln um Bestechung und Amtsmissbrauch geht. Schnell nämlich entsteht dabei der Verdacht, dass staatliche Stellen die eigenen Verfehlungen als Desinformation kaschieren (und kassieren), wenn unabhängige Medien darüber berichten und über WeChat teilen.

Ideologischer Appel mit der Xuexi Qiangguo-App

Ob die vor kurzem veröffentlichte Xuexi Qiangguo-App frei von Falschmeldungen ist, mag im Auge des Betrachters liegen. Gehören die Augen zu einem der 90 Millionen Mitglieder der Kommunistischen Partei Chinas, dann werden sie sicher keine Spur von Desinformationen finden. Denn die Anwendung, die Ende Januar Platz 1 in den Download-Charts der chinesischen App-Stores belegte, mutet der westlichen Wahrnehmung nach eher wie ein Indoktrinations-Tool an.

In der News-Sektion der App geht es fast ausschließlich um Wissenswertes rund um die chinesische KP und Präsident Xi Jinping. Manchen riecht Xuexi Qiangguo vor allem nach Überwachung. Die Möglichkeit, sich über seinen Account bei Dingtalk, einer aus dem Hause Alibaba stammenden Kommunikations-App mit über 100 Millionen Nutzern in China, bei der Partei-App anzumelden und darüber mit seinen Dingtalk-Kontakten zu chatten bzw. Dinge zu teilen, erscheint vielen als vollständige Überwachung mit Ansage.

Zudem fühlen sich viele Staatsbedienstete nicht nur verpflichtet, sondern gar genötigt, sich Xuexi Qiangguo herunterzuladen. Doch das alleinige Herunterladen reicht nicht. Tatsächlich überprüft die App ab und an das individuelle Wissen der Nutzer rund um die Kommunistische Partei Chinas und um deren Generalsekretär und gleichzeitig Staatspräsidenten, Xi Jinping. Insofern – und das steht außer Frage – wird der knuddelige Winnie Puh leider draußen bleiben müssen, denn über jeden, der den Honig liebenden Bären auch nur in die Nähe zu Chinas Staatschef rückt, senkt sich sehr schnell das Zensurbeil. Egal, in welcher Messaging-App.

Autor: MB

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