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Deutschland: führendes Digitalland oder Neuland?

Trends und Innovationen

In die „digitale Champions League“ solle Deutschland aufsteigen – diese Vision kommunizierte die Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär, im März bei der Konferenz „Digitaler Staat“. Auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier betonte jüngst in seiner Eröffnungsrede auf der CEBIT, dass Deutschland sich jetzt einen Platz als führendes Digitalland erkämpfen wolle. Leicht wird das nicht werden. Und schnell auch nicht. Zu groß ist der Nachholbedarf in vielen Bereichen der Digitalisierung. So musste Bär auch eingestehen: „Alles, was mit Digitalisierung zu tun hat, haben wir immer eine Legislaturperiode zu spät angepackt“.

Hinkende Digitalisierung

So hinkt Deutschland im Industrieländervergleich der OECD in fast allen Aspekten der Digitalisierung Ländern wie Skandinavien, Südkorea und den USA hinterher. Im erstmals erhobenen Digitalisierungsindikator 2017 landet Deutschland auf einem mittelmäßigen 17. Platz (von 35). Der Indikator ist Teil des Innovationsindikators, den das Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag von acatech (Deutsche Akademie der Technikwissenschaften) und des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) regelmäßig erheben. Egal, ob digitale Wirtschaft (Rang 12), Bildung (Rang 17) oder digitale Forschung/Technologien (Rang 16) – die Ergebnisse des neuen Indikators fallen in keinem Digitalbereich wirklich gut aus.

Baustelle schnelles Internet

Eine der größten Baustellen stellt die digitale Infrastruktur dar. Hier belegt Deutschland international nur Rang 19. Zwar rief die Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag den „flächendeckenden Ausbau mit Gigabit-Netzen bis 2025“ aus, aber schon die flächendeckende Versorgung mit Breitbandanschlüssen im niedrigen Megabit-Bereich ist heute noch nicht gegeben. Besonders in den ländlichen Regionen sind viele Gemeinden noch immer abgehängt. So sind von den 3,5 Milliarden Euro des „Bundesförderprogramm Breitbandausbau“ gerade einmal 3,1 Millionen Euro in konkrete Bauprojekte geflossen, wie die Süddeutsche jüngst veröffentlichte. Doch ohne Breitband- und Glasfaserausbau gibt es weder eine schnelle Anbindung von Unternehmen auf dem Land, noch einen Ausbau von Cloud-Diensten.

Diskrepanz von Theorie und Praxis

Auch das jährliche Gutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) kommt 2018 zu einem durchmischten Ergebnis. EFI-Vorsitzender Dietmar Harhoff vom Münchner Max-Planck-Institut sieht dafür mindestens eine Mitschuld bei der Politik und äußerte gegenüber der Wirtschaftswoche: „Es gibt in Deutschland viele kluge Gedanken zur Digitalisierung – aber wir haben davon kaum welche umgesetzt“. Will das Land bei der Digitalisierung aufholen, müssen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) stärker einbezogen, die IT-Sicherheit gestärkt, sowie die Aus- und Weiterbildung mehr in Richtung Digitalisierung ausgebaut werden.

Nachsitzen in digitaler Bildung

Auch im Bereich der digitalen Bildung muss Deutschland in vielen Bereichen nachsitzen. So bescheinigt der Digitalisierungsindikator uns „erhebliche Defizite bei der Nutzung von Online-Weiterbildung in der Bevölkerung, dem Einsatz des Internets im Schulunterricht und der Computer Hardwareausstattung an Schulen“. Die EFI-Gutachter beobachten beim Thema der digitalen Bildung eine Spaltung: In der beruflichen Bildung würden digitale Lehrinhalte relativ schnell aufgenommen und oft praxisnah umgesetzt. An den Hochschulen, bei der Weiterbildung oder an Grundschulen und Gymnasien läuft es dagegen nur zögerlich an. Dennoch steht Deutschland mit einem hohen Anteil an Absolventen in den Studienfächern Mathematik und Informatik und der IT-Weiterbildungsbeteiligung von Lehrern laut Digitalisierungsindikator ganz gut dar. Nun ist es an der Regierung dafür zu sorgen, dass das fachliche Potential auch in Deutschland bleibt und sich hier entfalten kann.

Gute Leute halten …

Dafür müssen diesen Fachleuten hierzulande berufliche Herausforderungen geboten werden. Schade nur, dass die Experten des Innovationsindikators deutschen Unternehmen Schwächen bei digitalen Geschäftsmodellen, Internetanwendungen und Betriebssystemen konstatieren. Auch die Nutzung verschiedener Digitalisierungsanwendungen, vom Softwareeinsatz über Online-Lösungen, bis hin zu Cloud-Computing, ist in deutschen Unternehmen laut dem neuen Indikator nur durchschnittlich. Aber welches High Potential möchte schon zu einem Durchschnittsunternehmen gehen? Und auch die Alternative einer eigenen Unternehmensgründung hat ihre Schwachstellen. So bemängeln die EFI-Gutachter, dass es in Deutschland noch immer viel zu hohe Barrieren für Start-ups gibt.

… und holen

Und noch ein wichtiges Detail: Wer in die Champions League aufsteigen möchte, sollte gute Talente unter Vertrag nehmen – aus dem In- und Ausland. Hierfür wäre ein allgemeines Einwanderungsgesetz hilfreich und nicht nur partielle Sonderregelungen oder Ausnahmen.

Packen wir es an

Es kommt also ein ordentlicher Brocken Arbeit auf die Große Koalition zu. Aus diesem Grund forderte die Bundesforschungsministerin Anja Karliczek auf dem Forschungsgipfel 2018 Staat und Wirtschaft auf, gemeinsam die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in den kommenden Jahren noch einmal deutlich zu erhöhen. Darüber hinaus kündigte sie die Weiterentwicklung der Hightech-Strategie an.

Es bleibt also spannend beim Thema Deutschland und die Digitalisierung.

Autor: KS

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