Blickwinkel

YouTube macht Schule

Trends und Innovationen

Wer sich schon immer gefragt hat, was sich die Kids eigentlich so auf YouTube ansehen, hätte wohl kaum damit gerechnet, dass die Antworten auch „Wiederholen des Unterrichtsstoffs“, „Hausarbeiten/Hausaufgaben“ oder auch „Vertiefung meines Wissens“ enthalten könnten. Ob die Experten vom Rat für Kulturelle Bildung ebenso überrascht waren, was die Rolle der wichtigsten Videoplattform als wohl größten außerschulischen Lernort angeht, haben sie in der von ihnen in Auftrag gegebenen repräsentativen Studie „Jugend/YouTube/ Kulturelle Bildung. Horizont 2019“nicht explizit erwähnt.

Zur Sprache kommen außerdem ja vor allem die 818 befragten Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren. Von ihnen wollte man erfahren, wie sie ganz persönlich YouTube als Format und im Speziellen Tutorials und Erklärvideos in ihren Lernrhythmus einbinden, zum Lernen, Wiederholen und Vertiefen von Lernstoff nutzen und in welchem Maße YouTube sie zu neuen Hobbys oder Themen inspiriert.

Die Ergebnisse werden manchen Pauker und ebenso viele Eltern verblüffen. Denn viele der Jungen und Mädchen nutzen YouTube tatsächlich auch für schulische Themen, vor allem als eine Art kostenlose Nachhilfeeinrichtung, die sich jederzeit konsultieren lässt. 73 Prozent sehen sich Videos auf YouTube an, um Lernstoff wiederholen zu können, der im Unterricht nicht hängengeblieben ist. Mit 70 Prozent sind es etwas weniger Kids und Jugendliche, die YouTube einschalten, um sich dort Hilfe bei Hausaufgaben oder Hausarbeiten zu holen.

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Zweit Drittel wiederum setzen die bewegten und vertonten Bilder der Plattform ein, um das eigene Schulwissen zu vertiefen, während 60 Prozent YouTube nutzen, um sich auf Prüfungen vorzubereiten. Immerhin 46 respektive 37 und 35 Prozent sehen in YouTube auch eine außerschulische Inspiration der sprachlichen, musischen, dramatischen und darstellenden Art.

Das YouTube-Potential ist da

Der Blick der Studie auf die von den Jugendlichen genutzten Social-Media-Formate lässt keinen Zweifel daran, dass YouTube neben WhatsApp und mit weitem Vorsprung vor Instagram und Facebook die zweitwichtigste Plattform überhaupt ist. 86 Prozent der Jugendlichen bewegen sich dort. Das sind zwar 6 Prozent weniger als bei WhatsApp und womöglich wird sich bald auch eine andere Studie der Rolle des Messengers als außerschulisches Klassenzimmer widmen, dennoch zeigt sich klar und deutlich, dass YouTube knapp 15 Jahre nachdem es in Deutschland zum ersten Mal auf Sendung ging, zumindest in Sachen klassischer Social Media die Hauptrolle spielt.

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Je älter dabei die Jugendlichen sind, desto mehr und eher nutzen sie die Video-Plattform, ob nun aktiv oder passiv.

YouTube als Lernhilfe mit Entertainmentfaktor

Was sie dabei besonders reizt, ist ganz klar der Entertainment-, Fun- und Relaxfaktor der auf YouTube hochgeladenen Videos. 63 respektive 59 Prozent sehen diese Aspekte als die wichtigsten an.

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Immerhin ist es mit 25 Prozent aber auch ein Viertel der Millennials, die angeben, dass YouTube neben allem Spaß auch ihr Wissen erweitert. Und wer hat beim Lernen nicht gerne Spaß? 11 Prozent sagen, dass die Videos ihnen neue Fähigkeiten vermitteln und ihnen beim Verstehen schulischer Themen helfen.

Wichtige Aspekte bei der YouTube Nutzung.png

Aller Einstieg ist leicht

Wie finden die Kids das, was sie suchen? Ist es wirklich nur der allmächtige Algorithmus, der ihnen Interessen und dazu passende Videos suggeriert? Natürlich spielt die Empfehlungslogik von YouTube eine wichtige Rolle, doch vermag sie glücklicherweise nicht, die natürliche Neugierde und den eigenen Recherchewillen der Jugendlichen zu ersetzen. Denn mit 56 Prozent ist es mehr als die Hälfte der Jugendlichen, die sehr genau wissen, welche zu ihren Themen passenden Videos sie suchen und wie sie diese finden. Über ein Drittel wiederum angelt sich klassischerweise von Videovorschlag zu Videovorschlag und 12 Prozent schließlich folgen ihren Abos und festen Channels.

Der Einstieg bei YouTube.png

Gerne werden auch Informationsquellen aus der Welt außerhalb der Social Media angezapft, um angesagte oder hilfreiche Videos auf YouTube zu finden. Als solche Impulsgeber schneiden Lehrer eher im Bereich „befriedigend“ ab. Nur 30 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen geben an, dass ihnen die Tipps der Pädagogen sehr wichtig bzw. wichtig sind. Den größten Einfluss haben indes Freunde, Bekannte und Mitschüler. Für überwältigende 91 Prozent der Befragten sind sie die wichtigste Orientierung bei der Auswahl von YouTube-Videos. Gut zwei Drittel der Kids und Jugendlichen lässt sich durch Influencer der Video-Plattform inspirieren und immerhin 57 Prozent finden Likes bzw. Dislikes wie aber auch die Anzahl der jeweiligen Aufrufe und Abos wichtig, um sich ihren individuellen YouTube-Sender zu basteln.

Wichtige Einflussfaktoren bei Auswahl von YouTube Videos.png

Was insgesamt 37 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 19 aber ebenso wichtig bzw. sogar sehr wichtig an YouTube finden, sind tatsächlich Videos zu Schulthemen. Auch dann, wenn sie sie sich in ihrer Freizeit zu Hause ansehen.

Wichtigkeit von YouTube Videos zu Schulthemen.png

YouTube ist (auch) Kultur

Keine Frage, dass YouTube gerade auch für die Kids ein Ort ist, an dem das Zocker- und Gamingherz frei aufatmen kann. 79 Prozent der Jungen und 21 Prozent der Mädchen sehen das so. Doch tatsächlich gibt es auch andere kulturelle Kicks, die sich die Kids auf YouTube geben, wenn auch mit unterschiedlich intensiver Hingabe in Bezug auf die Geschlechter.

Und natürlich haben es kulturelle Hobbys wie Lesen, Bücherrezensionen, Lyrik und Bildhauerei nicht leicht gegen Themen wie Fotografie, Tanz oder Zeichnen zu bestehen – schon gar nicht auf einer audiovisuellen Plattform wie es YouTube nun eben ist. Dennoch finden sich auch dafür Zuschauer, die ihre speziellen Interessen dort suchen und finden.

Interesse an bestimmten kulturellen Aktivitäten nach Geschlecht.png

Umso wichtiger, so die Experten des Rats für Kulturelle Bildung, sei es also, dass der Wunsch der Jugendlichen nach kreativem Nachahmen und „körpernahem Lernen“ gerade von Kulturinstitutionen aufgegriffen werde – nicht zuletzt auch, indem sie die Kids bei der Produktion von eigenen und bei der Reflexion fremder audiovisueller Formate unterstützen.

Ist oder wird YouTube (bald) die bessere Schule?

Ob sich Lehrer wohl bald voll und ganz dem virtuellen Klassenzimmer widmen können und die Schulen in ihre eigenen YouTube-Channels für die jeweiligen Fächer umziehen werden? Verwaiste Schulgebäude und Klassenzimmer und Pädagogen, die nur noch aus der heimischen Stube heraus die Lehrinhalte vermitteln? Nun, ganz abwegig scheinen diese Szenarien nicht, zumindest nicht aus Sicht der Schüler. So finden 41 Prozent von ihnen YouTube besser als Schule, weil man – während man auf der Plattform auch für schulische Themen büffelt – nebenbei essen, trinken oder womöglich auch chatten und in der Nase bohren kann.

Für fast ein Drittel ist YouTube der bessere Lernort, weil man sich da – anders als in der Schule – aussuchen kann, wer einen mit Formeln und Grammatik quält. Knapp ein Fünftel schließlich würde YouTube der Schule vorziehen, weil die Inhalte dort besser erklärt werden.

YouTube im Vergleich zu Schule.png

Aber: Es gibt auch unter den Schülern Verfechter der traditionellen Vor-Ort-Lehr- und Lernmethoden. Für 32 Prozent ist das so, weil sie anders als im Unterricht keine direkten Rückfragen stellen können, wenn das eine oder andere nicht verstanden wurde. 13 Prozent wiederum finden, dass YouTube-Videos gegenüber den Lehrern noch Luft nach oben haben, was das Rüberbringen und Erklären von Lernstoff angeht. Bei über einem Viertel der Schüler kommen Schule und YouTube nicht auf einen gemeinsamen Nenner.

Vielleicht liegt ja die Lösung aber nicht in „Entweder YouTube oder Schule“, sondern vielmehr bei „YouTube IN der Schule“. Das zumindest sehen 56 Prozent der befragten Jugendlichen so. Nur 5 Prozent glauben, dass YouTube im schulischen Setting an Bedeutung verlieren wird. Und ein Viertel ist der Meinung, dass die Wichtigkeit der Videos von der Plattform im Kontext der Schule weder an Bedeutung gewinnen noch verlieren wird.

Zukünftige Bedeutung von YouTube in der Schule.png

Die Mehrheit der Schüler wie ebenso der Experten ist sich also einig: Auch, wenn YouTube nicht in erster Linie erfunden wurde, um als Bildungsmedium die Lehre und das Lernen zu revolutionieren, spielt es dennoch eine nicht mehr zu ignorierende Rolle, auch was neue Formen des Übens und Vertiefens von schulischem Lernstoff angeht. Dazu zählt beispielsweise auch die Produktion eigener Videos im Unterricht. Und hier schließlich sehen die Jugendlichen noch Nachholbedarf seitens der Lernanstalten. 52 Prozent der Befragten nämlich wünschen sich mehr technische und sicher auch dramaturgische Unterstützung durch die Schule, wenn es um die Erstellung eigener Videos geht.

Autor: MB

(Bilder: Rat für Kulturelle Bildung - Jugend/YouTube/ Kulturelle Bildung. Horizont 2019)

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