Blickwinkel

WhatsApp: Weiterleitung auf Sparprogramm

Trends und Innovationen

Nach einer sechsmonatigen Testphase, die WhatsApp mit Nutzern in Indien durchgeführt hatte, teilte das Unternehmen jetzt mit, dass User des Messengers künftig Inhalte nur noch mit maximal fünf Kontakten bzw. in fünf Chats teilen können. Davor war es möglich, Videos, Fotos, Links und Texte an beliebig viele Empfänger gleichzeitig weiterzuleiten. Mit diesem nun doch recht drastischen Einschnitt bei der Weiterleitungsfunktion will WhatsApp dem Verbreiten von gefährlichen Desinformationen den Weg zumindest soweit verengen, dass Virales nicht mehr so schnell zu Fatalem wird und WhatsApp sich von seinem Image als Spam-Schleuder reinwaschen kann.

Dass gerade Indien dem Weiterleitungsfunktions-Feldversuch von WhatsApp das Terrain ebnete, ist weder Zufall, noch kommt es von ungefähr. Denn Indien hat mit 200 Millionen Usern nicht nur die weltweit größte Community des Messengerdienstes, sondern zudem (oder auch deswegen) ein massives WhatsApp-Problem. Im letzten Jahr war es auf dem Subkontinent zu Lynchmorden durch einen aufgebrachten Mob gekommen. Fast 50 Menschen fielen diesen Morden zum Opfer. Auslöser waren über WhatsApp geteilte, gefälschte oder verkürzte und aus dem Zusammenhang gerissene Videos, die gezielt Falschinformationen verbreiteten. Um diesen bei Wikipedia unter dem Begriff „Indian Whatsapp Lynchings“ geführten Gewalttaten ein Ende zu bereiten, schaltete sich jüngst gar die indische Aufsichtsbehörde für Telekommunikation ein und forderte von WhatsApp einen Zugang zu den privaten Chats und Nachrichten der User.

Zudem übte auch Indiens Regierung großen Druck auf die Macher der Messenger-App aus. Verständlich also, dass der im Juli gestartet Feldversuch mit der eingeschränkten Weiterleitungsfunktion seinen Start in Indien nahm. Dort, wo die User Inhalte sowieso nur an maximal 20 Kontakte bzw. in 20 Chats weiterleiten konnten und wo der Weiterleiten-Button von Mediennachrichten bereits einkassiert worden war.

Fokus aufs Private

Der Messengerdienst reagierte jetzt also – nicht mit der Entschlüsselung der Konversationen, sondern mit der nun für alle WhatsApp-User weltweit geltenden Beschränkung der Weiterleitungsfunktion. Damit soll ein erster großer Schritt gemacht werden, um die unkontrollierte Verbreitung von Desinformation oder auch von Kettenbriefen inklusive Malware einzudämmen. Denn auch wenn laut WhatsApp-Policy das Verbreiten von Spam-Nachrichten verboten ist, kann der Messengerdienst gerade aufgrund seiner Ende-zu-Ende-Verschlüsselung entsprechende Nachrichten erst dann sehen und löschen, wenn sie von Usern aus der App heraus gemeldet werden.

Die neue und von WhatsApp selbst auferlegte Sparsamkeit beim Weiterleiten von Videos, Fotos, Links oder Texten soll dem Messengerdienst zufolge dazu führen, dass die weltweit 1,5 Milliarden Nutzer der Messenger-App ihren Fokus künftig wieder auf das Wesentliche und Ursprüngliche der Anwendung legen können – auf das Private und auf den Austausch mit engen Kontakten, ohne Störung durch Spammer, Spinner und Spione.

Weiterleiten mit Label

Bereits im August war WhatsApp einen Schritt in Sachen höhere Transparenz in der Weiterleitungsfunktion gegangen und hatte eine neue Chat-Funktion eingeführt. Mit dieser werden seit Juli weitergeleitete Nachrichten auch als solche gekennzeichnet. Dieses Feature soll, ähnlich wie die jetzt scharf gestellten Einschränkung bei der Weiterleitungsfunktion, zu einer stärkeren Sensibilisierung für das Teilen und Weiterleiten von Inhalten bei den Usern führen – ganz nach dem Motto „Erst lesen, dann denken (wollen andere das wirklich lesen/sehen?) und dann eventuell weiterleiten“.

Sowohl auf diese wie auch auf die jüngste Funktionserweiterung in Sachen Weiterleiten (die ja eigentlich eine Einschränkung ist) könnten noch weitere folgen, denn WhatsApp behält sich vor, je nach Feedback und Erfolg der kürzlich ergriffenen Maßnahmen, „weiterhin nach neuen Wegen [zu] suchen, mit viralen Inhalte entsprechend umzugehen.“ Und hält man sich die nahenden Europawahlen vor Augen, und auch, wie WhatsApps Mutterkonzern Facebook eine neue Qualität der Transparenz beim Schalten von Anzeigen mit politischen Inhalten einzuführen versucht, wird auch der Messengerdienst gefordert sein, bei Bedarf und im Falle gehäuft auftretender Desinformationen schnell und entschlossen zu reagieren.

Autor: MB

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